Fed-Chef Warsh trotzt Trump – eine komplizierte Beziehung
Macht, Ehrgeiz und Zinsen: Der Beziehungsstatus von Kevin Warsh und Donald Trump ist kompliziert
Der Präsident erhoffte sich vom neuen Notenbankchef mehr billiges Geld. Gekriegt hat er das Gegenteil. Dennoch geht Trump sehr pfleglich mit dem Fed-Vorsitzenden um.
20.09.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten

Ist es Distanz oder eher Nähe? Präsident Donald Trump und der Notenbankchef Kevin Warsh.
Jonathan Ernst / REUTERS
So sah der Plan von Donald Trump nicht aus: Nach weniger als vier Monaten im Amt erhöht der von ihm ernannte Notenbankchef Kevin Warsh bereits die Leitzinsen. Und macht damit das Gegenteil dessen, was Trump vom neuen Chef der Federal Reserve eigentlich wollte. Denn der Präsident erhoffte sich von Warsh die Ankurbelung der Wirtschaft mit billigem Geld, am besten mit den tiefsten Zinsen der Welt.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Erfahren und ehrgeizig
Von diesem Ziel sind die USA weit entfernt. Nach der Zinserhöhung vom Mittwoch – der ersten seit über drei Jahren – liegt die Zinsspanne bei 3,75 bis 4 Prozent. Das ist deutlich mehr als die 2,5 Prozent im Euro-Raum. Und es ist geldpolitische Lichtjahre entfernt von der Schweiz, wo der Leitzins seit über einem Jahr bei 0 Prozent liegt – was Trump wiederholt zu neidvollen Verbalattacken gegenüber dem Land veranlasst hat.
Mit dem Zinsschritt hat Warsh seine Unabhängigkeit gestärkt. Wer glaubte, Trump habe mit ihm einen willfährigen Befehlsempfänger beim Fed platziert, sieht sich getäuscht. Warsh hat in den vergangenen Monaten nie den Eindruck hinterlassen, er kümmere sich um Trumps Wünsche. Auch bei der Medienkonferenz vom Mittwoch lächelte er Fragen zu Trump souverän weg. «Nice try» – nächste Frage.
Dass es so kommen würde, war keineswegs sicher. Denn Warsh ist nicht nur ein erfahrener Geldpolitiker, der schon während der Finanzkrise 2007/08 im Führungsgremium des Fed sass. Er gilt auch als extrem ehrgeizig. Für seinen Traum vom Notenbank-Chefposten schien er bereit, sehr weit zu gehen – nach Ansicht einiger Kritiker «zu weit». So hatte er sich vor seiner Wahl, ähnlich wie Trump, für niedrigere Zinsen starkgemacht.
Der Schwiegervater als Wahlhelfer Trumps
Hinzu kommen familiäre Bande. So ist der 56-Jährige verheiratet mit Jane Lauder, einer milliardenschweren Erbin des Kosmetikkonzerns Estée Lauder. Ihr Vater, Ronald Lauder, war einst einer der spendabelsten Unterstützer der Republikanischen Partei. Auch Donald Trump, der mit Lauder an der Wharton Business School die Schulbank gedrückt hatte, profitierte davon. Diese Nähe nährte Zweifel an Warshs Unabhängigkeit.
Dass Warsh solche Zweifel mit der Zinserhöhung relativiert hat, sah Trump allenfalls kommen. So sagte er diesen Januar im Vorfeld der Wahl des neuen Fed-Chefs, er habe zwar viele gute Kandidaten. «Das Problem ist nur, dass sie sich ändern, sobald sie den Job haben.» Zuerst würden alle das sagen, was er hören wolle. Doch nach der Wahl sei alles anders. Trump bezeichnete dies als eine «Art von Untreue».
Damit ist wohl auch die Zinserhöhung vom Mittwoch als Treuebruch zu werten. Führt dieser nun dazu, dass das Tuch zwischen den beiden mächtigsten Männern Amerikas zerschnitten ist? Deckt Trump den Fed-Chef bald mit ähnlichen Schimpftiraden ein wie zuvor Warshs Vorgänger Jerome Powell, dem er sogar strafrechtliche Vergehen unterstellte?
