Anthropic Börsengang: Ist eine Bewertung von 2 Bio.
Der nächste Megabörsengang des Jahres steht bevor. Noch in diesem Jahr will Anthropic, der Anbieter der Künstlichen Intelligenz (KI) Claude, an die Börse gehen. Schon im November, nach den amerikanischen Kongresswahlen, könnte es so weit sein, berichten diverse Medien.
Die Zahlen aus dem Börsenprospekt, die nun über die Nachrichtenagentur Reuters öffentlich geworden sind, haben es in sich: Denn einerseits wächst Anthropic, und zwar sehr stark. Der Umsatz hat sich binnen eines Jahres verzwölffacht, auf 4,6 Milliarden Dollar im Geschäftsjahr 2025.
Andererseits gilt aber auch: Anthropic macht hohe Verluste. Im Geschäftsjahr 2025 waren es acht Milliarden Dollar aus dem eigentlichen operativen Geschäft. Insgesamt hat Anthropic sogar 42 Milliarden Dollar Verlust verbucht, der Rest erklärt sich aus buchhalterischen Neubewertungen.
Anthropic strebt einen Marktwert von zwei Billionen Dollar an, mehr als Elon Musks Weltraum- und KI-Firma SpaceX zum Zeitpunkt ihres Rekordbörsengangs im Juni. Es wäre der größte Börsengang aller Zeiten. Doch es gibt berechtigte Zweifel, ob Anthropic seine Bewertung wirklich rechtfertigen kann.

Für das Unternehmen spricht: Es wächst weiter weitgehend ungebremst. Im Mai hatte Anthropic selbst verkündet, dass die „run rate“, also der aufs Jahr hochgerechnete aktuelle Umsatz bei mehr als 47 Milliarden Dollar liege. Im Juli lag dieser Wert nach übereinstimmenden Medienberichten schon bei 65 Milliarden Dollar.
Doch es geht um so gewaltige Summen, dass sich zunehmend die Frage stellt, ob die amerikanische Wirtschaft imstande ist, das Wachstum der KI-Unternehmen weiterhin zu schultern. Denn das hängt am Ausbau der physischen Infrastruktur, die für den Betrieb der KI-Modelle nötig ist – allen voran der Rechenzentren, in denen die Modelle trainiert und betrieben werden. Der Ökonom Stijn Van Nieuwerburgh hat ausgerechnet, wie groß die Umsätze der Betreiber werden müssten, damit sich die enormen Investitionen in diese Infrastruktur auszahlen. Ein Rechenzentrum mit 200 Megawatt Strombedarf kommt demnach auf Fixkosten von 8,2 Milliarden Dollar. In einem mittleren Szenario, so schätzt Van Nieuwerburgh, werden bis 2032 mehr als 180 Gigawatt Kapazität ans Netz gehen. Nimmt man an, dass die Kosten jedes Jahr um vier Prozent steigen, kommt der Ökonom auf Gesamtkosten für den Ausbau der Rechenzentren in Höhe von 10,3 Billionen Dollar. Relativ zur Wirtschaftsleistung sind das dreimal so hohe Investitionen, wie für den Ausbau der amerikanischen Highways und des Telekomnetzes jeweils notwendig waren, und auch deutlich mehr als für den Bau der Eisenbahn. So ein gewaltiges Infrastrukturprogramm gab es noch nie.
Hinzu kommen Kapitalkosten. Die Bank Morgan Stanley schätzt, dass mehr als die Hälfte der Nachfrage nach Rechenkapazität der großen Cloud-Betreiber (also Google, Amazon und Microsoft) bis 2028 über Kredite finanziert werden. Damit sich das lohnt, müssten nach Van Nieuwerburghs Berechnung die Rechenzentrenbetreiber 3,7 Billionen Dollar Umsatz erwirtschaften. Das wären 9,2 Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsproduktes.
