Singapur als KI-Gewinner: Chips und Milliarden-Investments
Die größte Überraschung Singapurs zeigt sich auf der Insel eine halbe Stunde Autofahrt gen Nordwesten von den glitzernden Bankentürmen entfernt. Hier, am nahezu leeren North Coast Drive in Sichtweite des Nachbarstaats Malaysia, soll hinter von Stacheldraht geschützten Mauern und Toren bis Ende des Jahres eine neue Fabrik in Betrieb gehen, in der Hochgeschwindigkeitschips für Künstliche Intelligenz entwickelt, zusammengesetzt, verpackt und getestet werden sollen. 1400 neue Arbeitsplätze sollen so entstehen.
Bauherr der ganz in Weiß gehaltenen Hallen ist Micron, das hier sieben Milliarden Dollar neben seinen bereits bestehenden Produktionsanlagen investiert. Gleich nebenan hat der amerikanische Halbleiterhersteller vor ein paar Monaten den Spatenstich für eine weitere, zweigeschossige Fabrik für „NAND-Flash-Wafer“ gesetzt: Speicherchips, die in Laptops, Smartphones, Servern und Rechenzentren wie in einem digitalen Archiv Fotos, Videos, Cloud-Inhalte und die Trainingsdaten von KI-Modellen speichern. Der Bau mit 65.000 Quadratmeter Reinraumfläche ist Micron weitere 24 Milliarden Dollar wert, ab 2028 soll es losgehen und weitere 1600 Industriearbeitsplätze in Singapur schaffen.
Als Industriestandort ist das Finanzzentrum eigentlich nicht bekannt
Dabei ist der Stadtstaat in der Welt als Finanzzentrum bekannt, nicht unbedingt als Industriestandort. Die hübsche Ford-Fabrik an der Upper Bukit Timah Road, bei ihrem Bau im Jahr 1941 das erste vollwertige Autoproduktionswerk Südostasiens, ist seit fast einem halben Jahrhundert nur noch ein Museum. Doch als Singapur Mitte Juli die erste Schätzung für das Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal bekannt gab, hatten selbst die Beamten im Wirtschaftsministerium nicht mit einer solchen Höhe gerechnet: 5,7 Prozent, am Ende waren es sogar noch 0,2 Punkte mehr. Mitte August erhöhte die Regierung ihre Schätzung für das Wachstum im Gesamtjahr deutlich: von zwei bis vier Prozent auf nun bis zu 5,5 Prozent – ein Wert, wie man ihn eigentlich nur von aufstrebenden Schwellenländern kennt, nicht von einem Hochlohnland wie Singapur, in dem das Pro-Kopf-Einkommen um zwei Drittel höher liegt als in Deutschland.
Zu verdanken hat Singapur seinen neuen Höhenflug ausgerechnet dem Boom der KI. Eigentlich ist die Stimmung auf der Insel angesichts der vielen Herausforderungen derzeit nicht die beste: Der Irankrieg und die Zollattacken Donald Trumps bedrohen den Status als Drehscheibe der Globalisierung. Mehr aber noch fürchten die hoch bezahlten Angestellten in Banken und Versicherungen, ihre Jobs an Sprachmodelle wie von KI-Entwickler Anthropic zu verlieren, die in der Theorie Finanzanalysten, Steuerberater, Compliance-Manager und Softwareentwickler arbeitslos machen könnten. Manche Jobs würden verschwinden, hat Ministerpräsident Lawrence Wong am ersten Mai gewarnt. Zum ersten Mal in seiner Geschichte bietet der erzliberale Stadtstaat nun Arbeitslosenhilfe an.
