Das hätte man eher sehen können: Die AfD wird nicht kleiner, wenn Journalisten sie wie Angeklagte behandeln


Ich habe Spiegel und Zeit gelesen, seit ich eine junge Journalistin war, was schon eine Weile her ist. Sie waren links-liberale Blätter, deren Integrität sich in vielen Investigativ-Recherchen, Scoops und Meinungsartikeln widerspiegelte. Für mich als Ostdeutsche, die dem Totalitarismus und der Muffigkeit der DDR durch Flucht in den Westen entkam, waren sie journalistische Leitsterne: unabhängig, intellektuell, neugierig und unbequem. Vor allem aber bereit, sich mit jeder Macht anzulegen, egal aus welcher politischen Richtung sie kam. Ich war der Meinung, dort saß ein Journalismus, wie er sein sollte: den Tatsachen und nicht der eigenen Gesinnung verpfichtet.

Ein Weltbild, das ohne jeden Selbstzweifel auskommt

Das hat sich geändert, schleichend. Und ich bin immer mehr aus meiner Liebe zu diesen Medien herausgefallen. Es gibt immer noch vieles, was ich gern lese, aber um politische Artikel und Kommentare mache ich seit ungefähr zehn Jahren einen Bogen. Ich bin – gerade, weil ostsozialisiert – hochgradig allergisch gegen eine Haltungsforderung,  die dort immer inflationärer auftaucht und die nach meinem Befinden im Journalismus, wie ich ihn schätze, nichts zu suchen hat. Auch die fortwährende Bestätigung des eigenen links-grünen Weltbildes, das so ohne jeden Selbstzweifel auskommt, macht mich fertig. Ich selbst war lange SPD-Wähler, bis die Partei sich der Identitätspolitik verschrieb. Politisch fühle ich mich inzwischen heimatlos.

René Pfister

René Pfister

© Maurice Weiss

Umso mehr freue ich mich über Autoren wie René Pfister (Spiegel) oder Ijoma Mangold (Zeit), die diese Selbtsgewissheit hinterfragen. Nicht weil sie plötzlich konservativ geworden wären oder der AfD das Wort redeten – beides tun sie ausdrücklich nicht. Aber sie verteidigen etwas, das ich gerade in diesen beiden Blättern aufs Schmerzliche vermisse: den Mut zur Selbstkritik. Den Mut, politische Entwicklungen nicht nur in Schwarz-Weiß, nicht nur in Gut- und Böse-Kategorien einzuteilen. Den Mut, sich gegen das allzu einhellige Tönen in ihren eigenen Publikationen zu stellen. Ich schätze, sie haben es mitunter schwer dort.

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René Pfister hat es jetzt wieder getan. In seinem jüngsten Spiegel-Kommentar „Dunja Hayali, Alice Weidel und die Fallstricke des engagierten Journalismus“ hat er etwas ausgesprochen, was sowohl in Zeit und Spiegel selten geworden ist: Er kritisiert nicht die politische, sondern die journalistische Haltung gegenüber der AfD. Seine Beobachtung macht er am letzten Interview Hayalis mit Weidel vom AfD-Parteitag in Erfurt fest, das medial einige Wellen schlug, weil die herzliche Abneigung beider Frauen zueinander wieder einmal mit Händen greifbar war.

Während Weidel die ZDF-Frau ständig des „Framings“ bezichtigte, wollte Hayali die AfD-Chefin nur anklagen. Soweit, so wie immer. Dass von Frau Weidel nur Jammern und Klagen kommt – geschenkt. Wenn aber ein Interview wie das von Hayali nicht mehr ergebnisoffen geführt wird, sondern vor allem demonstriert werden soll, auf welcher Seite die Journalistin steht, dann sitzt der Journalismus in der Falle. Das Gegenüber erscheint nicht mehr Gesprächspartner, sondern als  Angeklagter. Und weil das schon ziemlich lange so geht, zumindest im Umgang mit der AfD, ist das Vertrauen in die Öffentlich-Rechtlichen zuletzt gesunken.

