Online-Programme gegen Depressionen: Wie effektiv sind sie wirklich?


Digitale Selbsthilfe wirkt bei Depressionen, und Krankenkassen bezahlen jetzt dafür. Ist das das Ende der klassischen Psychotherapie?

Online-Programme können Symptome bei Depressionen lindern. Wie sie funktionieren und wie Fachleute sie bewerten.

15.10.2026, 08.01 Uhr

6 Leseminuten


«Selbsthilfebuch in Programmform»: Am meisten profitieren Patienten, wenn das digitale Angebot zusätzlich zu einer herkömmlichen Therapie eingesetzt wird.

«Selbsthilfebuch in Programmform»: Am meisten profitieren Patienten, wenn das digitale Angebot zusätzlich zu einer herkömmlichen Therapie eingesetzt wird.

«Ich bin die Miriam aus Hamburg. Ich bin Verwaltungsangestellte, und ich hatte mal Depressionen.» Miriam lächelt, während sie das sagt, und gibt dann einen Einblick in eine Lebensphase, in der es für sie nicht viel zu lachen gab: «Ich bin über zehn Jahre lang ziemlich heftig gemobbt worden», sagt sie. «Ich habe über zehn Jahre lang jeden Abend bitterlich geweint und mich gefragt, was mit mir los ist und warum ich nicht so bin, wie ich sein sollte.»

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Sie erzählt von Selbsthass, Traurigkeit und Magenkrämpfen – und von einem Gedanken, der irgendwann in ihr wuchs: «Vielleicht sollte ich mir Hilfe besorgen.»

Sie rief ihre Krankenkasse an, bekam ein Erstgespräch mit einer Psychotherapeutin und hatte danach Gespräche mit weiteren Therapeuten. Eine Therapie sei sinnvoll, um ihre Depression zu behandeln, gab man ihr zu verstehen – aber bitte nicht hier. Niemand habe einen freien Platz für sie gehabt, erinnert sich Miriam und sagt: «Dann habe ich erst mal aufgehört zu suchen, weil es doch sehr frustrierend und verstörend war.»

Letzter Anker: digitale Therapie

Dass sie heute mit Betonung auf die Vergangenheitsform sagen kann, «ich hatte mal Depressionen», liegt laut Miriam daran, dass sie eines Tages doch noch gegoogelt hat: «Psychotherapeuten-Suche für gesetzlich Versicherte». Sie sei auf der Seite ihrer Krankenversicherung gelandet und habe dort einen Hinweis gefunden – auf Deprexis. Ihre Krankenkasse vermittelte ihr ein weiteres Gespräch mit einer Psychologin. Diese habe dafür gesorgt, dass Miriam den Zugang zu dem Computerprogramm bekam.

Deprexis ist eine digitale Gesundheitsanwendung. Seit einigen Jahren bezahlen die gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland solche rund dreimonatigen Online-Therapien von gelisteten Anbietern. Neben Deprexis gehören dazu derzeit unter anderem Selfapy, Novego oder My7steps.

In der Schweiz kann die digitale Selbsthilfe bei Depressionen seit diesem Sommer von den Krankenkassen bezuschusst werden. Momentan steht nur Deprexis auf der Liste. Aus diesem Anlass hat Deprexis zur Online-Pressekonferenz eingeladen. Dort sitzt Miriam neben zwei Mitarbeiterinnen des Unternehmens und erzählt ihre Erfolgsgeschichte.

Und die wirft Fragen auf: Erleben wir gerade das Ende der klassischen Psychotherapie? Sind Depressionen womöglich so banal, dass ein Computerprogramm ausreicht, um sie zu behandeln?

Tatsächlich zeigen Studien, dass digitale Therapien depressive Symptome verringern können. Deprexis ist vergleichsweise gut untersucht. Thomas Berger, Psychologieprofessor an der Universität Bern, erforscht seit vielen Jahren die Wirksamkeit solcher Programme.

