Darf ich mich nach Zeit ohne meinen Sohn sehnen?


Stand: 27.08.2026, 23:31 Uhr

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Illu Franka

Es ist nicht immer einfach. © Eva Hillreiner

Das ist hier die Frage.

Liebe Franka, ich liebe meinen vierjährigen Sohn, aber ich genieße die Zeit ohne ihn oft mehr, als ich zugeben möchte. Sein Vater und ich sind getrennt, und wenn er ein Wochenende bei seinem Vater verbringt, fühle ich mich manchmal regelrecht erleichtert. Danach plagt mich sofort das schlechte Gewissen. In sozialen Medien und in Gesprächen mit anderen Eltern entsteht oft der Eindruck, gute Eltern würden jede Minute mit ihren Kindern als Geschenk empfinden. Ich tue das nicht. Ich vermisse eben auch mein früheres Leben, meine Freiheit und die Möglichkeit, einfach nur für mich selbst verantwortlich zu sein. Natürlich kümmere ich mich um mein Kind und möchte, dass es ihm gut geht. Aber darf man die Elternrolle zwischendurch auch mal als Belastung empfinden? Ich weiß gar nicht so genau, was ich mit meiner Frage erreichen möchte, aber ich möchte sie jedenfalls nicht beim Zusammensitzen auf dem Spielplatz mit anderen Müttern ausdiskutieren …

FR7-Leserin Janina (32)

Liebe Janina, ich bin jetzt auch nicht in einer Position, Ihnen die Absolution zu erteilen, das müssen Sie schon selbst tun. Aber ich sage jetzt einfach mal: Ja klar, Sie dürfen sich auch als Elternteil über Alleinzeit freuen. Das ist ein Menschenrecht. Und wenn Sie beim Tschüss-Sagen am Freitag innerlich ein kleines „Endlich!“ hören, während Sie äußerlich tapfer winken, macht Sie das noch lange nicht zu einer schlechten Mutter. Es macht Sie, nun ja, zu einem normalen menschlichen Wesen, das gelegentlich gerne mit sich selbst zusammen ist.

Ja, in Büchern, auf Instagram und in Gesprächen mit anderen Müttern und Vätern erscheint Elternschaft sie bisweilen wie ein Wellness-Retreat: Jede Minute ist kostbar, jeder Wutanfall eine Wachstumschance, jedes verschüttete Glas eine Erinnerung fürs Leben. In der Realität steht man um 6.17 Uhr in der Küche, sucht eine einzelne verschwundene Socke und fragt sich, warum ein Mensch, der noch nicht einmal einen Meter groß ist, bereits so viele Verhandlungen verlangt. Beides gehört zur Wahrheit.

Das Problem ist nicht, dass Sie die Zeit mit Ihrem Sohn manchmal weniger genießen als die Zeit ohne ihn. Das Problem ist eher die Vorstellung, dass eine gute Mutter die Zeit mit ihrem Kind grundsätzlich genießen müsste. Als wäre Liebe nicht ein ziemlich komplexes menschliches Gefühl. Sie können Ihren Sohn von Herzen lieben und trotzdem froh sein, wenn er übers Wochenende bei seinem Vater ist. Sie können ihn vermissen und gleichzeitig denken: Geil, heute mal nicht zum Spielplatz gehen. Nennt sich Ambivalenz – und gehört zu Beziehungen jedweder Art dazu.

Überhaupt sollten wir vorsichtig damit sein, Gefühle als moralische Zeugnisse zu lesen. Ein Gefühl ist zunächst einmal ein Gefühl. Es sagt nicht automatisch: „So bin ich als Mensch.“ Wenn Sie erleichtert sind, bedeutet das nicht: „Mein Sohn ist mir lästig.“ Es kann schlicht heißen: „Ich brauche gerade Ruhe.“ Und Ruhe ist kein Luxusbedürfnis. Denn natürlich ist Elternschaft (auch) belastend. Sie ist eine enorme Lebensveränderung, weil plötzlich jemand existiert, dessen Bedürfnisse nicht nur wichtig, sondern ziemlich dringend sind. Wichtiger als die eigenen auf jeden Fall. Man kann das sinnvoll, beglückend und erfüllend finden – und trotzdem manchmal denken: Ich hätte gern einen Nachmittag, an dem niemand „Mama!“ ruft.

Schuldgefühle können sinnvoll sein, wenn wir tatsächlich jemanden verletzt haben. Aber sie sind kein verlässlicher Kompass dafür, ob wir uns genug aufopfern. Gerade Mütter scheinen häufig in einen imaginierten Wettbewerb zu stolpern, bei dem es darum geht, möglichst wenig eigene Bedürfnisse zu haben. Viel wichtiger ist, was Sie mit ihrer kinderfreien Zeit anfangen. Wenn Sie auftanken, Freunde treffen, schlafen, arbeiten, lesen oder einfach zwei Stunden lang mit niemandem sprechen und nicht zum 27. Mal „Ich habe einen Freund, der ist Baggerfahrer“ vorlesen müssen, dann ist das nicht das Gegenteil von Fürsorge. Es kann ein Teil davon sein. Ein Mensch, der nicht permanent über seine Grenzen geht, hat bessere Chancen, langfristig liebevoll und geduldig zu bleiben. Warum wird Vätern die Freude über ein freies Wochenende eigentlich weniger verdächtig ausgelegt?

Natürlich wäre es etwas anderes, wenn Sie dauerhaft nur noch wegwollten, sich Ihrem Sohn gegenüber innerlich leer fühlten oder das Gefühl hätten, in der Elternrolle völlig zu verschwinden. Dann wäre es gut, genauer hinzuschauen und sich Unterstützung zu holen. Aber aus dem, was Sie schreiben, lese ich das erstmal nicht heraus.

Also: Sie dürfen einfach durchatmen. Und wenn Sie Ihren Sohn am Sonntag vermissen, ist das ebenfalls wahr. Liebe muss nicht bedeuten, dass man jemanden jede Minute vermisst, wenn er nicht da ist. Sie darf auch bedeuten, dass man froh ist, wenn er wiederkommt.