Die Frau ein Lustobjekt!?


Blog: Es ist nie zu spät für guten Sex

Die Frau ein Lustobjekt!?

Warum echte Lust dort entsteht, wo Menschen als Person und nicht als Objekt wahrgenommen werden

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Nicole Siller

"Die Frau ein Lustobjekt" – das klingt nach den Siebzigerjahren, nach erstem Farb-Fernsehen und nach Schlaghosen, nach einer Zeit, von der man glaubt, sie läge längst hinter uns. Damals schien die Rollenverteilung klarer, trotz bereits beginnender sexueller Offenheit: Männer begehrten, Frauen wurden begehrt. Weibliche Attraktivität war gesellschaftliches Kapital, Jugendlichkeit ein Wirtschaftsfaktor. Der Auftrag für Frauen lautete selten: Finde und entdecke deine Lust. Viel häufiger hieß er: Sei begehrenswert.

Drei Paar Füße ragen unter einer weißen Bettdecke hervor, liegend auf einem Bett in einem hellen Schlafzimmer.
Hat sich tatsächlich so viel verändert – oder hat die Objektivierung nur ihre Form gewechselt?

Fünfzig Jahre später scheint vieles anders, oder?

Oder doch nicht? Ja, Frauen leben selbstbestimmter, haben deutlich bessere Bildung, sind unabhängiger und sprechen offener über Sexualität, gestalten Beziehungen mehr auf Augenhöhe. Sie formulieren Wünsche, setzen Grenzen und beanspruchen selbstverständlich das Recht auf ihre eigene Lust.

Und trotzdem frage ich mich: Hat sich tatsächlich so viel verändert – oder hat die Objektivierung nur ihre Form gewechselt? Früher ging es um Blicke, eindeutige Sprüche und Pfiffe von Männern. Heute reichen wenige Sekunden in den (a)sozialen Medien. Bilder werden bewertet, Körper kommentiert, Attraktivität mit Likes belohnt und soziales Schweigen mit Unsichtbarkeit bestraft. Die Bühne ist viel größer und brutaler geworden. Der Druck oft auch.

Begehrt werden ist etwas Schönes

Ich beginne mit einer einfachen Wahrheit: Die meisten Menschen möchten begehrt werden. So weit, so menschlich. Begehrt zu werden kann ein wunderbares Gefühl sein, wenn das Begehren beide Menschen ergreift. Es vermittelt Lebendigkeit, Verbundenheit und das Gefühl, für einen anderen Menschen attraktiv zu sein. Oft spürt man sich selbst besonders gut und positiv. Erotik lebt auch vom Begehren. Ohne Begehren gäbe es kaum Leidenschaft.

Deshalb halte ich wenig von einer Diskussion, die so tut, als wäre jedes erotische Interesse bereits problematisch. Das Problem ist nicht das Begehren. Das Problem beginnt dort, wo das Begehren den Menschen aus dem Blick verliert.

Begehren oder Objektivierung?

Es gibt einen entscheidenden Unterschied. Begehren lädt ein und vermittelt: "Ich möchte dich kennen lernen, dir als Mensch nahe sein, du interessierst mich!" Objektivierung hingegen sagt sinngemäß: "Du hast einen tollen Körper, ein hübsches Gesicht, ich möchte dich haben!" Objektivierung fordert Macht über jemanden, will verwenden, degradieren zur eigenen Bedürfnisbefriedigung. Objektivierung sucht keinen Austausch. Autsch.

Wer einen Menschen begehrt, interessiert sich nicht nur für seinen Körper. Sondern auch für seine Gedanken, seine Eigenheiten, seine Sehnsüchte, seine Grenzen und seine Geschichte. Wer objektiviert, reduziert. Es geht um die eigene Fantasie, lässt einen Menschen Mittel zum Zweck werden, konsumiert ihn. Erotik begegnet dem ganzen Menschen.

Außer natürlich, es geht um hauptsächlich sexuelle Begegnungen, aber das ist eine andere Geschichte.