Er ist der Pressekonferenz zugeschaltet, betont, dass er seine Studien ohne finanzielle Zustüpfe von Deprexis oder anderen Unternehmen durchführe, und erklärt, welche Vorteile solche Programme hätten, darunter: Sie bieten einen niedrigschwelligen Zugang. Und wenn man es tatsächlich schafft, damit aus eigener Kraft Probleme zu lösen, kann das die Selbstwirksamkeit stärken.

Können digitale Angebote den Therapeuten ersetzen?

Dass solche Tools helfen können, anerkennen auch die Autoren der Patientenleitlinie zur Behandlung von Depressionen. Sie empfehlen aber: Ohne eine begleitende Psychotherapie solle man die Internet-Therapie nur bei leichten Depressionen einsetzen. Abschaffen wollen sich die Fachleute nicht. Messen sie sich womöglich zu viel Bedeutung zu? Brauchen wir sie eventuell doch nicht mehr, um zumindest leichte oder mittelgradige Depressionen zu behandeln?

«Das ist die Gretchenfrage», sagt Markus Wolf. Er forscht an der Universität Zürich zu digitalen Therapien. Und er hat an der herkömmlichen Versorgung durchaus manches zu kritisieren: «Bis zu 30 Prozent der Psychotherapien in der Routineversorgung enden ohne einen messbaren Effekt auf die zentralen Symptome. 5 bis 10 Prozent der Leute sind hinterher statistisch gesehen schlechter dran als vorher. Das ist ein Umstand, der nur zum Teil an den Therapeuten liegt. Schnellere und flexiblere Zugangswege und besser verzahnte und nachhaltigere Angebote wären sinnvoll.» 60 bis 70 Prozent Erfolgsquote seien nicht so schlecht, gerade im Vergleich mit anderen Behandlungsoptionen, schiebt er nach, aber etwas selbstkritisch sollten Psychotherapeuten doch auf ihre Arbeit blicken.

Miriam hatte keine andere Wahl, als auf das Computerprogramm zu setzen. Sie bekam keinen Therapieplatz. Nun erzählt sie, was sie gut fand an Deprexis: Das Programm habe sie erst einmal in einem ausführlichen Gespräch «kennengelernt».

Deprexis will interaktiv sein und bietet verschiedene Antwortmöglichkeiten, um auf den Text zu reagieren. So «lernte» das Programm, ob Miriam eher introvertiert oder extrovertiert ist, ob sie perfektionistisch ist und so weiter.

Das Ziel dahinter: Miriam sollte auf ihre Persönlichkeit und ihre Situation zugeschnittene Gesprächshäppchen bekommen. Mit KI hat das nichts zu tun. Die Ratschläge des Tools sind vorgefertigt und werden anhand der Antworten der Nutzer ausgewählt. Es ist ein Baukastensystem.

Der Nutzer liest zum Beispiel: «Die Forschung zeigt, dass dieses positive, zielorientierte Denken sogar bestimmte Glücks- und Wohlfühlzentren im Gehirn aktiviert. Diese Zentren werden weniger aktiviert, wenn man immer nur über Probleme nachdenkt – oder darüber, wie man sie vermeiden könnte.» Welcher Textbaustein als Nächstes kommt, entscheidet sich danach, auf welche Reaktion der Nutzer klickt. Entweder: «Interessant! Welche Hirnregionen werden denn da aktiviert?» Oder: «Mit diesem zielorientierten Denken schafft man sich doch noch mehr Druck . . .» Oder: «Mein nächstes positives Ziel ist es, zur nächsten Seite zu kommen ;-).»

«Es ist ein Selbsthilfebuch in Programmform», erklärt Markus Wolf und ergänzt: «Diese Tools klappern alle die Top Ten der kognitiv-verhaltenstherapeutischen Techniken ab.»

Genau davon schwärmt Miriam als Nächstes: von den Übungen und Anregungen, die ihr das Programm bot. In diesen verhaltenstherapeutischen Einheiten geht es um Entspannungstechniken, Strategien zur Problemlösung, um die Gestaltung von Beziehungen, um den Umgang mit schwierigen Kindheitserinnerungen.

