„Sie könnten ja mein Sohn sein“: Wie ein wütender AfD-Streit mit Grünen-Chef plötzlich überraschend endet


„Damals wurden Menschen wie ich hier verprügelt“: Wie die Wahl in Sachsen-Anhalt ganze Städte spaltet

Stand: 03.09.2026, 07:16 Uhr

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In Sachsen-Anhalt werden die Gräben zwischen Nachbarn vor der Wahl tiefer. Derweil nimmt ein Wortgefecht zwischen AfD-Fans und dem Grünen-Chef eine ungewöhnliche Wende.

Haldensleben – Die neue deutsch-deutsche Grenze verläuft quer über die Festwiese von Haldensleben. Auf der einen Seite: die AfD im Schützenhaus. „Demokratiefest“ nennt die rechtsextreme Partei das hier, es gibt Bier, Wurst und viele blaue Fähnchen. Geladen hat Ulrich Siegmund, der neuer Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt werden will. Breitgebaute Ordner sichern den Eingang, hier soll nicht jeder rein. Auf der anderen Seite: der Gegenprotest. Rund 150 Menschen haben sich versammelt, manche haben regenbogenbunte Regenschirme dabei, andere tragen Shirts, auf denen „FCK AfD“ steht.

„Demokratiefest“ der AfD in Haldensleben.

„Demokratiefest“ der AfD in Haldensleben. © Peter Sieben

An diesem Dienstagabend stehen sich Menschen gegenüber, die Nachbarn sind, vielleicht mal Freunde waren. Aber jetzt ist da ein Graben. „So heftig, dass Leute aus der Schule, die ich kenne, drüben bei dem AfD-Fest sind“, sagt ein Mädchen. An einem Stand verteilen „Omas gegen Rechts“ Kuchen. Irmgard Pfennig ist eine von ihnen. Laut Umfragen könnte die AfD am kommenden Sonntag über 40 Prozent der Stimmen holen. „In meiner Straße waren es bei der Bundestagswahl 43 Prozent“, erzählt die 70-Jährige. „Seitdem geh ich durch den Ort und denke: du eher nicht, du vielleicht ja. Das ist kein schönes Gefühl. Ich möchte gar nicht darüber nachdenken, was passiert, wenn der schöne Uli Ministerpräsident wird.“

Der schöne Uli. So nennen viele hier Ulrich Siegmund, den akkurat gescheitelten Spitzenkandidaten, der bei seinen Wahlkampfauftritten dauerlächelnd eine vermeintlich gute alte Zeit der 1990er Jahre heraufbeschwört. Dafür fährt er gern auf dem Simson-Moped durch die Lande, die Marke ist Kult in Ostdeutschland, zunehmend auch unter AfD‑Anhängern. Heute ist er ohne Moped da. „Wir haben schon Geschichte geschrieben“, ruft er am Schützenhaus ins Mikro und seine Fans johlen. Geschichte schreiben. Etwas bewegen. Damit kriegt er sie.

Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: „Wenn die AfD es nicht hinkriegt, werdense wieder abgewählt“

„Ulrich Siegmund und seine AfD bieten den Menschen etwas, was die anderen Parteien seit sehr langer Zeit nicht mehr bieten: eine Identifikationsfläche, ein Gemeinschaftsgefühl und eine Vision“, sagte jüngst der Berliner Politologe und Kommunikationsprofi Johannes Hillje im Gespräch mit unserer Redaktion. Bei vielen, die jetzt mit blauen Fähnchen in Haldensleben beim AfD-Fest unterwegs sind, spürt man Frust und Wut, die sich schnell entlädt. Was stört sie denn? „Zuckersteuer“, sagt ein älterer Mann. „Wir schreiben Geschichte“ steht auf seinem T-Shirt, Siegmunds Slogan. Man reagiere empfindlich auf Bevormundung, wolle sich nichts mehr sagen lassen. Stört ihn nicht, dass der Verfassungsschutz die AfD im Bundesland als gesichert rechtsextrem einstuft? „Na und? Wenn die es in vier Jahren nicht hinkriegen, dann werdense wieder abgewählt“, sagt der Mann.

