Er bleibt unersetzlich: Warum wir nach wie vor mit dem Bleistift schreiben


Der Bleistift: Tatwaffe wider Willen und unentbehrliches Werkzeug der Weltliteratur

Warum Peter Handke auf ihn schwört, Robert Walser mit ihm 4500 Seiten schrieb und das unscheinbare Schreibgerät trotz Smartphone und Tastatur bis heute nicht verschwunden ist.

Bernd Noack20.09.2026, 05.30 Uhr

6 Leseminuten


«Unverwüstlicher Allrounder»: der Bleistift.

«Unverwüstlicher Allrounder»: der Bleistift.

Annick Ramp / NZZ

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Kürzlich hat in Magdeburg ein Mann seiner 22-jährigen Ex-Freundin mit einem Bleistift in den Hals gestochen. Doch die Mine brach ab, die Frau überlebte, und der Angreifer konnte von Passanten überwältigt werden. Ein Bleistift!

Als Tatwaffe taucht dieser auf den ersten Blick harmlose Gegenstand in den Kriminalstatistiken relativ selten auf. An mordtauglicher Stabilität lässt er gewiss zu wünschen übrig. Zweckentfremdet für üble Taten wirkt er in der Hand des Meuchlers eher lächerlich. Unabhängig davon, ob er die Härte H, HB oder – ganz weich – 5B hat.

Handke bleibt dem Bleistift treu

Nicht nur Peter Handke dürfte die Magdeburger Untat aufs Schärfste verurteilen. Bekanntlich ist der österreichische Schriftsteller bis heute einer der treuesten Benutzer jenes altmodischen Schreibgeräts. Auf seinen Küchen- und Gartentischen im Häuschen bei Paris finden sich Bleistifte massenhaft in unterschiedlichster Form: lange gespitzte, am Ende angekaute kurze Stummel, von denen man sich schwerlich trennt, weil sie einst sich windende Gedankengänge schwarzgrau leuchtend auf dem weissen Papier sichtbar machten.

Handke hat sogar eines seiner berühmten Journale unter dem Titel «Die Geschichte des Bleistifts» herausgegeben. Darin fragt er: «Was entspricht mir als Werkzeug? Nicht die Kamera, auch nicht die Schreibmaschine (und nicht die Füllfeder oder der Pinsel). Aber was entspricht mir als Werkzeug? Der Bleistift.» Während die Elektronikbranche täglich neue Wunderwerke auf den Markt wirft, bleiben Autoren wie Handke bei ihrem Leisten. Seine «Drei Versuche» soll er vollständig handschriftlich mit dem Bleistift verfasst haben. Er sagt ja auch «Handtelefon» statt «Handy» . . .

Nie wirklich aus der Mode

Von einer Renaissance des kleinen länglichen Schreibwerkzeugs mag man nicht unbedingt reden, denn es war ja nie wirklich out. Horden von Schülern benutzten den Bleistift Jahrhunderte hindurch. Der Tischler hatte ihn griffbereit, um auf dem Holz Abstriche zu machen. Neben den Telefonen im Flur lag er für die schnelle Gesprächsnotiz. Zu seiner Zuverlässigkeit gehörte schliesslich nur ein kleiner silberner Anspitzer, notfalls tat es auch ein scharfes Schnitzmesser. Der Bleistift, sagt lapidar der Schauspieler und Autor Hanns Zischler, «war immer schon da».

Zischler hat dem «unverwüstlichen Allrounder» jetzt ein Büchlein gewidmet, in dem er Historie und Anekdoten Revue passieren lässt. Zeitgleich ist auch eine kleine Kulturgeschichte des Journalisten Alexander Kluy zum Thema erschienen. Kluy nennt den Bleistift darin schlichtweg «stilbildend» – egal, ob ihn ein Schriftsteller, ein Zeichner oder ein Komponist in die Finger bekommt. Den beiden Büchern – die kurioserweise auch noch denselben nüchternen Titel «Der Bleistift» tragen – ist gemein, dass sie das Werkzeug sehr ernst nehmen in einer Zeit, in der es eigentlich entbehrlich wäre. Oder ist es gerade diese Entbehrlichkeit, die ihn wieder interessant macht?