Was Miriam an der Online-Therapie nicht gut fand? Da fällt ihr nichts ein.

Wem die digitale Psychotherapie hilft

Auch Markus Wolf hält die digitale Therapie für eine gute Möglichkeit, um an sich zu arbeiten, allerdings nur unter gewissen Umständen: «Vor allem muss die Person hochmotiviert sein», sagt er. Das sei bei dieser Erkrankung nicht die Regel und treffe eher bei leichteren Depressionen zu. Je schwerer die Depression, desto weniger können sich die Betroffenen aufraffen, überhaupt irgendetwas zu tun – und sei es nur, aus dem Bett aufzustehen. Der Motivationsverlust könnte auch erklären, weshalb in Studien rund um digitale Therapieangebote recht viele Teilnehmer vorzeitig aussteigen.

Dass ausgerechnet Miriam bei dieser Pressekonferenz sitzt, ist natürlich kein Zufall. Das Programm hat bei ihr bestmöglich gewirkt. Unwahrscheinlich ist ihr Fall aber auch nicht. Sie war zwar depressiv, aber auch hochfunktional: Im Job funktionierte sie weiter, ihr Leben bewältigte sie, auch Sport trieb sie regelmässig. Sie brachte die nötigen Voraussetzungen mit, um selbst tätig zu werden. Sie war ein idealer Fall für ein Selbsthilfe-Tool.

Insgesamt aber zeigt die Studienlage, dass die Patienten besonders profitieren, wenn das digitale Angebot zusätzlich zu einer herkömmlichen Therapie eingesetzt wird.

Markus Wolf hält ein stufenweises Vorgehen für sinnvoll: Eine Fachperson diagnostiziert die Depression und verschreibt – sofern angemessen – zunächst die digitale Therapie. Sollte das nicht ausreichen, wird die Person an einen Therapeuten weiterverwiesen. Falls eine Person bereits auf einen persönlichen Therapieplatz wartet, könne die Online-Therapie zur Überbrückung eingesetzt werden. Nach einer abgeschlossenen persönlichen Therapie könne das Programm ebenfalls nützlich sein, um die therapeutischen Strategien zu festigen. Der Erfolg der digitalen Tools hängt seiner Meinung nach eng damit zusammen, wie sie in das Gesundheitssystem eingebettet werden.

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Die Situation in der Schweiz

Derzeit ist die Verschreibung in der Schweiz so geregelt: «Die Online-Angebote müssen von Psychiatern verordnet werden», erklärt Matthias Jäger, Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Ebenso wie Markus Wolf ist er ein Verfechter des stufenweisen Vorgehens. Er fände es sinnvoll, wenn geschulte Hausärzte als erste Anlaufstelle der Betroffenen digitale Tools zur Behandlung von Depressionen verschreiben könnten. Und er betont: «Jede Person, die solch eine digitale Anwendung nutzt, muss – falls nötig – immer die Möglichkeit haben, zu einer Therapie bei einer Fachperson zu wechseln.»

Das sieht auch Markus Wolf so. Ihm fällt zu einem Fall wie dem von Miriam ein ungünstigeres Ende ein: «Vielleicht ist jemand sehr froh, endlich ein Online-Tool zu haben, hat hohe Erwartungen daran – aber dann merkt die Person: Sie kann sich zu schlecht konzentrieren, sie kann sich doch nicht aufraffen. Und dann? Dann lässt sie das Tool fallen, und die Person fühlt sich – auch in ihrer Selbstwirksamkeit – schlechter als vorher.» Was, wenn sie in solch einer Situation keine persönliche Therapie bekommt?

Miriam, so viel ist klar, hatte grosses Glück. Selbstverständlich ist ihre Geschichte nicht.

Man werde nun erst einmal Erfahrungen sammeln, wie die Einbettung des neuen Angebots in das Schweizer System verlaufe, sagt Matthias Jäger. Denn abschaffen kann die Online-Therapie den echten Therapeuten nicht.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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