Perspektivenwechsel: Warum Objektivierung Lust tötet

In meiner Arbeit als Sexualberaterin höre ich oft den Satz: "Meine Frau hat einfach keine Lust mehr auf Sex." Ich bin sehr oft geneigt zu vermuten, überzeugt, dass diese Aussage diesbezüglich so nicht wirklich stimmt. Man(n) sollte sich nicht fragen: "(Warum) Haben Frauen weniger Lust?“ sondern mit Frau herausfinden und klären: "Worauf hat Frau Lust? Was macht Frau Lust? Unter welchen, oft ganz unterschiedlichen, Bedingungen entsteht weibliche Lust überhaupt?"

Aus meiner langjährigen Erfahrung heraus kann ich sagen: viele Frauen verlieren ihre Lust nicht auf Sex generell, sie verlieren die Lust darauf, sich im Sex nicht als Person erlebt zu fühlen, unter Druck zu stehen, etwas Bestimmtes "liefern" zu müssen, Sexualität zu sehr auf die männlichen Bedürfnisse abgestimmt zu erleben. Viele Frauen, mit denen ich arbeite, hatten noch kaum Gelegenheit, die eigenen Bedürfnisse, Tempi und Gelüste abseits von bestimmten Erwartungen kennenlernen zu können.

Wer das Gefühl hat, vor allem wegen seines Körpers und dessen Funktionen begehrt zu werden, erlebt kaum echte Intimität. Denn Intimität entsteht dort, wo man sich mit seiner ganzen Persönlichkeit willkommen fühlt – nicht nur mit dem eigenen Körper.

Frauen wünschen sich meist nicht weniger Begehren

Ich erlebe hauptsächlich Frauen, die sich wünschen gesehen und begehrt zu werden, im Übrigen wünschen sich das auch Männer. Mensch wünscht sich Aufmerksamkeit, Interesse, Begehren, das einen wirklich persönlich meint. Begehren, das Räume für echtes Erleben und Erkunden öffnet. Und ja, das ist manchmal stärker, manchmal schwächer. Manchmal braucht es einen Pusch, eine Entscheidung, einen bewussten Schritt in Richtung Begehren, das neugierig bleibt.

Vielleicht liegt genau darin einer der wichtigsten Schlüssel zu erfüllender Sexualität. Wer sich als Subjekt erlebt, kann sich einbringen, ist wirklich gemeint, kann sich leichter hingeben und selbst begehren.

Wer sich als Objekt erlebt, beginnt oft, sich innerlich zu schützen und zurückzuziehen. Lust braucht Sicherheit. Lust braucht Freiwilligkeit. In einer Beziehung braucht die Lust das Gefühl davon, als ganzer Mensch gesehen, wertgeschätzt und begehrt zu sein.

Selbstbestimmtheit ist keine Aufforderung

Dass Frauen heute selbstbewusster mit ihrer Attraktivität umgehen können, sie zumindest in unserer Kultur meist auch zeigen können, ist ein großer gesellschaftlicher Fortschritt, gleichzeitig sehr fragil. Frauen dürfen einerseits selbstverständlich sinnlich sein, flirten, Lust haben, sich frei und sicher fühlen. Sie dürfen nicht nur, sie sollen auch. Und andererseits kann es genau da wieder kippen. Wer als Frau erleben muss, dass Mann ihre Attraktivität oder ihre Lebensfreude als Einladung zu Aufdringlichkeit versteht, muss sich schützen.

Denn all die freudige Freiheit bedeutet keinesfalls, dass Frau deswegen noch mehr zum Objekt der Begierde wird oder "einlädt!", dass Frau verfügbar ist. Selbstinszenierungen sind keine Einladung zur Grenzüberschreitung.

Wer attraktiv wirkt, verzichtet dadurch nicht auf das Recht auf Respekt. Verwechselt man heutzutage Sichtbarkeit mit Verfügbarkeit? Ist auch das eines der großen aktuellen Missverständnisse?

