40 Billionen Dollar US-Schulden: Was Ökonomen jetzt für die Finanzwelt befürchten


Der Goldpreis als Fieberthermometer der Märkte: Experten sehen Risiken für Banken und Währungen

Stand: 08.10.2026, 13:43 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Der Goldpreis markiert neue Rekorde. Ex-Finanzminister Steinbrück, Ökonom Rogoff und Top-Trader warnen vor den Folgen. Die Staatsschulden triggern die Nervosität.

Hamburg – Gold ist so gefragt wie lange nicht. Anleger, Zentralbanken und sogar Sparer mit kleinem Budget greifen zu, sobald der Kurs eine neue Marke erreicht. Was wie eine Erfolgsgeschichte des Edelmetalls klingt, lesen Ökonomen jedoch anders. Für sie ist der Goldpreis vor allem ein Messinstrument, das anzeigt, wie nervös die Finanzwelt tatsächlich ist.

„Gold ist durchaus ein Fieberthermometer für die Märkte, und wenn man auf den Goldpreis schaut, dann würde man sagen, wir haben Fieber im Finanzsystem“, sagt der Trader Sebastian Müller, ehemaliger Profihändler am größten Trading-Floor Kontinentaleuropas bei der Deutschen Bank. Seine Einschätzung bezieht sich auf den Rekordstand von zeitweise über 5000 US-Dollar je Feinunze und auf das Tempo, mit dem der Kurs dorthin gelangt ist. Nach einem Rücksetzer von rund 15 Prozent, dem größten seit Beginn der Aufzeichnungen, bleibt seine Diagnose vorsichtig. „Ich würde sagen, der Patient hat weiterhin erhöhte Temperatur, steht mindestens unter Beobachtung und kann absolut nicht für gesund erklärt werden“, so Müller. Ursache des Fiebers sei vor allem ein Faktor, der in kaum einem Industrieland kleiner wird: Die Staatsverschuldung.

40 Billionen Dollar US-Schulden: Zinsausgaben überholen den Verteidigungsetat

Wie groß dieses Problem inzwischen ausfällt, zeigen die Zahlen aus Washington. Anfang September 2026 haben die US-Staatsschulden die Marke von 40 Billionen US-Dollar überschritten. Rechnerisch entfallen damit rund 120.000 US-Dollar Schulden auf jeden Einwohner der Vereinigten Staaten. In Deutschland liegt die Pro-Kopf-Verschuldung zum Vergleich bei umgerechnet rund 34.000 Dollar. Problematisch sei vor allem, dass neue Schulden heute selten in langfristige Investitionen fließen, sondern laufende Ausgaben finanzieren. „Wir bauen kein landesweites Autobahnnetz, bekämpfen nicht den Klimawandel und investieren nicht in die nächste Generation“, kritisiert die Arbeitsmarktökonomin Kathryn Anne Edwards gegenüber der Tagesschau.

Trump auf Goldbarren, Dollars und EU-Flagge

Donald Trumps Zugriff auf Gold und seine Zollpolitik gegenüber der EU wecken Erinnerungen an imperiale Machtpolitik früherer Epochen. © IMAGO / Panthermedia / SNA / MediaPunch / LNJS

Ökonomen blicken dabei vor allem auf die Zinskosten. Nach aktuellen Schätzungen zahlt die US-Regierung 2026 mehr als eine Billion Dollar allein für Zinsen, umgerechnet rund 2,7 bis drei Milliarden US-Dollar täglich. Eine Summe, die inzwischen über den Verteidigungsausgaben liegt. Das Problem verschärft sich dabei selbst, denn je höher der Schuldenberg, desto größer die jährlichen Zinszahlungen, und umso weniger Geld bleibt für Bildung, Infrastruktur oder Forschung übrig. Der frühere Wirtschaftsberater Jason Furman bringt die Optionen auf eine einfache Formel. „Es gibt nur zwei Lösungen, Ausgaben senken, Steuern erhöhen, oder eine Kombination aus beidem“, sagte er der Tagesschau.

Zentralbanken setzen auf Gold statt auf Anleihen: Wenn das Vertrauen in den Dollar bröckelt

Dass es dabei nicht nur um amerikanische Innenpolitik geht, erkennt man beim Blick auf die Finanzmärkte. Bereits im Mai 2025 geriet die Stimmung ins Wanken. Laut einer Analyse von KfW Research blieb die Nachfrage bei einer Auktion 20-jähriger US-Staatsanleihen im Volumen von 16 Milliarden US-Dollar deutlich hinter den Erwartungen zurück, die Renditen schossen über alle Laufzeiten hinweg nach oben, die 30-jährige Anleihe notierte kurzzeitig nahe eines 20-Jahres-Hochs von 5,09 Prozent.

