Der royale Wutbruder rechnet mit dem britischen König Charles III. ab
Großbritannien
Der royale Wutbruder rechnet mit dem britischen König Charles III. ab
In seinem Hass auf König Charles macht Earl Spencer vor nichts Halt, auch nicht vor der Privatsphäre seiner toten Schwester Diana
Analyse
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Sebastian Borger
aus London
Eines immerhin wird man Charles Spencer sofort glauben: Er habe "endlose Anfragen" für eine Reihe neuer TV-Projekte bekommen. Stets ging es dabei um seine ältere Schwester: Prinzessin Diana, geschiedene Frau des damaligen Thronfolgers und heutigen Königs Charles III., Mutter der Prinzen William und Harry, kam 36-jährig 1997 bei einem Autounfall ums Leben und bleibt auch knapp 30 Jahre nach ihrem Tod eine globale Berühmtheit.
Da habe er sich entschlossen, so der neunte Earl Spencer, die Dinge endlich selbst zu erzählen, auch angesichts der eigenen Sterblichkeit. Ein Schwanengesang also, und so heißt das Buch denn auch, das auf der Insel zum publizistischen Ereignis des Jahres avanciert ist und seit Dienstag auch weltweit in den Buchhandlungen liegt.
Offene Vorwürfe
"Für all jene, die eine Schwester oder einen Bruder verloren haben", lautet die rührende Widmung. Viel realistischer wäre gewesen: "Für all jene, die König Charles schon immer doof fanden". Die Wut auf den Mann, der damals einer 19-Jährigen den Kopf verdrehte, obwohl er doch längst eine andere, seine heutige Gattin Camilla, liebte – diese Wut kocht in Spencer seit dem vorigen Jahrhundert unvermindert weiter.
Zweimal habe er nach dem Unfalltod der Prinzessin im Alma-Tunnel von Paris mit seinem Namensvetter telefoniert. Im ersten Gespräch habe der damalige Thronfolger "geradezu gelöst, wie ein Lottogewinner" geklungen, schreibt der heute 62-Jährige und äußert eine schlimme Vermutung: Der erste Gedanke des Prinzen habe nicht der Toten gegolten, sondern der "nun sich eröffnenden Möglichkeit" einer Heirat mit Camilla.
Zahlreiche Kontroversen
Das widerspricht nicht nur den Zeugnissen vieler, die den Prinzen an jenem letzten August-Sonntag erlebten. Es ist auch inhaltlich ein Unsinn: Als Diana starb, galt die Wiederheirat Geschiedener in der anglikanischen Staatskirche, deren Oberhaupt Charles einmal werden würde, noch als undenkbar. Erst später wurden die Kirchengesetze abgeändert.
Für die größte Kontroverse sorgte aber Spencers Darstellung des zweiten Telefonats. Da seien Prinz und Earl über die Frage in Streit geraten, ob der damals 15-jährige William und der knapp 13-jährige Harry direkt hinter dem Sarg ihrer Mutter zur Westminster Abbey marschieren sollten. Spencer lehnte das als "barbarisch" ab. Der Spencer-Familie mangele es an "Pflichtgefühl", soll der "tobende Tölpel" Charles gerufen haben, und schließlich noch: "Sie wird bald in Vergessenheit geraten, darauf kannst du dich verlassen."
Angst vor Rufschädigung
Als wie stark rufschädigend diese Behauptung im Buckingham-Palast beurteilt wurde, ließ sich an einer ungewohnt aggressiv formulierten Stellungnahme ablesen: Die brüderliche Trauer habe offenbar Spencers Verstand vernebelt und sein Urteilsvermögen beeinträchtigt.
Wem wird geglaubt? In einer Blitzumfrage hielten sich die Königstreuen und die Spencer-Gläubigen ungefähr die Waage. Die größte Gruppe der Befragten erklärte sich klugerweise für unentschieden, wohl eingedenk William Shakespeares Satz aus Romeo und Julia: "die Pest auf eure beiden Häuser!"
Natürlich bezichtigen manche Kommentatoren auf der Insel den Autoren als geldgierig und ruhmsüchtig. Der scheint über mindestens gesundes Selbstbewusstsein zu verfügen, sonst hätte er nicht beinahe alle Kapitelüberschriften mit Zitaten aus seiner Rede bei Dianas Trauerfeier bestritten.
Denkwürdige Rede
Spencers Ansprache wird zu Recht zu den rhetorischen Glanzstücken des 20. Jahrhunderts gezählt: die Erinnerung an Dianas Charisma, die Klage um die tote Schwester, die Bitterkeit über die Paparazzi, die zu ihrem Tod beigetragen hatten. Zuletzt auch die Impertinenz, mit der er die kleinen Prinzen für die Spencer-Familie reklamierte und die Monarchie der Kaltherzigkeit anklagte. Der anhaltende, in die Westminster Abbey hinein schwappende Applaus schien damals kurzzeitig die Monarchie ins Wanken zu bringen.
Die wird ebenso erhalten bleiben wie Dianas Mythos, dem der kleine Bruder ausführlich Tribut zollt. Und über beide werden bestimmt noch viele Bücher geschrieben. (Sebastian Borger aus London, 22.9.2026)
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