Berühmter Filmemacher verrät: „Wenn ich schimpfe, dann auf Bairisch"
Stand: 23.09.2026, 19:00 Uhr
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Regisseur Jo Baier ist in einem Dietramszeller Dorf mit 105 Einwohnern aufgewachsen. In unserer Serie „30 Minuten mit...“) erzählt er, warum ihn diese Kindheit bis heute prägt.
Dietramszell/Geretsried – Im Café Karl 13 war er noch nie. Und doch fühlt sich der Ausflug nach Geretsried an diesem sonnigen Vormittag für Jo Baier ein wenig wie Heimkommen an. „Das ist meine Herzensgegend“, sagt der Wahlmünchner und schaut sich um – meint aber weniger das Stadtzentrum, das er vor Augen hat, als das gesamte Tölzer Oberland. Aufgewachsen ist der Filmregisseur und Drehbuchautor in Fraßhausen, einem kleinen Dietramszeller Ortsteil. Das bäuerliche Leben habe ihn nachhaltig geprägt – positiv wie negativ, betont der 77-Jährige und zitiert seinen verstorbenen Kollegen Helmut Dietl: „Man verarbeitet ein Leben lang seine Kindheit.“
Berühmter Filmemacher verrät: „Wenn ich schimpfe, dann auf Bairisch"
Baiers Kinder- und Jugendjahre waren von Gegensätzen bestimmt. Einerseits die überschaubare dörfliche Welt, in der der Wald sein Lieblingsspielplatz war, und ein liebevolles Elternhaus. Aber auch: Klassenkameraden, die „daheim nur geschlagen und in der Schule verspottet wurden“, grobe Umgangsformen und „Leute, die sich umbrachten“, berichtet er. Während seiner Kindheit nahmen sich in seinem Heimatdorf mit 105 Einwohnern drei Menschen das Leben. Die Betroffenheit ist ihm noch heute anzumerken.
Preisgekrönter Filmemacher
Dr. phil. Josef Albert „Jo“ Baier (77) ist ein erfolgreicher Filmregisseur und Drehbuchautor. Seit 1979 drehte er über 60 Dokumentationen und 25 Fernseh- und Kinofilme, vorwiegend nach literarischen oder historischen Stoffen – wie etwa „Wambo“, „Schwabenkinder“ oder „Henri 4“. Für seine Werke erhielt er viermal den Adolf-Grimme-Preis, dreimal den Bayerischen Fernsehpreis und für das Geschichtsdrama „Stauffenberg“ 2004 den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „Bester Film“. Außerdem ist er Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande und des Bayerischen Verdienstordens.
Baier ist im Dietramszeller Ortsteil Fraßhausen aufgewachsen und studierte in München Theaterwissenschaften, Germanistik und Amerikanistik. Er ist verheiratet, hat einen Sohn und einen Enkel und lebt in der Landeshauptstadt.
In der engen dörflichen Gemeinschaft hatte er immer das Gefühl, nicht dazuzugehören. Er galt als „der Gspinnerte“, der gerne Theater spielte, Bücher las und schon in der Volksschule eigene Geschichten schrieb. Seine Eltern – die Mutter als Pflegekind bei Bauern in Fraßhausen aufgewachsen, der Vater Friseur aus der Großstadt – waren die einzigen im Dorf, die keine Landwirte waren.
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Mit zwölf wechselte Baier von der Zwergschule in Endlhausen aufs Gymnasium nach München. Um kurz nach 6 Uhr morgens stieg er in den Bus, verbrachte die Nachmittage in der menschenleeren Schule und nahm um 19 Uhr den einzigen Bus zurück nach Dietramszell. „Ich wollte das so“, sagt er, „und meine Eltern haben mich unterstützt, obwohl sie nicht begütert waren.“ In der Großstadt wurde er als Landpomeranze verhöhnt. „Ich habe mich durchgebissen“, sagt er. Es klingt nicht stolz, sondern bitter. „Hätte ich nicht den häuslichen Halt gehabt, wäre ich untergegangen.“

Bald schon zogen ihn die Museums-Lichtspiele in der Nähe der Schule in den Bann. Besonders habe ihn ein Klassiker der deutschen Vorkriegs-Filmkunst fasziniert, erzählt er: „M“ von Fritz Lang. Er lächelt bei der Erinnerung.
Arzt, wie es sich seine Mutter gewünscht hatte, wurde er nicht. Ihr zuliebe promovierte er aber als Theaterwissenschaftler. „Dass der Sohn Doktor ist, das gilt schon etwas im Dorfgefüge“, meint er mit einem spöttischen Unterton. Die Mama stolz zu machen, gefiel ihm. Ihm selbst sei Stolz fremd, sagt er. In den vielen Preisen und Auszeichnungen, die er bekam, sah er lediglich den Vorteil, weiterarbeiten zu können – also Geldgeber für den nächsten Film zu finden.
Was ich mache, mache ich mit einer großen Lust und Leidenschaft.
Erfolg bedeute, erklärt er, ein Leben lang das zu machen, was man machen wolle. Und: eine glückliche, gesunde Familie zu haben, obwohl er als Regisseur oft drei Viertel des Jahres unterwegs war. Einen Ausgleich brachte das Drehbuchschreiben daheim, „sonst wäre ich für meinen Sohn wie ein Fremder gewesen“.
Erholung habe er nie gebraucht. „Was ich mache, mache ich mit einer großen Lust und Leidenschaft.“ Er habe sich nie verbogen, betont er, und lieber lukrative Angebote ausgeschlagen als Kompromisse einzugehen. „Ich bemühe mich nicht um Gefälligkeit.“ Das große Publikum konnte er damit nicht immer erreichen, gibt er zu, „aber es hat gereicht“.
Haltung zu zeigen, sich selbst treu zu bleiben – wie das bäuerliche Leben in seiner Heimat ist auch das ein Thema, das in seinen Drehbüchern immer wieder auftaucht. Viele Gespräche mit seinen kriegsgeschädigten Eltern drehten sich um Nazis, Mitläufer und politischen Widerstand, berichtet er. In seinen Filmen wird wie bei ihm daheim oft Dialekt gesprochen. Ihm selbst hört man die Kindheit auf dem oberbayerischen Dorf nicht mehr an – außer, wenn er sich aufregt. „Ich schimpfe nicht oft“, sagt er, „aber wenn, dann auf Bairisch.“ Mit sichtlichem Vergnügen gibt er Kraftausdrücke zum Besten, die er von seinem Vater gelernt hat: „du zsambrochans Odelfass“ etwa – und einige andere, die sich nicht zur Wiedergabe in der Zeitung eignen.
Im Ruhestand schreibt der Geschichtenerzähler Jo Baier Bücher
Glück bedeutete für ihn früher: ein gelungener Dreh, bei dem die Szene genau die Gefühle ausdrückte, die er beim Drehbuchschreiben im Kopf hatte. Heute machen ihn Begegnungen mit Menschen glücklich, sagt er – und vor allem sein vierjähriger Enkel. Seit zehn Jahren ist er im Ruhestand. Ein Geschichtenerzähler bleibt er: Er schreibt jetzt Bücher.
Einen Roman, über dessen Thema er nichts verraten will, hat Jo Baier fast fertig. Parallel entsteht ein Kinderbuch über eine Fliege aus Teneriffa, die aus Versehen mit dem Flugzeug nach München kommt. Aus der vertrauten Welt in die Fremde – wie er damals aus dem kleinen Fraßhausen in die Landeshauptstadt. (von Clara Wildenrath)