Kryptowährungen: Überrenditen für clevere Anleger möglich


„Ich möchte nur mitteilen, dass ich erfolgreich 10.000 Bitcoins gegen Pizza eingetauscht habe“ schrieb Nutzer laszlo im Jahr 2010 in einem Bitcoin-Forum. Nach heutigen Maßstäben eine teure Pizza, 10.000 Bitcoin wären heute in etwa mehr als 500 Millionen Euro. Niemand würde heute auf die Idee kommen, seine Pizza mit einer Kryptowährung zu bezahlen, stattdessen wird damit spekuliert und investiert – der Markt für Kryptowährungen beläuft sich weltweit auf fast vier Billionen Dollar. Längst sind Kryptowährungen ein Feld für Kapitalmarktexperten auf der Suche nach Extra-Rendite geworden.

Wie groß sind die Renditechancen auf diesen Märkten? Die klassische Kapitalmarkttheorie sagt, dass Kapitalmärkte effizient sind. Das bedeutet, dass alle kursrelevanten Informationen bereits in den Preisen enthalten sind, die Kurse ändern sich nur aufgrund neuer Informationen, die zufällig eintreffen und folglich nicht vorhersagbar sind. Daraus folgt, dass sich Kursentwicklungen nicht systematisch prognostizieren lassen und niemand dauerhaft einen effizienten Markt schlagen kann; die beste Schätzung für den zukünftigen Kurs eines Investments ist dann der aktuelle Kurs.

Sind Kryptomärkte ineffizient?

Gilt das auch für Kryptomärkte? Was nach einer theoretischen Frage klingt, kann in der Praxis heftige Folgen haben: In effizienten Märkten kann man als Investor keine systematischen Überrenditen erwirtschaften, und es kann auch nicht zu wilden Kursschwankungen und spekulativen Übertreibungen kommen, da rationale Investoren sofort eingreifen, wenn sich der Preis eines Vermögenswerts weit von seinem fundamentalen Wert entfernt. Ineffiziente Märkte hingegen bieten Raum für Renditephantasien – und Kurskatastrophen.

Kryptomärkte könnten solche Märkte sein. Tatsächlich sprechen einige Merkmale von Kryptomärkten dafür: Studien zeigen, dass die Kurse von Bitcoin & Co. stark schwanken und übermäßig auf Nachrichten oder Stimmungen reagieren. Emotionen, Spekulationen, Gerüchte und Trends in sozialen Medien haben einen starken Einfluss auf ihre Kurse. Andererseits werden Kryptowährungen mittlerweile rund um die Uhr gehandelt, und immer mehr professionelle Investoren tummeln sich an diesem Markt, wodurch neue Informationen schnell verarbeitet werden, was die Effizienz dieser Märkte erhöht.

Entsprechend fällt auch das Urteil der Wissenschaft uneinheitlich aus: Viele Studien bescheinigen Kryptomärkten eine geringe Effizienz, andere Studien hingegen zeigen, dass der Markt für Bitcoin über die Jahre zunehmend effizienter geworden ist. Auch die Einführung von Bitcoin-Futures-Kontrakten an der Chicago Board Options Exchange (CBOE) und der Chicago Mercantile Exchange Group (CME) 2017 hat nach Ansicht einiger Forscher dazu beigetragen, die Markteffizienz und die Volatilität dieser Märkte zu stabilisieren.

Kurse orientieren sich an Stimmungen, nicht an Fundamentaldaten

Eine Übersichtsstudie kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit der Forscher den Bitcoin-Markt für ineffizient hält. Ein wichtiger Grund für diesen Befund ist das Verhalten der Anleger an diesen Märkten: Sie orientieren sich nicht an Fundamentaldaten oder makroökonomischen Variablen, sondern Stimmungen, sozialen Einflüssen oder anderen psychologischen Variablen. Das „Journal of Behavioral and Experimental Finance“ findet eine wachsende Zahl von Veröffentlichungen, die genau dies zeigen: Der Kryptomarkt werde von irrationalen Anlegern dominiert, die ihre Anlageentscheidungen auf der Grundlage der Marktstimmungen treffen; zudem sehe man Herdenverhalten und spekulative Blasen.

Wenn Stimmungen und nicht Fundamentaldaten die Preise bestimmen, überrascht es kaum, dass Kryptowährungen ein ausgesprochen spekulatives Investment darstellen. Hohe Kursschwankungen, abrupte Preissprünge und die starke Abhängigkeit von Gerüchten, Trends und öffentlicher Aufmerksamkeit – all das ist der Stoff, aus dem spekulative Geschäfte gemacht werden. Die Liste der Risiken ist lang: Betrugs- und Sicherheitsrisiken, technologische Unsicherheiten sowie regulatorische Unwägbarkeiten machen Kryptos zu einem Investment für Anleger mit starken Nerven.

