“Blackbird” zeigt ohne Klischees, wie zärtlich männliche Freundschaft sein kann


“Blackbird” berührt mit einem klischeefreien Blick auf die Verbindung zweier junger Männer in Angesicht des Todes.

Wenn Filme oder Serien von jungen Männern erzählen, dann sind sie oft das, was heute dem Label der toxischen Männlichkeit entspricht: Ein Problemfall. Die Serie “Euphoria” hat mit dem von Jacob Elordi gespielten Nate ein Paradebeispiel für so vieles geschaffen, was das männliche Geschlecht in Verruf gebracht hat. “Succession” fährt ein ganzes Spektrum der Scheußlichkeit an Männern auf. Auch der Erfolgsfilm “Saltburn” zeichnet das Schreckgespenst manipulativer Narzissten, die einem das Leben zur Hölle machen können.

In den letzten Jahren hat sich der Blick auf Männlichkeit im Kino zum Glück aber auch differenziert. Mit “Moonlight” von Barry Jenkins erhielt 2017 erstmals ein LGBTQI-Drama den Oscar in der Kategorie “Bester Film”. Der belgische Regisseur Lukas Dhont macht Filme, die junge Männer in ihrer Verletzlichkeit zeigen. In der ARD ist heute Abend ein Jugenddrama zu sehen, in dem eine Jungsfreundschaft so einfühlsam gezeichnet ist, wie man es selten im deutschen Fernsehen sieht. “Blackbird” ist die Verfilmung des Debütromans von Matthias Brandt. Der Schauspieler und Schriftsteller erzählt von genau der Herausforderung, an der so viele junge Männer scheitern: Zugang zur eigenen Gefühlswelt zu finden.

Marie Bach Hansen as Cecile Mike Vinter-Jensen in der Netflix-Serie "Das Reservat".

Blackbird in der ARD

© HR/Port au Prince/Tatami Films

“Blackbird” – Wenn das Leben plötzlich das Unvorstellbare verlangt

Motte und Bogi sind beste Freunde, etwa 15 Jahre alt und leben in einem relativ trostlosen Kaff irgendwo in der BRD der späten 70er Jahre. Auf dem Zehn-Meter-Turm des Freibads lässt sich für kurze Zeit der Blick weiten, der da unten in der Kleinstadt relativ beengt ist. Motte heißt eigentlich Morten, seine Eltern haben sich gerade getrennt und um dem elterlichen Zwist zu entkommen, freut er sich auf nichts so sehr wie auf eine Reise gemeinsam mit Bogi. Wir bekommen die Geschichte vom erwachsenen Morten erzählt, der sich zu Beginn des Films auf dem Zehn-Meter-Turm zurückerinnert. Allein der Tonfall seines Zurückerinnerns lässt erahnen, dass Morten damals einen schweren Schicksalsschlag erleben musste. Und heute ist er zurück in der Heimat, weil der Zehn-Meter-Turm abgerissen werden soll und der erwachsene Morten, gespielt von Bjarne Mädel, noch einmal von dort oben zurückschauen will auf früher.

Die Vorfreude auf die Reise mit Bogi schlägt in Angst um, als Motte durch einen Anruf von Bogis Eltern erschwert, dass er nicht mitkommen wird. Sein Freund sei schwer erkrankt, sagt die Mutter, und muss für längere Zeit im Krankenhaus bleiben. Die Diagnose lautet Non-Hodgkin-Lymphom und niemand im Umfeld von Bogi muss aussprechen, was man als Zuschauer sofort versteht. Es geht um Leben und Tod.

Blackbird in der ARD

“Blackbird” in der ARD: Gemeinsames Vortasten an das Unvorstellbare

© HR/Port au Prince/Tatami Films

In Mottes Leben ging es gerade noch um das neue Album von David Bowie, das ihm die Welt bedeutete, und um das Knie des Mädchens, das er anhimmelt. Ihr Knie hatte bei einer Verabredung sein Knie berührt und damit einen emotionalen Tumult in ihm ausgelöst. Jetzt aber geht es mit Bogis Erkrankung um ganz andere Gefühle. Jugendliche in diesem Alter sind selten mit einer lebensbedrohlichen Krankheit eines Gleichaltrigen konfrontiert. “Blackbird” handelt von genau dieser Annäherung an das Unvorstellbare. “Kann ich mal mit dir reden”, fragt seine Mutter an einer Stelle auf der Suche nach Zugang zu Morten: “Grad ganz schlecht”, antwortet er.

Coming-of-Age ohne Erlösung: Zarte Freundschaft im Angesicht der Krise

Eine Coming-of-Age-Geschichte erzählt meistens von der Überwindung einer schweren Krise in jungen Jahren. Das Schicksal prüft einen jungen Menschen und führt zu einer ersten im Leben erlangten Reife durch Arbeit an sich selbst. Die beiden jungen Schauspieler, Timothy Scannell als Morten und Albert Lichtenstern als Bogi, stehen vor der ungeheuer schweren Aufgabe, mit eben dieser Auflösung der Geschichte nicht belohnt zu werden. Der Film macht keinen Hehl daraus, wie schwer die Erkrankung von Bogi ist. Die Angst vor dem, was da kommen mag, ist unaussprechlich.

Gerade die Suche innerhalb der Sprachlosigkeit verleiht den beiden Jungs so viel Größe. Sie bringen die Sorge füreinander auf eine so zarte und tastende Art hervor, dass man in “Blackbird” an keiner Stelle Zweifel daran hat, einen versierten Schriftsteller wie Matthias Brandt als Urheber der Geschichte zu wissen. Die beiden Jungschauspieler Scannell und Lichtenstein wechseln so bedacht zwischen jugendlicher Inbrunst und kindlicher Verunsicherung, dass sie immer wieder hell aufleuchten in der Dunkelheit der Erfahrung, die sie machen müssen.


“Blackbird”, am 30. September 2026, 20:15 Uhr in der ARD und bereits in der ARD Mediathek verfügbar. Regie: Max Zähle, Drehbuch: David Ungureit, mit Timothy Scannell, Albert Lichtenstern, Holle Kirck, Lotte Schubert, Bjarne Mädel, Claude Heinrich, David Rott, Aenne Schwarz, Alexander Scheer und viele mehr