Die Nilgans erobert Europa
Fotoblog: Tierisches
Die Nilgans erobert Europa
Die aus Afrika stammenden Gänse wurden lange als exotische Ziervögel gehalten. Bis sie ausbüxten
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Michael Simoner
Souvenirs sind merkwürdige Gegenstände. Ob man sich darüber freut oder nicht, letztendlich verstauben sie fast alle in einem Regal oder verschwinden in einer Kiste auf dem Dachboden. Ich hab Ihnen trotzdem ein paar Fotomitbringsel aus London, wo wir vor kurzem privat waren, mitgebracht. Dafür sind wir extra mit der Tube (Underground sagt in London kein Mensch, obwohl die U-Bahn offiziell so heißt) zum Hyde Park gefahren. Dort haben wir unter anderem einen Vogel näher kennengelernt, der auch in unseren Breiten zunehmend für Aufregung sorgt.
Die Rede ist von der Nilgans (Alopochen aegyptiaca). Schon am Ufer der Themse auf Höhe der Millennium Bridge waren uns diese in Weiß und Erdfarben gehaltenen Wasservögel mit den großen, braunen Augenflecken und den dottergelben Augen vereinzelt aufgefallen. Im Hyde Park waren ganz Trupps unterwegs. Zwei Nilgänse kreuzten unseren Weg – und sie waren es nicht, die auswichen. Sehr selbstbewusst.
Augen wie Kleopatra
Mit ihrer unerschrockenen Art haben die ursprünglich aus Afrika stammenden Entenvögel inzwischen halb Europa erobert. Auch in Österreich sind vor rund zehn Jahren angekommen und regional angeblich gar nicht so selten. Ich kann mich nur an eine bisherige Begegnung erinnern, hab aber leider vergessen, wo genau. Ich weiß nur, dass ich mir, nachdem ich die Nilgans im Vogelführer nachgeschlagen hatte, die Eselsbrücke "Nil, Ägypten, Kleopatra" gebaut habe, weil mich die auffälligen Augenflecken an die stark geschminkten Augen der legendären ägyptischen Ptolemäer-Königin erinnern (zumindest in der ebenso legendären "Cleopatra"-Verfilmung mit Elizabeth Taylor).
Vor mehr als 100 Jahren wurden Nilgänse als Ziervögel hauptsächlich in Großbritannien gehalten, später auch in den Niederlanden. Doch irgendwann sind sie ausgebüxt. Die heute wild lebenden Vögel in Europa sind die Nachkommen von Ausreißern. Und die Klimaerwärmung begünstigt ihre rasante Ausbreitung. Nilgänse gehören zu den Neozoen. Laut Definition sind das alle gebietsfremde Tierarten, die nach der Entdeckung Amerikas im Jahr 1492 durch menschliche Einflüsse in eine neue Region gelangt sind und sich dort gehalten haben.
Streit um invasives Verhalten
Die EU hat Nilgänse zudem auf die Liste der invasiven Neozoen gesetzt, weil sie in dringendem Verdacht stehen, durch aggressives und territoriales Verhalten heimische Wasservögel zu verdrängen. Nilgänse dürfen in weiten Teilen Österreichs (je nach Landesjagdgesetz) ganzjährig ohne Schonzeit gejagt werden. Sie dürfen nicht gezüchtet werden, genau genommen ist sogar füttern verboten. Naturschutzorganisationen bezweifeln allerdings, dass die zuagroaste Nilgans anderen Tierarten gefährlich werden könnte. Der deutsche Naturschutzbund (Nabu) etwa zitiert eine Studie, wonach es gar keinen Nachweis für negative Effekte gebe. Es sei daher nicht gerechtfertigt, Nilgänse zur Bestandskontrolle zu erlegen. Sie zu jagen, um sie zu verspeisen, ist aus Sicht des Nabu okay. Allerdings drängen die Naturschützer auf eingeschränkte Jagdzeiten, weil es zu oft vorkomme, dass Nilgänse und geschützte Durchzügler verwechselt und Letztere irrtümlich abgeschossen werden.
In Großbritannien stehen Nilgänse (auf Englisch "Egyptian Goose") überraschenderweise nicht auf der Liste des jagbaren Federviehs, es gibt aber regionale Ausnahmegenehmigungen, wenn durch die Population "schwere landwirtschaftliche Schäden" zu befürchten sind. Im kultivierten Hyde Park ist das wohl nicht der Fall. Hier leben Nilgänse friedlich neben Graugänsen, Teichrallen und Blässhühnern.
Berittene Polizei
Der Hyde Park ist zusammen mit den Kensington Gardens rund 2,5 Quadratkilometer groß. Damit ist er kleiner als der Central Park in New York (3,4 km²) oder der Englische Garten in München (3,7 km²), aber wesentlich größer als der Donaupark (0,6 km²) in Wien. Der Wiener Prater mit einer Fläche von sechs Quadratkilometern läuft hier außer Konkurrenz, weil er zwar wild und schön, aber kein Park nach den Regeln der Gartenkunst ist. Zumindest nicht flächendeckend.
Dass man in London und nicht in Wien ist, merkt man an der berittenen Polizei, die im Hyde Park auf Streife trabt. Beim Wildlife gibt es hingegen viele Ähnlichkeiten: Graureiher und Kormorane kann man da wie dort beobachten. Auch die Krähe, die beim Speaker's Corner von einem Baum krächzte, klang eigentlich so wie im Wiener Stadtpark. Die Briten kochen eben auch nur mit Wasser. Und machen damit hervorragenden Tee. (Michael Simoner, 7.10.2026)
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