Wo jeder tippt und wischt, wo das Handschriftliche aus der Mode gekommen ist, wirkt das Arbeiten mit dem Crayon anachronistisch. Wer ein Stückchen Holz aus der Jackentasche zieht, um sich rasch eine Notiz zu machen oder einen Satz in einem Buch zu unterstreichen, wird schnell belächelt. Man ist irgendwie von gestern. Und gestern, das ist lange her.

Nürnberg wird zur Bleistiftstadt

Dass Blei auf Papier eine Spur hinterlässt, wusste schon Plinius der Ältere. Später entdeckte man das Grafit, das bis heute Grundstoff des Geräts ist. Der Bleistift erwies sich als praktischer als Tinte und Feder oder – sehr viel später – als der «krakeelende Kugelschreiber und der wichtigtuerische Filzstift», wie Zischler schreibt. Im späten 17. Jahrhundert nahm die Produktion auf dem europäischen Kontinent Fahrt auf. Nürnberg, wo sich bis heute bekannte Hersteller wie Faber-Castell und Staedtler angesiedelt haben und wo es Anfang des 20. Jahrhunderts 25 Bleistiftfabriken gab, entwickelte sich zum Zentrum der Bleistiftproduktion. Ab 1662 brachten es die «Bleyweißstefftmacher» zu einer eigenen Berufssparte.

In Frankreich war es der Chemiker und Maler Nicolas-Jacques Conté, der dem Bleistift seine heutige Form gab. Conté war ein vielseitiger Mann: Er beschäftigte sich nicht nur mit Chemie und Malerei, sondern stieg auch als Ballonfahrer in die Lüfte. Und entwickelte ein Verfahren, bei dem eine Mischung aus Ton und Grafit geschmolzen, zu Minen geformt und anschliessend in einen Zedernholzschaft eingepasst wurde.

Von Nabokov bis Kafka

«Durch mehrere, komplett verschiedene und von diversen Industrie- und Progressionsschüben geprägte Jahrhunderte hindurch hat der Stift mit dem schwarzen Herzen alle technologischen Veränderungen mit stoischer Souveränität ausgesessen», stellt Kluy staunend fest: «Dabei war er ja nie stumm.» Im Gegenteil. Aufgabe und Bestimmung des Bleistifts war es seit je, mitzuteilen, festzuhalten, Zeichen zu setzen. Allein der Radiergummi konnte ihm gefährlich werden. Doch selbst der vermochte die allerletzten Druckspuren, die beim Schreiben auf dem Papier entstanden, nicht restlos zu beseitigen. Ein Feind des Stifts war er deshalb keineswegs, eher eine Hilfe beim Verfeinern eines Gedankens, beim stillen Tilgen eines Irrtums.

Das ordinäre lange, dünne Stück Holz, mit dem Erstklässler krakelig erste Formen sichtbar machen und später einzelne Buchstaben zwischen Zeilen pressen, war und ist vor allem ein Kunstwerkzeug. Beim bereits erwähnten Peter Handke gehört, so der Kritiker Klaus Kastberger, «das Schreiben mit dem Bleistift zu den unabdingbaren Voraussetzungen der ästhetischen Haltung». Vladimir Nabokov verfiel in stille Andacht, wenn auf dem Tisch weisses Papier leuchtete, «von dem sich deutlich ein wundervoll spitzer Bleistift» abhob, «lang wie das Leben jedes Menschen (. . .) und mit einem ebenholzschwarzen Schimmer auf jeder seiner sechs Seiten». Franz Kafka delegierte schüchtern seine Obsessionen: «Erlaube es dem Bleistift, dass er Dir schreibt.»