Guter Warsh, böses Fed-Board
Danach sieht es momentan nicht aus. Nach Washingtoner Massstäben hat Trump zurückhaltend auf den Zinsschritt reagiert. Zwar wetterte der Präsident auf seiner Plattform Truth Social, dass die USA eigentlich Zinsen von 1 Prozent oder noch weniger haben sollten, zumal das Land über die mit Abstand beste Bonität der Welt verfüge. Anders als jeweils bei Powell verzichtete er aber auf persönliche Kritik am Notenbankchef.
Mehr noch: Gegenüber Medienvertretern stärkte Donald Trump dem Notenbankchef gar den Rücken. Er habe mit Kevin Warsh gesprochen und vertraue dem Fed-Vorsitzenden weiterhin, sagte Trump nach dem Zinsentscheid. Gleichzeitig stellte er jedoch den guten Willen der übrigen Mitglieder des Offenmarktausschusses, das den Leitzins festlegt, infrage. Dieses Gremium sei «sehr feindselig, sehr politisch».
Was steckt hinter der zweideutigen Rhetorik? Trump will allenfalls den Eindruck erwecken, Warsh stehe geldpolitisch zwar stramm auf seiner Seite, werde in der Notenbank aber von Trumps Gegnern kaltgestellt. Für diese These gibt es zwar keine Hinweise. Sie hat für den Präsidenten aber den Vorteil, dass er seinen Personalentscheid verteidigen und dennoch die Notenbank unter Druck setzen kann.
Regelmässige Telefongespräche
Die Zuneigung Trumps, der wiederholt auch das telegene Äussere von Warsh gelobt hat, ist für den Fed-Chef eine zweischneidige Sache. Dass der Präsident ihn schont, verschafft ihm zwar Ruhe und Handlungsspielraum. Gleichzeitig muss er seine Unabhängigkeit vom Weissen Haus aber entschlossener beweisen als etwa Powell, der jahrelang unter Trumps Dauerbeschuss stand.
Denn wie das «Wall Street Journal» vor kurzem berichtete, scheint Trump einen ungewohnt direkten und häufigen Telefonkontakt mit Warsh zu pflegen. Laut Insidern ruft er den Fed-Chef regelmässig an, um beispielsweise dessen Meinung zum Iran-Krieg oder zur künstlichen Intelligenz einzuholen. Hinweise darauf, dass bei diesen Telefonaten auch über Zinsen gesprochen wird, was für die Glaubwürdigkeit des Fed sehr problematisch wäre, gebe es aber keine.
Dass sich Geldpolitiker mit Regierungsvertretern unterhalten, ist zwar kein Skandal. Auch die Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank treffen sich regelmässig mit dem Bundesrat. Doch in aller Regel finden solche Aussprachen in einem festen Turnus und formellen Rahmen statt. Bei Trump hingegen scheint die Sache deutlich spontaner abzulaufen. Hat er eine Frage, greift er zum Mobiltelefon.
Trump ist mitschuldig an steigenden Zinsen
Was Kevin Warsh von diesen Anrufen hält, ist nicht bekannt. Seit Mittwoch weiss man dafür, dass es ihm ernst ist mit seinem Bekenntnis zur Preisstabilität. Da die Inflation der USA seit über fünf Jahren über dem Zielwert von 2 Prozent liegt, erhöhte der Offenmarktausschuss den Leitzins in einem einstimmigen Entscheid. Es dürfte nicht der letzte Zinsschritt in diesem Jahr gewesen sein. Vieles spricht dafür, dass eine zweite Erhöhung folgen wird.
Trump trifft dies zur Unzeit, da sich nun kurz vor den Zwischenwahlen im November die Kredite verteuern. So liegt der Zins für 30-jährige Festhypotheken bereits bei rund 7 Prozent. Entgegen seinem Wahlversprechen, die Lebenshaltungskosten der Amerikaner zu senken, hat Trump zu höherer Inflation beigetragen. Sowohl die Energieknappheit infolge des Iran-Kriegs als auch die amerikanischen Zölle wirken preistreibend.
Sollten die Wähler deshalb die Republikaner abstrafen, dürfte Trump die Schuld dafür auch beim Fed verorten. Ob es dann auch Warsh persönlich trifft, oder – wie bis jetzt – nur seine Kollegen, wird sich weisen. Doch als geldpolitischer Profi weiss Warsh: Die Rolle des Sündenbocks gehört seit je zum Job eines Währungshüters.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
Passend zum Artikel