Auch Männer stehen unter Druck

Ich beobachte seit mittlerweile Jahrzehnten, Frauen- und Männerrollen werden laufend neu definiert, da tut sich viel. Gut so. Was in der Generation der Eltern Usus war, ist heute oft ein NoGo. Noch haben wir kaum positive Vorbilder, es braucht in jedem Fall gemeinsames Entdecken und ausloten.

Auch Männer stehen unter Druck. Sie sollen erfolgreich sein, souverän und klug, attraktiv und natürlich auch emotional kompetent. Viele erleben dabei Unsicherheit. Deshalb geht es nicht darum, männliches Begehren generell zu kritisieren, sondern zu schauen, ob es einlädt oder haben will. Begehren ist, wie schon gesagt, etwas zutiefst Menschliches und im Grunde auch gewünscht, wenn natürlich von beiden Seiten Interesse da ist. Die Frage ist vielmehr, wie wir damit umgehen, denn wertschätzendes, reifes Begehren sucht echte Begegnung und keine Trophäe, es kann mit einem Nein umgehen und bleibt auf Augenhöhe.

Herzliche Einladung an Frauen und Männer

Wie gelingen gute Gespräche, die Lust auf mehr machen? Wie wollen Frauen ihre Rollen heute bewusst definieren, wie kann Mann dabei unterstützen? Wann freuen Komplimente und das Begehren und in welchen Situationen nicht? Gleichzeitig könnte in Wahrheit der Selbstwert doch hauptsächlich nicht vom Blick oder Like der anderen abhängig, oder? Wer sich um die eigenen Bedürfnisse und Wünsche kümmert, sie immer besser lebt und liebt, diese Einzigartigkeit ist authentischer und sicherer.

Ich erlebe immer noch ganz häufig, dass viele Frauen, und selbstverständlich auch so mancher Mann, die Wünsche und Erwartungen anderer wichtiger nehmen als die eignen, und zwar in jedem Alter! Aus diesen hinderlichen Mustern kann man aussteigen lernen, Schritt für Schritt. Nicht gegen jemand anderen, sondern für sich selbst.

Lustobjekt oder kulturelle Frage?

Heute bietet die Welt eine Kultur der Objektivierung, es wird bewertet, verglichen, konsumiert. Körper, Bilder, Leben. Ob im Dating "Wisch&Weg" Zirkus, den (a)sozialen Medien, der Konsumgesellschaft. Unzufriedenheit durch Vergleiche füttert die Wirtschaft. Wir swipen Menschen weiter, bevor sie überhaupt die Chance bekommen, uns als Mensch zu berühren. Ganz gleich ob Mann oder Frau.

Oberfläche oder Authentizität?

Beziehungskompetenz beginnt lange vor der Sexualität, sie beginnt mit unserer Art, einander wahrzunehmen, neugierig auf einander zu sein, einander anzusehen. Sehe und spüre ich in meinem Gegenüber einen Menschen mit eigenen Sehnsüchten, Wünschen, Bedürfnisse oder vor allem die Möglichkeit, eigene Bedürfnisse zu erfüllen?

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Frauen begehrt werden dürfen, ohne von männlichem Begehren, auf ihren Körper reduziert zu werden.

Ich wünsche mir, dass Frauen wie Männer ihre Lust leben können, ohne sie mit Besitz oder Anspruch, gar mit einer Leistungsshow zu verwechseln. Echte Erotik, prickelnde Intimität entstehen nicht dort, wo ein Körper bewertet oder gar verwendet wird. Sie entsteht dort, wo zwei oder mehrere Menschen einander als gleichwertige ganze Menschen begegnen.

Ich wünsche mir, dass Lust und Begehren, Erotik und Geilheit nicht "Tabu" sind, sondern gestaltbar durch Bewusstheit, Raum für Andersartigkeit und Übereinstimmung für sich selbst und im Miteinander, dass diese verletzenden, unnötigen Machtspiele entmachtet werden. Das wäre doch eine grandiose sexuelle Revolution 2026ff, die längst überfällig ist, oder? (Nicole Siller, 07.08.2026)

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