Anfälliger für starke Schwankungen

Zudem zeigen diese Märkte eine statistische Besonderheit: Kryptowährungen sind besonders anfällig für sehr starke Marktbewegungen, Extremereignisse treten häufiger auf als in traditionellen Märkten und erhöhen das Risiko für Investoren. Das bedeutet auch, dass klassische Finanzmarktmodelle und Risikomaße das Risiko eines Investments in Kryptowährungen unterschätzen, da in ihnen Extremereignisse eine nur geringe Rolle spielen. Die hohe Vernetzung der Kryptowährungen verstärkt solche Extremereignisse: Ein Zusammenbruch einer großen Börse, Marktpanik oder Liquiditätsengpässe in einer Kryptowährung können überspringen auf Kryptowährungen.

Sind Kryptowährungen also ein Risikoinvestment? Eigentlich schon, um so seltsamer mutet es an, dass diese riskanten Investments in der Literatur auch als „safe haven“-Investment angesehen werden, also als sicherer Hafen. Diese Idee rührt aus einer Besonderheit der Kryptowährungen: Ihre Wertentwicklung hängt ab von Stimmungen, Emotionen, Spekulationen, aber kaum bis gar nicht von Faktoren, welche die Kurse von Aktien, Anleihen, Währungen oder Edelmetallen bestimmen. Damit sind Kryptowährungen das, was man „unkorreliert“ nennt – Faktoren, welche die Kurse anderer Vermögenswerte bestimmen, haben wenig bis gar keinen Einfluss auf den Wert von Kryptowährungen. Das macht sie zu einer idealen Absicherung, um ein Portfolio zu stabilisieren – wenn andere Vermögenswerte im Portfolio abstürzen, können Kryptos dem Portfolio Stabilität verleihen, da sie nicht im Einklang mit diesen Werten auf Tauchstation gehen.

Kryptos werden zur Absicherung gekauft

Offenbar sehen das zumindest institutionelle Investoren so, gibt es doch Hinweise darauf, dass sie während der Corona-Krise Kryptos als Absicherung gekauft haben. Investoren sehen Kryptos offenbar zunehmend als digitalen Wertspeicher und Absicherungsinstrument, ähnlich wie Gold – das Wort von Kryptowährungen als digitales Gold macht bereits die Runde. Und in der Tat gibt es Studien, die zeigen, dass Kryptowährungen die Risiko-Rendite-Eigenschaften von Portfolios verbessern können. Allerdings ist das umstritten, möglicherweise gilt es auch nur innerhalb bestimmter Zeitfenster. Nicht jede Krypto-Strategie verbessert also automatisch ein Portfolio, und den Anteil an Kryptos, den viele Studien im Portfolio empfehlen, liegt in der Regel unter fünf Prozent. Wählt man einen höheren Anteil, so wiegen die Risiken der Kryptos offenbar stärker als der Vorteil, ein unkorreliertes Investment im Portfolio zu haben.

Vieles deutet also darauf hin, dass der Markt für Kryptowährungen nicht effizient ist, was bedeuten würde, dass hier Chancen auf Überrenditen lauern. Ist das so? Eine Studie der schwedischen Reichsbank zeigt, dass aktiv gemanagte Kryptofonds zwischen 2015 und 2021 im Durchschnitt echte Überrenditen erzielt haben; teilweise sind diese Überrenditen so hoch, dass man sie nicht mit Glück erklären kann – zumindest ein Teil der Fondsmanager scheint tatsächlich Informations- oder Handelsvorteile oder bessere Fähigkeiten zu besitzen als ihre Kollegen – ein Hinweis auf Marktineffizienzen. Eine Studie in der Fachzeitschrift „Economics Letters“ bestätigt diesen Befund: Während viele Krypto-Fonds nicht besser abschneiden als der Gesamtmarkt, gibt es einige Fondsmanager, die offenbar über größere Fähigkeiten verfügen als ihre Kollegen. Die empirischen Hinweise auf überdurchschnittliche Erfolge von Fondsmanagern sind bei Kryptofonds stärker als in der traditionellen Aktienfondsforschung. Allerdings scheint die Verteilung von Talenten extrem ungleich: Einige wenige Fonds erzeugen den Großteil der Überrenditen, während viele Fonds den Markt nicht schlagen. Das passt gut zu einem Gefühl, das jeder hat, der auf Bitcoin & Co. schaut: Für einige wenige bieten sich große Verdienstmöglichkeiten – für die meisten jedoch nicht.