Die Lehren von Ceuta: Eine Welt voller Mauern


Stand: 03.08.2026, 18:25 Uhr

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Auf dem Weg in die spanische Exklave Ceuta sind mehr als 70 Menschen gestorben. Politologen und Soziologen erklären, warum Grenzmauern das Problem nicht lösen – sondern verschärfen.

Joseph Kavanagh heißt der junge Mann, der seinen Wehrdienst an einer gewaltigen Küstenmauer antritt. Der Dienst erstreckt sich über zwei Jahre und er gilt als hart. Diese Mauer dient zwei Zwecken in einem: Sie schützt vor dem steigenden Meeresspiegel und zugleich vor den Menschen, die wegen der ökologischen Katastrophe aus anderen Regionen fliehen. Kavanagh ist der Ich-Erzähler aus dem Roman „Die Mauer“ des britischen Schriftstellers John Lanchester. Über seinen Roman sagt er in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau zum Erscheinen seines Buches: „Diese Welt sollten wir uns ersparen.“

Menschen im Wasser auf dem Weg nach Ceuta.

Menschen im Wasser auf dem Weg nach Ceuta. © IMAGO/Samuel Vega

Lanchesters Roman lässt sich fast als literarische Allegorie auf die spanische Exklave Ceuta lesen, die in den vergangenen Tagen die Debatten der europäischen Hauptstädte beherrschte. Dort ist vor allem von der „Festung Europa“ die Rede. Damit will man Teile der jeweils eigenen Bevölkerung beruhigen, damit diese nicht scharenweise zu rechten Populisten überlaufen. Die Festung ist nichts anderes als eine Mauer, eine Trennung zwischen „uns“ und „den Anderen“. Flüchtlinge verkörpern für Lanchester die wachsende Kluft zwischen sicheren und unsicheren Lebenswelten. Viele würden aber vergessen, dass Menschen jederzeit von Privilegierten zu Ausgeschlossenen werden könnten.

Enorm kostspielig für Staaten: Wozu sind Mauern gut?

Mauern und Grenzanlagen, sagt Lanchester, sind letztlich nichts anderes als Versuche wohlhabender Gesellschaften, sich gegen die Folgen globaler Krisen abzuschotten. Er erkennt nicht im Klimawandel die größte Gefahr, sondern in der menschlichen Reaktion darauf. Eine Welt aus Mauern, Abschottung und Misstrauen wäre eine dystopische Zukunft. Mit seinem Buch wolle er diese Gefahr sichtbar machen. Doch ist das, wovor er warnen will, nicht längst Realität geworden?

Europa macht dicht: Grenzbeamte und Flüchtling vor Ceuta.

Europa macht dicht: Grenzbeamte und Flüchtling vor Ceuta. © IMAGO/Samuel Vega

Die amerikanische Politologin Wendy Brown stellt die aus Sicht vieler Rechtspopulisten provozierende Frage, wozu Mauern überhaupt gut seien. Abgeriegelte Grenzgebiete seien enorm kostspielig für Staaten. Außerdem würden sie die Migration nicht beenden. Man leite das Problem nur in Korridore elender Migration um, schreibt sie in ihrem Buch „Mauern“. Grenzmauern schafften neue Räume der Illegalität, in denen Gewalt, Schleusung und menschliches Leid zunehmen, erklärt sie. Die Anzahl der Mauern würde weltweit zunehmen. In den Mauern erkennt sie jedoch vor allem eines: politische Hilflosigkeit. „Mauern symbolisieren den Verlust staatlicher Souveränität, anstatt deren Stärke zu demonstrieren.“

Es ist keine bloße Wiederholung in Ceuta

Mauern besitzen vor allem aber einen starken Inszenierungscharakter: Sie erzeugen das sichtbare Bild staatlicher Handlungsfähigkeit. Doch stumme Grenzanlagen ersetzen demokratische Formen der Konfliktlösung, da sie Kommunikation, Recht und Verständigung durch physische Abschottung ersetzen. Die zentrale These von Browns Buch lautet: Der weltweite Mauerbau ist weniger ein Zeichen erfolgreicher Sicherheitspolitik als ein Symbol für die Krise und den Souveränitätsverlust moderner Nationalstaaten.

Mehr als 70 Menschen sollen auf dem Weg nach Ceuta gestorben sein, Schätzungen in Spanien gehen sogar von 200 Toten aus. Die Hintergründe der Vorgänge in Marokko sind nach wie vor unklar. Hat die marokkanische Regierung hier gezielt agiert und bis zu 70.000 Menschen (so eine Schätzung der Behörden von Ceuta) Richtung spanisches Territorium in Bewegung gesetzt? Oder sind sogar Geheimdienste anderer Staaten aktiv? Der Verdacht fällt schnell auf Russland, da Präsident Putin nicht allein für die Migrationsbewegung von Belarus verantwortlich war, sondern auch die später als „Migrationskrise“ bezeichnete Flucht von Menschen vor den brutalen Bombardierungen Russlands in Syrien im Jahr 2015 verursachte.