„Tatsächlich werden die meisten Gespräche mit AfD-Politikern, wenn sie überhaupt stattfinden, mit der Prämisse geführt, diese zu ‚entlarven‘“, schreibt Pfister. „Das wiederum gibt den Interviews etwas seltsam Unfreies, was dem Publikum zunehmend auf den Nerv geht, wie der Erfolg des Podcasts mit Höcke zeigt.“ Und er argumentiert weiter: „Im Sommer 2026 muss man festhalten, dass es eher wenig gebracht hat, AfD-Politiker entweder peinlichen Verhören zu unterziehen oder sie ganz vom Bildschirm zu verbannen. Laut Umfragen ist die Partei inzwischen die stärkste politische Kraft des Landes – was nicht zuletzt daran liegen könnte, dass nicht nur ihre Fans das Gefühl haben, ihre Vertreter würden mit zweierlei Maß behandelt.“

Das Erstaunliche ist, dass insbesondere die öffentlich-rechtlichen Sender aus der Entwicklung der vergangenen Jahre keinerlei Konsequenzen ziehen. Die AfD legt seit Jahren zu, aber sie tragen nach wie vor nicht mehr als ihre Abscheu vor sich her. Analyse und Neugier, warum die Partei trotz ihrer hartnäckigen Abwehrreflexe wächst, warum ihr immer mehr Menschen zulaufen, obwohl sie vom ÖRR „so gut“ beraten und belehrt werden, bleiben aus.

Warum, wenn man so ein dringendes Ziel hat, in dem es um Menschen geht, lässt man sich eigentlich nicht psychologisch beraten, frage ich mich seit Jahren. Der Spitzensport, das Topmanagement – alle bedienen sich inzwischen des Coachings, um menschliches Denken und Handeln besser zu durchsteigen. Ganz schnell wäre herausgekommen, dass sich Menschen nicht für die Demokratie zurückgewinnen lassen, wenn man ideologisch nur auf sie einprügelt, beseelt davon, im Recht zu sein.

Welche Kränkungen drücken sich im Erfolg der AfD aus?

Pfister beruft sich in seinem Artikel auch auf Ijoma Mangold, der als mahnendes Pendant zu Pfister in der Zeit eine Sonderrolle fährt. Nach einer Sendung von Caren Miosga mit Tino Chrupalla schrieb Mangold sinngemäß: Wenn man einen AfD-Politiker nur einlädt, um ihn vorzuführen, entstehe kein Erkenntnisgewinn. Journalismus müsse verstehen wollen und nicht bloß demonstrieren, dass er moralisch im Recht sei. Seine wiederkehrende These ist diese, dass man den Erfolg der AfD nicht dadurch erklärt, dass man ihre Wähler moralisch verurteilt. Stattdessen müsse man ernsthaft untersuchen, welche gesellschaftlichen Konflikte, Kränkungen oder Interessen sich in ihrem Erfolg ausdrücken.

Ijoma Mangold

Ijoma Mangold

© IMAGO/Manfred Behrens

Und ihre Anziehungskraft zu verstehen, heiße nicht, die AfD zu legitimieren, so der Kulturpolitische Korrespondent der Zeit. Mangold hat auch zum Gespräch mit Björn Höcke im Podcast „ungeskriptet“ geschrieben. Seine Pointe war überraschend: Ein langes Gespräch könne durchaus Erkenntnisse liefern, wenn der Politiker nicht ständig unterbrochen werde. Dadurch würden Denkweise und Widersprüche oft deutlicher sichtbar als in konfrontativen Schlagabtauschen.

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Wer AfD-Führer und deren Millionen-Wählerschaft lediglich  entlarven, überführen und anprangern will, um selbst zu glänzen, bestätigt sie absichtslos in ihrem Gefühl, von den etablierten Medien ohnehin nicht mehr fair behandelt zu werden. Das heißt nicht, dass dieses Gefühl durchweg berechtigt ist. Und in Richtung ÖRR und linke Leitmedien: Gerade, wer die AfD ablehnt, sollte sich wünschen, dass sie mit Mitteln des Journalismus‘ gestellt wird – und nicht mit den Mitteln des politischen Engagements. Man kann nur hoffen, dass Stimmen wie die von Pfister und Mangold nie versiegen. Sie spenden all denen Zuversicht, die auch keine AfD wollen, aber auch keinen Journalismus, der ihnen das eigene Denken und Entscheiden abnehmen will.

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