Die Amerikaner entwickeln den KI-Motor, Singapur baut das Getriebe
Nun rettet ausgerechnet die KI Singapur ein weltwirtschaftlich verkorkstes Jahr. Dass die Industrieproduktion auf der Insel im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 12,5 Prozent wuchs, ist auf die weltweite Nachfrage nach Hardware für KI zurückzuführen. Plötzlich wird deutlich, dass sich das winzige Land mit der Flächengröße von Hamburg seit den Sechzigerjahren zu einem Elektronikstandort entwickelt hat, der heute den physischen Kern der KI-Lieferkette bildet. Zwar hat Singapur kein eigenes Sprachmodell entwickelt. Auch die Entwicklung der stärksten Hochleistungschips wie von Nvidia findet nicht dort statt, sondern in den USA, und ihre Fertigung in Taiwan. Singapur, das jeden zehnten Chip auf der Welt herstellt und jede fünfte Maschine für die Halbleiterproduktion, liefert das Gerüst, das die KI-Rechenmaschine umgibt und versorgt. Wenn die Amerikaner den Motor des KI-Fortschritts entwerfen und die Taiwaner ihn bauen, liefert Singapur also bildlich gesprochen das Getriebe.
Einheimische Unternehmen sind darunter wie der Singapurer Halbleiterzulieferer AEM. Dessen Maschinen testen Chips unter hoher Spannung und Hitze auf ihre Zuverlässigkeit, bevor sie in Servern, Smartphones und KI-Rechenzentren verbaut werden. Vor allem sind es ausländische Weltkonzerne, die Infrastruktur und Rechtssicherheit auf der Insel nahe dem Äquator schätzen und dort investieren. Auch Silicon Box ist ein Singapurer Eigengewächs. Das erst fünf Jahre alte Start-up betreibt im östlichen Tampines ein Werk, das die von anderen gefertigten Chips auf quadratischen Panels „verpackt“, was die Aufteilung in kleine modulare Bausteine ermöglicht und so die Effizienz für KI-Anwendungen erhöht.
Bereits vor 60 Jahren warb Singapur Amerikas Techhersteller an
Auch der Münchener Halbleiterkonzern Infineon nutzt Singapur nicht nur als Verkaufsbüro. Die Deutschen sind bereits seit 1970 auf der Insel, zunächst als Teil von Siemens. Heute steuert Infineon als eigenes Unternehmen von dem Logistikhub aus nicht nur einen Großteil seines Jahresumsatzes. In Singapur betreibt Infineon auch eine Fertigung für Leistungshalbleiter, Sensorik, Mikrocontroller und Sicherheitschips. Die Bausteine steuern Strom und Energie, regeln Motoren und machen die Elektronik zuverlässiger. Während etwa US-Anbieter Micron in Singapur den Speicher für KI baut, forschen auf der Insel bei Infineon 400 Entwickler nach Wegen, den immer größeren Energiehunger der Rechenzentren zu stillen.
Erkämpft hat sich Singapur seinen Platz in der KI-Lieferkette freilich nicht über Nacht. Bereits im Jahr der Unabhängigkeit 1965 begann die Regierung unter Landesgründer Lee Kuan Yew gezielt, Elektronikkonzerne aus den USA, Japan und Europa anzulocken. Den Anfang machte drei Jahre später der amerikanische Halbleiter-Pionier National Semiconductor mit einer Fabrik, der Texas Instruments, Hewlett-Packard und General Electric folgten. Von heute aus betrachtet, war das Montieren, Verdrahten, Testen und Verpacken der damaligen Chips simpel. Doch es war der Beginn eines jahrzehntelangen Aufstiegs zum Standort für Hightech-Produktion. Die Hersteller schätzten am Standort die stabile Energie- und Wasserproduktion – und dass auch alles andere in dem als „asiatische Schweiz“ bekannten Staat funktionierte.
Nun treibt ausgerechnet die KI, vor der so viele Singapurer Angst haben, das Wachstum. Die Stadt wolle für die Tech-Konzerne ein „verlässlicher, qualitativ hochwertiger Knotenpunkt in der KI-Lieferkette“ bleiben, sagte Wirtschaftsminister Gan Kim Yong, als er im Januar den Grundstein für Microns neue 24-Milliarden-Dollar-Fabrik legte. Doch Singapur wäre nicht Singapur, hätte die Regierung nicht später die Euphorie gleich wieder gebremst: Die Investitionen der Techkonzerne könnten auch wieder zurückgehen – stelle sich der KI-Hype doch noch als Blase heraus.