Ceuta: Marokko gibt Sozialen Medien Schuld an Tragödie


Angehörige der spanischen Armee beobachten eine Gruppe von Migranten nahe dem Grenzübergang der spanischen Exklave Ceuta.

Spanische Exklave Ceuta Marokko sieht die Schuld bei Sozialen Medien

Stand: 03.08.2026 • 13:37 Uhr

Drei Tage nach dem tödlichen Massenandrang auf die spanische Exklave Ceuta hat jetzt Marokkos Innenministerium Stellung bezogen. Es führt die Tragödie vor allem auf Falschinformationen in Sozialen Medien zurück.

Stefan Ehlert

Der Kellner Mustapha Zerrouqi ist nach nur einer Nacht auf europäischem Boden aus dem spanischen Ceuta ins marokkanische Fnideq zurückgekehrt. Erst war sein 12-jähriger Sohn vergangene Woche hinübergeschwommen, dann er selbst. Er posierte dort vor seiner Handykamera und schickte seiner Tochter Oumaima eine Nachricht: "Wo bist Du mein Mädchen? Ich bin in Ceuta."

Die 16-jährige Oumaima, noch in Fnideq, antwortete: "Lasst mich nicht alleine hier." Sie schwamm ebenfalls los, das Smartphone über dem Kopf, damit es trocken blieb.

Kampagnen in sozialen Netzwerken

Die Mobilisierung so vieler Menschen im Vorfeld der Tragödie von Ceuta sei wesentlich über das Handy erfolgt, bestätigt der marokkanische Journalist Ahmed Biyouzan. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Fragen von Flucht und Migration. Was in Ceuta passiert ist, hat er sich sehr genau angeschaut:

"Schon am 27. und 28. Juli sind fast 800 bis 1.000 Menschen in Ceuta angekommen", so Biyouzan. Davor habe es bereits Kampagnen in den sozialen Netzwerken gegeben, die zur Einwanderung aufriefen. "Es gab Seiten auf TikTok, Facebook und Instagram, auf denen die Menschen dazu aufgefordert wurden, anzureisen, weil die Einreise nach Ceuta einfach sei."

Verbindungen zur lokalen Mafia und Schmuggelnetzwerken habe er nicht erkennen können, sagt Biyouzan, für sie sei diesmal kein Geld zu verdienen gewesen.

Marokko sieht keine Schuld bei sich

Tage nach dem Höhepunkt der Krise hat sich auch Marokkos Regierung offiziell zu den Vorgängen in und um Ceuta geäußert. Rachid El Khalfi, Sprecher des Innenministeriums, erklärte im staatlichen Fernsehen, dass die Sozialen Medien eine zentrale Rolle bei der Massenauswanderung nach Ceuta gespielt hätten.

"Diese Ereignisse waren nicht das Ergebnis zufälliger oder spontaner Umstände, sondern sie sind auf das Zusammenspiel mehrerer miteinander verknüpfter Faktoren zurückzuführen", so El Khalfi. Darunter sei "vor allem die böswillige Ausnutzung des digitalen Raums, die Verbreitung irreführender Informationen."

Auch Menschenhändler hätten eine Rolle gespielt, gibt der Sprecher an. Außerdem kursierten Fehlinterpretationen eines spanischen Gerichtsurteils, wonach jemand, der auf See aufgegriffen würde, nicht sofort wieder abgeschoben werden könne.

Solidarität und Lastenteilung gefordert

Die seit Tagen erwarteten Verlautbarungen der marokkanischen Regierung werden in Europas Hauptstädten vermutlich sehr genau verfolgt. Denn noch immer hat niemand die Verantwortung dafür übernommen, dass so viele Menschen vergangene Woche die EU-Grenze bei Ceuta überwinden konnten - und dass so viele Menschen dabei zu Tode kamen.

Kaum jemand in Marokko scheint wirklich daran zu glauben, dass der sonst so effektive Sicherheitsapparat ausgerechnet vor Ceuta einfach von der Menge überrumpelt worden sei.

Die Regierung nimmt zu solchen Spekulationen nicht direkt Stellung, verweist aber auf die Leistungen, die Marokko im Rahmen der Migrationspartnerschaft mit Europa erbringe. "Das Innenministerium bekräftigt erneut, dass die Bewältigung des Migrationsphänomens nur im Rahmen eines ganzheitlichen Ansatzes erfolgen kann, der auf geteilter Verantwortung, wirksamer Solidarität und Lastenteilung beruht", so Rachid El Khalfi.

Wirksame Lastenteilung wird gefordert - offenbar war die Last diesmal zu groß für Marokko, das Land fordert mit dieser Darstellung möglicherweise mehr Unterstützung von Europa ein. Auch diese Botschaft dürfte in Berlin und Brüssel vernommen werden. Wie darauf zu reagieren ist, darüber beraten morgen Europas Innenminister auf ihrer Dringlichkeitssitzung.