Kurz darauf stufte Moody’s die Bonität der USA von der Bestnote Aaa auf Aa1 herab. Der Ökonom Kenneth Rogoff sieht diese Entwicklung kritisch: „Ich denke, es wird irgendwann zu einem massiven Einschnitt kommen, politisch sind Sparmaßnahmen nicht durchzusetzen, deshalb rechne ich damit, [… mehr als nur fifty-fifty], dass die USA innerhalb der nächsten zehn Jahre in eine Krise geraten werden, und zwar mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit.“

Auch der frühere Bundesfinanzminister Peer Steinbrück teilt diese Sorge: „Ich glaube, dass die Staatsverschuldung ein massiver Risikofaktor ist, dass der Trigger sein könnte für eine weitere Finanzkrise“, sagt Steinbrück und verweist auf andere europäische Staaten. Frankreich liege bei rund 100 bis 110 Prozent der Wirtschaftsleistung, Italien bei fast 140 Prozent, Deutschland noch bei etwa 70 Prozent, Tendenz steigend.

Diese Zweifel schlagen sich längst in den Bilanzen der Notenbanken nieder. Ende 2025 hielten die Notenbanken der Welt erstmals seit den 1990er-Jahren mehr Gold als US‑Staatsanleihen. Hintergrund sei der sogenannte Debasement-Trade, bei dem Zentralbanken ihre Dollarreserven schrittweise reduzieren und stattdessen Goldreserven aufbauen. Ein Anzeichen dafür, dass das Vertrauen in den Dollar als Leitwährung schwindet. Ersetzt werde der Dollar dadurch nicht, das Kräfteverhältnis verschiebe sich aber zugunsten anderer Reserven, zumal Gold zu den wenigen Anlagen zählt, die weitgehend sanktionssicher sind.

Venezuelas Goldschatz zeigt die geopolitische Dimension

Wie eng Gold und geopolitische Machtinteressen inzwischen verflochten sind, zeigt Venezuela. Die Regierung und die Opposition des Landes stehen Berichten zufolge kurz vor einer Einigung, die Goldreserven der venezolanischen Zentralbank im Wert von rund vier Milliarden US-Dollar von der Bank of England zur Federal Reserve Bank of New York zu transferieren. Die Interimsregierung von Delcy Rodríguez erhielt die rechtliche Kontrolle über das Gold, durfte es aber nicht sofort verkaufen, berichtet unter anderem die Financial Times. Stattdessen solle es als Kreditsicherheit für den Wiederaufbau nach einem schweren Erdbeben dienen.

Eine Recherche der New York Times zeigt zudem, wie die US-Regierung nach der Festnahme des früheren Machthabers Nicolás Maduro im Januar 2026 den Zugang zu venezolanischem Minengold organisierte. Wobei ein Teil der Lieferungen mit Schutzgeldzahlungen an die Bande Tren de Guayana in Verbindung steht. „Rund 90 Prozent des in Venezuela geförderten Goldes stammt aus kriminellen Quellen“, sagt Julia Yansura von der Organisation FACT Coalition der Zeitung, ein Beleg dafür, wie begehrt das Edelmetall geworden ist, auch wenn seine Herkunft fragwürdig bleibt.

Was das für Sparer und Anleger bedeutet – Ist Gold wirklich ein sicherer Hafen?

So groß die Nachfrage ist, so unklar bleibt, ob Gold tatsächlich vor Krisen schützen kann. Rogoff bremst entsprechende Hoffnungen deutlich: „Gold kann als Sicherheit für Länder dienen, die in eine Finanz- oder Schuldenkrise geraten. Gold kann eine Stütze sein, aber nicht mehr die tragende Rolle spielen“, sagt er. Auf die Frage, ob Gold helfen könne, eine Finanzkrise abzuwenden, antwortet er knapp: „Ich glaube nicht, dass man das mit Gold aufhalten kann, der Zug ist abgefahren.“

Auch Trader Sebastian Müller erinnert daran, dass Gold in akuten Krisenmomenten nicht immer steigt. Während des jüngsten Nahostkonflikts verlor die Feinunze binnen weniger Wochen rund 18 Prozent an Wert, weil Investoren in Liquiditätsnot ihre Goldbestände verkauften, statt sie zu halten. Gerade in scharfen Risk-off-Phasen wird eben alles abverkauft, auch das vermeintlich sichere Edelmetall. Für Privatanleger bleibt damit ein zwiespältiges Bild. Vermögensverwalter empfehlen häufig, etwa 10 bis 15 Prozent eines Portfolios in Gold zu halten, als Wertanker ohne Zinsen, der aber nicht von einem einzelnen Schuldner abhängt. (Quellen: IWF, Financial Times, KFW Research, New York Times, Tagesschau, ZDF)(ls)