Protest gegen AfD in Haldensleben

Gegenprotest auf der anderen Seite der Festwiese. © Peter Sieben

Das hört man hier oft. Den Blauen mal eine Chance geben, Hauptsache die anderen bekommen eine Klatsche. SPD, CDU, Linke, FDP: Den Wahlkampf der Parteien nennen Beobachter eher farblos. „Sven Schulze macht einen Wahlkampf à la: Gehen Sie weiter, hier ist nichts passiert“, findet Felix Banaszak. Der Bundesvorsitzende der Grünen hat sich beim Gegenprotest unter die Leute gemischt, es sind die letzten Wahlkampfzüge vor der Wahl.

Auch seine Partei glänzt hier nicht eben mit sichtbaren positiven Visionen, bewegt nicht die Massen. Aber immerhin: Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz konnte gut aufholen. Vor ein paar Wochen lagen die Grünen in Umfragen bei drei Prozent – kurz vor der Wahl scheint die wichtige Fünf-Prozent-Hürde geknackt. „Die Rechten wissen, dass zwischen Ulrich Siegmund und der Staatskanzlei die Grünen stehen“, sagt Banaszak. In der Tat könnte die Partei bei möglichen Koalitionsbildungen Zünglein an der Waage sein und je nach Ausgang eine absolute Mehrheit der Sitze für die AfD im Parlament verhindern. Derweil muss sich Sziborra-Seidlitz in diesen Tagen plötzlich mit der erneut hochgekochten Debatte über die Rechtsextremismus-Vergangenheit ihres Ehemannes auseinandersetzen.

Streamer Marcant in Haldensleben.

Streamer Marcant in Haldensleben. © Peter Sieben

Auf der anderen Seite am Schützenhaus kämpfen jetzt die Streamer um die Deutungshoheit für ihre Videos auf Youtube, Tiktok und Instagram. Mit einer Körpergröße von über zwei Metern sticht der Streamer und Aktivist „Marcant“, heraus, der rechtsextreme Akteure oft mit provokanten Fragen konfrontiert und für politische Aufklärung wirbt. Er ist Feindbild der meisten AfD-Fans. Immer an ihm dran klebt „Aktivist Mann“, der sehr viel schreit, pöbelt und gerne mal Journalisten attackiert. Ein Phänomen, das vor dieser Wahl ganz neue Züge annimmt – je provokanter, desto mehr Reichweite. Auch deshalb habe man immer die bunten Regenschirme dabei, um zur Not aggressive Streamer abzuwehren, erzählt man drüben beim Gegenprotest. Immer wieder spannen sie die Schirme auf, auch als Sichtschutz vor den Handykameras. Dann stellt sich auch die Polizei auf, die mit einem großen Aufgebot zwischen den Lagern unterwegs ist. Es bleibt friedlich, aber die Luft ist dick.

Feindbild in Sachsen-Anhalt: „Noch schlimmer, das ist der Grüne“

Das spürt auch Felix Banaszak. „Das ist doch so ein SPD-Funktionär“, ruft ein Mann um die 60 mit Siegmund-Plakat unterm Arm beim Vorbeigehen. „Ne, noch schlimmer, das ist der Grüne“, sagt seine weibliche Begleiterin und schwenkt ihr AfD-Fähnchen. Die Grünen sind das Feindbild für viele Menschen hier, die die AfD wählen. Schnell wird‘s laut, viel Frust und Wut entlädt sich. „Eure Klimapolitik kotzt mich so an“, fährt der Mann den Grünen-Politiker an. „Was in diesem Land abgeht, kann euch doch nicht scheißegal sein“, sagt die Frau. Sechs Enkel habe sie, um die habe sie Angst. Es soll wieder wie in den 90ern sein, das wünsche sie sich. „Damals wurden Menschen wie ich hier auf der Straße verprügelt“, entgegnet Banaszak. Immerhin: Man hört sich zu. „Das war ein nettes Gespräch. Sie könnten ja glatt mein Sohn sein“, sagt die Frau am Ende.

Das AfD-Fest ist da allmählich in den letzten Zügen. Der Weg in die Altstadt von Aldensleben ist menschenleer und still. Dann ein Knattern: zehn, zwölf Jugendliche auf Simson-Mopeds heizen vorbei, in Richtung Festwiese.