Was hat das Ganze nun mit Anthropic zu tun? Schließlich steht der Modellbetreiber an einer anderen Stelle in der Wertschöpfungskette als die Rechenzentren. Doch die hohen Kosten der Rechenzentrenbetreiber geben auch für die Kosten ihrer wichtigsten Kunden einen Rahmen vor, und das sind die Betreiber der KI-Modelle, allen voran Open AI und Anthropic. Die Umsätze von Open AI und Anthropic, so rechnet Van Nieuwerburgh vor, müssten bis 2032 jedes Jahr um 80 Prozent wachsen, um diese Kosten zu stemmen.
Tatsächlich sind Anthropics Ausgaben für Infrastruktur und Rechenkapazität zuletzt schon enorm gestiegen, Reuters zufolge auf 7,3 Milliarden Dollar im Geschäftsjahr 2025. Das ist 18-mal so viel wie noch zwei Jahre zuvor. Das Unternehmen hat demnach bereits Investitionen im Wert von mehr als 500 Milliarden Dollar geplant.
Gleichzeitig stehen die KI-Unternehmen auf der Einnahmenseite unter Druck. Der Wettbewerb ist hart, die Produkte für viele Anwendungsbereiche austauschbar. Anthropics neues Modell Sonnet 5.5 soll dem Unternehmen zufolge bis zu 30 Prozent weniger kosten als der Vorgänger. Konkurrent Open AI hat im September die Preise für zwei seiner Modelle um 50 Prozent reduziert. Der branchenweite Index für KI-Kosten der Analysefirma Silicon Data hat sich seit Mai halbiert. Das heißt: Die Modelle werden zwar effizienter, aber die KI-Betreiber können diesen Vorteil nicht abschöpfen, er wird an die Kunden weitergegeben. Mit ersetzbaren KI-Dienstleistungen lässt sich immer schwerer Geld verdienen. Anthropic selbst warnt zudem, dass ein Viertel seiner Einnahmen von nur zwei Großkunden kommt. Viele Kunden sind nicht über langfristige Verträge gebunden, diese Einnahmen könnten auch plötzlich wegfallen.
Damit eine Bewertung von zwei Billionen Dollar Stand heute gerechtfertigt wäre, müsste Anthropic in absehbarer Zeit enorme Profite einfahren. Nehmen wir an, Investoren erwarteten einen Kursanstieg von mindestens zehn Prozent im Jahr. Und nehmen wir zusätzlich an, Anthropic würde in fünf Jahren an der Börse behandelt wie ein normales großes Techunternehmen nach der Phase des extremen Wachstums – also mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von marktüblichen 25. Damit diese Zahlen aufgingen, müsste Anthropic dann im Jahr 2031 gut 3,2 Billionen Dollar wert sein und 129 Milliarden Dollar Profit einfahren. Das wäre ungefähr so viel Gewinn, wie der Google-Mutterkonzern Alphabet im vergangenen Jahr erzielt hat.
In diesen Zahlen steckt viel Unsicherheit. Eine denkbare Alternative wäre: Anthropic ist in fünf Jahren immer noch in einer Phase des rapiden Wachstums und wird bewertet wie ein Start-up. Dann würden auch niedrigere Profite ausreichen. Aber das hieße eben auch: Wenn die Tokenkosten fallen und der Umsatz trotzdem steigen soll, müsste die Nutzung von Anthropics KI noch viel stärker zunehmen. Der Bau von Rechenzentren müsste noch länger mit diesem rapiden Wachstum mithalten. Und der wird gerade von allerlei Faktoren in der echten Welt ausgebremst, von Anwohnerprotesten über stark gestiegene Chippreise bis zu knappen Gasturbinen für die Energieversorgung. Womöglich hängt die Sinnhaftigkeit einer Zwei-Billionen-Bewertung gar nicht so sehr an dem, was Anthropic zu tun imstande ist – sondern daran, was die Wirtschaft um das Unternehmen herum verkraftet.