Robert Walsers winzige Schrift

Hanns Zischler hat die Weltliteratur durchforstet und diverse Bleistiftbeispiele gefunden: Für den russischen Schriftsteller Warlam Schalamow bedeutete Grafit «Ewigkeit». Goethe und Beethoven hatten einen wohlgespitzten Stift stets am Bett liegen, um ihn «beim nächtlichen Erwachen» griffbereit zu haben. Dem Dichter gab er «williger die Zügel her» als die Feder, der Komponist schrieb damit an die «unsterbliche Geliebte» gleich nach dem Aufwachen wenige Worte des Schmachtens. Und der Regisseur Max Reinhardt war der Meinung, dass ein Bleistift auf dem Theater zum «Talent» gehöre, weil nur mit ihm während der Arbeit die spontanen und notwendigen «Striche» im Text ausgeführt werden könnten, die wiederum «antizipieren, bestätigen oder durchkreuzen, was auf dem Spiel steht».

Die grösste und verwirrendste Leistung im «Bleistiftgebiet» vollbrachte aber mit Sicherheit der Schweizer Dichter Robert Walser. Der Titel geht auf die nach seinem Tod herausgegebene Edition seiner Mikrogramme zurück. Als Walser 1956 starb, hinterliess er ein Konvolut an Aufzeichnungen in mikroskopischer Schrift. «So beträgt die durchschnittliche Grösse der Buchstaben auf den Kunstdruckblättern zwei bis drei Millimeter; später erreicht Walser sogar Werte von einem bis zwei Millimeter», schreiben Bernhard Echte und Werner Morlang, die diese sogenannten Mikrogramme in jahrelanger Kleinstarbeit entzifferten, in der Edition.

Walser hatte sie zwischen 1924 und 1933 in der Nervenheilanstalt Waldau, in die er nach einem Nervenzusammenbruch eingeliefert worden war, auf Seiten, Bögen und kleinen Papierresten niedergeschrieben. Insgesamt umfasst der erhaltene Bestand 526 lose Blätter. Was zunächst kaum mehr als ein Gewirr aus Bleistiftstrichen zu sein schien, erwies sich bei genauer Entzifferung als rund 4500 Seiten Text: Gedichte, Prosastücke und sogar der «Räuber»-Roman. Eine erste Auswahl erschien erst knapp dreissig Jahre nach Walsers Tod. Erst damit wurde ein bis dahin kaum zugänglicher Teil seines literarischen Schaffens nicht nur sichtbar, sondern tatsächlich lesbar. Walser hatte dabei keineswegs eine Geheimsprache im Sinn: Es war Sütterlin in seiner winzigsten Form, penibel mit einem feinen Grafitstift zu Papier gebracht.

Der Bleistift als Liebespfand

Hanns Zischler spielt ja gerade im Kino in dem Film «Vaterland» Thomas Mann. Vielleicht hat er beim Verfassen seines Bleistiftbuchs und bei den Dreharbeiten in der Rolle des deutschen Schriftstellers an folgende berühmte Szene aus dem «Zauberberg» gedacht: In der Walpurgisnacht leiht Clawdia Chauchat dem in sie hoffnungslos verliebten Hans Castorp einen silbernen Crayon für ein Gesellschaftsspiel, den der Patient Castorp als Pfand behält und der für ihn dadurch zu einem kostbaren Erinnerungsstück an Clawdia wird. Erst Jahre später gibt er ihn an sie zurück und besiegelt damit das Ende seiner intimen Wünsche. Wohl nur in diesem Fall hatte der Bleistift leider keinen Ewigkeitswert.

Alexander Kluy: Der Bleistift. Eine kleine Kulturgeschichte. Limbus-Verlag, Innsbruck 2025. 96 S., Fr. 24.90.

Hanns Zischler: Der Bleistift. Residenz-Verlag, Wien 2025. 64 S., Fr. 24.90.

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