Die Lippe der Margaret Qualley: Wieso Stars zu Memes werden müssen


Ein gezielter Biss: Margaret Qualley wird gerade zum Meme. DiCaprio und Cage sind es bereits

Was es braucht, um heute als Schauspieler überleben zu können.

20.09.2026, 05.30 Uhr

3 Leseminuten


Der Biss als Signatur: Margaret Qualley in «Once Upon a Time in Hollywood».

Der Biss als Signatur: Margaret Qualley in «Once Upon a Time in Hollywood».

Was, bitte schön, macht die Frau denn da? Margaret Qualley steht zwischen Regalen voller DVD, als es passiert: Sie beisst sich auf die Unterlippe und verdreht die Augen himmelwärts. Und die Kommentarspalte? Explodiert.

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Qualley, muss man wissen, befindet sich gerade im Criterion Closet. Das ist ein enges Kämmerchen in New York, eine vollgestopfte Videothek, quasi das Bernsteinzimmer der Cineasten. Ausgestattet hat es der Filmverleiher Criterion, und die Stars kommen, um sich filmen zu lassen, wie sie DVD-Hüllen aus den Regalen ziehen und über ihre Liebe zum Kino plaudern.

Martin Scorsese war schon da, aber auch Cate Blanchett, Matt Damon oder Christopher Nolan – und eben auch Margaret Qualley, bekannt geworden als Mitglied der Manson-Sekte in Quentin Tarantinos Nostalgie-Komödie «Once Upon a Time in Hollywood», vor allem aber als das jüngere Ich von Demi Moore im Body-Horror-Schocker «The Substance». Im Criterion Closet zitiert sie gerade aus dem Film «To Die For» (1995), als sie sich ganz und gar nicht zufällig auf die Lippe beisst.

Vom schamlosen Betrachten fremder Gesichter

Wie definiert das Kino exzellente Schauspielerinnen, exzellente Schauspieler? Vor allem müssen sie ihr Gesicht beherrschen wie ein Instrument. Denn dieses, erklärte der Regisseur Ingmar Bergman, sei das grosse Subjekt des Films: «Alles ist da.»

Über Jahrzehnte versanken die Kinogänger in der Mimik berühmter Stars – minutenlang, stundenlang. Laut dem Soziologen Erving Goffman schafft das Kino die Ausnahmesituation, dass man ein Gesicht ohne Scham aus allen Winkeln betrachten kann. Tatsächlich dürften das Kinn von George Clooney oder der Mund von Julia Roberts so manchem vertrauter vorkommen als die Nase des eigenen Onkels.

Zum Erfolg, aber auch zum Facettenreichtum des besten Blockbusters dieses Jahres trug bei, dass Christopher Nolan in «Die Odyssee» mit Matt Damon einen Mann auf die Reise schickte, dessen Zerfurchung und Ergrauung man über die Jahre hautnah miterlebt hat. Ein Star zwar, ja, durchaus – aber eben auch ein gewöhnlicher Sterblicher. Mit der ersten Grossaufnahme von Damon wird klar, dass Nolans Odysseus kein Superheld ist.

DiCaprio löst eine «Welle neuer Memes» aus

Matt Damon konnte sein Gesicht noch vor dem Internet berühmt machen. Mit Filmen wie «Der talentierte Mr. Ripley» prägte er sich dem kollektiven Bewusstsein ein. Heute geht das nicht mehr so leicht. Letztes Jahr ging bloss die Hälfte aller Amerikaner mindestens einmal ins Kino, derweil eine grosse Mehrheit täglich für die Dauer eines Spielfilms auf den sozialen Netzwerken verweilte. Der Schnipsel ist das dominierende Artefakt der zeitgenössischen Kultur. Berühmt wird deshalb heute nur noch, wer auch zum Meme werden kann. Wer also mit der Netzgemeinde kommuniziert und ihr markante Gesten zu präsentieren vermag, die millionenfach geteilt werden können.

Ein Meister darin ist Leonardo DiCaprio, wie sich in der Pause der letzten Golden Globes wieder zeigte. Innert Sekunden lieferte der Schauspieler eine rasende Abfolge an tauglichem Material ab: überkandideltes Grinsen, affektiertes Klatschen, schelmischer Fingerzeig. «Eine Welle neuer Memes», jubelte Yahoo.com.

Nicolas Cage wiederum – ein weiterer Star der Neunziger, bekannt geworden für sein überdramatisches Spiel – wurde ein zweites Mal berühmt: Beruflich bereits im Abstieg begriffen, rettete ihn seine Meme-Kompatibilität ins Tiktok-Zeitalter. Doch Cage haderte mit der Verwandlung: «Ich bin nicht ins Kino gekommen, um zum Meme zu werden.» Nicolas Cage ist Jahrgang 1964.

Und Margaret Qualley, Jahrgang 1994? Sie nutzt nicht nur ihre Filme und den Auftritt im Criterion Closet als Gelegenheit, um sich öffentlichkeitswirksam auf die Lippe zu beissen, sondern mittlerweile auch Preisverleihungen und Interviews. Und es funktioniert immer.

Leonardo DiCaprio, gestikulierend an den Golden Globes.

Bekannt für seine überdramatische Schauspielkunst: Nicolas Cage in Aktion.

«Die subtile Art des Auf-die-Lippe-Beissens»: eine Kompilation des Qualley-Markenzeichens.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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