Depressionen: Was dem Stimmungstief vorausgeht


Zuerst kommen die Schlafstörungen. Doch das Bindeglied zwischen verschiedenen depressiven Symptomen ist die Unfähigkeit, Freude zu empfinden, in der Fachsprache »Anhedonie« genannt. Zu diesem Ergebnis gelangt eine Tagebuchstudie in der Fachzeitschrift »British Journal of Psychology«. Darin schreibt eine Forschungsgruppe um die Psychologin Meghan Quinn vom College of William & Mary im US-Bundesstaat Virginia, Anhedonie sei bei Depressionen eine »zentrale Schaltstelle, die emotionale, kognitive und körperliche Symptome verbindet«. 

Für die Untersuchung führten 363 Studierende vier Wochen lang Tagebuch über typische Merkmale von Depressionen, aber auch andere emotionale Probleme, die häufig zusammen mit Depressionen auftreten, wie etwa Ängste und Reizbarkeit. Jeden Morgen sollten die Teilnehmenden angeben, wie sie sich am Vortag gefühlt hatten. Daraus errechneten die Forschenden, welche Symptome gehäuft am selben Tag und welche nacheinander erschienen. Rund 26 Prozent der Teilnehmenden waren den eigenen Angaben zufolge leicht bis schwer depressiv; 31 Prozent zeigten vereinzelte Anzeichen und 43 Prozent keinerlei Anzeichen einer Depression.

Anhedonie ist das Bindeglied

Das Ergebnis: Die depressiven Symptome traten überzufällig oft gemeinsam auf, aber nicht mit Ängstlichkeit und Reizbarkeit – beide zählen dem Diagnosemanual DSM zufolge auch nicht zu den typischen Merkmalen einer Depression. Am engsten mit anderen Symptomen verbunden waren Niedergeschlagenheit, Erschöpfung und der Verlust von Freude. Letztere bildete sogar das Bindeglied zwischen emotionalen, kognitiven und körperlichen Symptomen und somit den zentralen Knoten im Depressionsnetzwerk.

Fast alle Symptome zogen weitere nach sich; beispielsweise mehrten sich Suizidgedanken im Anschluss an besonders traurige Tage. Am Anfang der Symptomkette stand schlechter Schlaf: Auf Schlafstörungen folgen am nächsten Tag oft viele weitere Symptome wie Anhedonie, Konzentrations- und Entscheidungsprobleme, Erschöpfung, Schuldgefühle und Gefühle von Wertlosigkeit.

Streng genommen offenbaren die Daten nur zeitliche Abfolgen, aber keine Ursachen. Doch das Bild passt zu älteren Langzeitstudien, die ebenfalls auf Schlafstörungen als wichtigen Risikofaktor hindeuten. Den Autorinnen und Autoren zufolge legen die Befunde somit vor allem zwei Therapieziele bei Depressionen nahe: Schlafstörungen zu lindern und das Erleben von Freude zu fördern.