Auch die USA werden genannt. Elon Musk gilt als großer Freund rechter Bewegungen. „War er beteiligt?“, fragen nicht wenige. Israel wird in den sozialen Medien in einem Atemzug mit den USA genannt. Gründe könnten sein: die verweigerten Landerechte von US-Flugzeugen im Krieg gegen den Iran und eine aus Sicht von Netanjahu zu kritische Politik Spaniens gegenüber den israelischen Kriegen in Gaza und Libanon.

Europa macht dicht: Flüchtling vor Ceuta.

Europa macht dicht: Flüchtling vor Ceuta. © IMAGO/Samuel Vega

Europa unterschätzt die Dimension von Ceuta: Wir leben in einer neuen globalen Epoche

Was es auch immer für Gründe gegeben haben mag, so unterschätzt man in Europa nach wie vor die Dimension, mit der man es zu tun hat. Die gegenwärtige Flüchtlingsbewegung sei nicht bloß eine Wiederholung früherer Fluchtgeschichten, sondern Ausdruck einer neuen globalen Epoche, sagte der große polnische Soziologe Zygmunt Bauman ebenfalls in einem FR-Interview. Flüchtlinge verkörperten die globalen Folgen von Krieg, Ungleichheit und politischem Versagen. Der entscheidende Unterschied zu früheren Einwanderungsbewegungen bestehe darin, dass Migration heute nicht mehr wirksam kontrolliert oder gesteuert werden könne, sagte er nach den Erfahrungen, die Europa im Jahr 2015 gemacht hatte. „Wir sind in eine kosmopolitische Situation hineingeworfen.“ Denn die Welt sei längst kosmopolitisch geworden, unser Denken aber verharre noch in den Kategorien des Nationalstaats, sagte er. „Das Vorhandensein und die Nähe von Flüchtlingen enthüllt und entblößt unsere eigene Zerbrechlichkeit.“ Doch zwischen globaler Realität und politischem Bewusstsein bestehe eine gefährliche „kulturelle Lücke“.

Die politische Fixierung auf Sicherheit und Terrorismus dient Regierungen häufig als neue Quelle politischer Legitimation, wie man jetzt wieder erleben kann. 22 Regierungs- oder Staatschefs haben in einem offenen Brief den spanischen Ministerpräsidenten Sanchez scharf angegriffen. Tenor: Er sei zu lax in der Migrationspolitik.

Doch eine erfolgreiche Abwehr von Menschen, die in Europa einwandern wollen, senkt die Umfragewerte rechtspopulistischer Parteien nicht. Der deutsche Kanzler Friedrich Merz könnte eigentlich ein Lied davon singen. Er glaubte, mit Erfolgen auf diesem Feld die AfD „halbieren“ zu können. Er irrte sich gewaltig. Trotz harter Maßnahmen der von ihm geführten Regierung hat sich der Wähleranteil der AfD seit 2018 auf Bundesebene sogar verdoppelt. Aber schon Soziologe Zygmunt Bauman war sich sicher: „Im Gegensatz zu den Demagogen aller Richtungen gibt es keine kurzfristigen, keine schnellen Lösungen.“

Ceuta als Symbolfiguren für Ängste

Kurze und einfache Lösungen für Migrationsfragen existieren nicht. Die entscheidenden Antworten liegen in Bildung, Dialog und der Bekämpfung sozialer Ungleichheit, vor allem auch länderübergreifend. Migration ist für den Soziologen Bauman auch kein vorübergehendes Problem, sondern eine dauerhafte Strukturbedingung der globalisierten Welt. Die Menschheit steht vor der Aufgabe, Institutionen und Denkweisen an eine Welt gegenseitiger Abhängigkeiten anzupassen.

Doch Flüchtlinge sind längst zu Symbolfiguren gesellschaftlicher Ängste geworden. Die Debatten drehen sich vor allem um Grenzsicherung und Kontrolle, über humanitäre Fragen diskutiert nur noch eine Minderheit. Kriege, Armut, demografischer Druck und globale Ungleichheit rücken immer weiter in den Hintergrund.

Worum es geht, ist vor allem die Verteidigung der Mauer gegen „Andere“, wie im Fall von John Lanchesters Romanfigur Joseph Kavanagh. Wichtig ist die Disziplin in einem Alltag von Schichtdienst, strengen Befehlen, Übungen und ständiger Einsatzbereitschaft. Denn gelingt es „Angreifern“, an einem von ihm bewachten Abschnitt durchzubrechen, werden die verantwortlichen Wachen in Lanchesters Roman selbst aus dem Land verbannt.