Ein Haus zum Verlieben: So lebt es sich in Offenbachs erster Demenz-WG
Stand: 15.08.2026, 06:00 Uhr
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Von wegen Altenheim: Die Demenz-WG in Offenbachs Statthaus ermöglicht ihren Bewohnerinnen einen aktiven Alltag – und baut auf das Engagement der Angehörigen.
Offenbach – Kann man sich in ein Haus verlieben? Wenn, dann vielleicht in den Gründerzeitbau an der Geleitsstraße 94. Ein Jahr lebte Rotraut Gretzschel schon in Offenbach, umgezogen aus ihrer Heimatstadt Dresden, als sie an der Villa der Hans-und-Ilse-Breuer-Stiftung vorbeispazierte. Nach einem Plausch mit dem Nachbarn, im Vorgarten blühten die Blumen, trifft sie eine Entscheidung – hier will die Seniorin wohnen.
Jetzt steht die 84-Jährige im Garten der Breuer-Stiftung und pflückt drei traubengroße Tomaten aus dem Hochbeet, schön rot. „Lust zu probieren?“, fragt sie. Gerade hat Gretzschel zu Abend gegessen, im Gemeinschaftsraum, eine Tafel weist den Wochentag aus. Sie trägt eine Perlenkette, dazu eine mit Bernsteinverzierungen. Wenn sie spricht, schwingt der Dialekt ihrer Heimat mit, ganz leicht. Im Westend lebt Rotraut Gretzschel in einer Demenz-WG – Offenbachs einziger.
WG für demente Menschen in Offenbach funktioniert anders als Seniorenheim
Katja Bär ist Vorständin der Breuer-Stiftung. Früher war an der Geleitsstraße mal eine Mädchenschule, erzählt sie, später ein Polizeirevier, dann stand das Haus lange leer. Die Stiftung sanierte das Gebäude. Und widmete es dem Stiftungszweck – heute ist ein Demenzzentrum eingerichtet, mit Tagesbetreuung und der Demenz-WG. Die Bewohnerinnen: neun Damen, die älteste ist über 90 Jahre alt, werden von vier Pflegekräften betreut.
„Ich glaube, es ist der beste Ort für meine Mutter in ihrer besonderen Lebenssituation“, sagt Sohn Dirk, Einzelkind. Als seine Mutter vor etwa fünf Jahren die Diagnose Demenz bekam, wollte er sie in seiner Nähe wissen.Ein Jahr lang wohnte Rotraut Gretzschel in einem Seniorenheim. Ihr Sohn sagt: „Im Altenheim erleben die Menschen oft ein paar Highlights am Tag – Singen, Vorlesen, Fernsehgucken. Die WG funktioniert anders. Hier sind die Bewohnerinnen total eingebunden. Das hat sicherlich einen positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf.“
Alle dürfen das machen, was sie können und wollen. Den Betreuerinnen und Betreuern in der Küche assistieren zum Beispiel. Beim Gemüseschnippeln helfen, die köchelnde Suppe umrühren, den Tisch decken. Draußen im Garten die Pflanzen gießen – die Menschen erleben einen Alltag, trotz ihrer bleibenden Erkrankung.
Besondere Rolle für die Angehörigen

Rotraut Gretzschel fährt mit dem Aufzug in den zweiten Stock, zu ihrem Zimmer. Zu sehen: ein Pflegebett mit hölzernem Rahmen, und viele Bilder von der Familie. „Meine Enkelin und ich, wir lieben uns sehr“, sagt Rotraut mit Blick auf ein Foto, „nur wohnt sie in Kanada.“ Daneben – ein Bild von Sohn Dirk, im Dynamo-Trikot, versteht sich.
Den Angehörigen kommt in der Demenz-WG eine besondere Rolle zu. Sie haben sich in einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts zusammengeschlossen, müssen wichtige Entscheidungen treffen: den Vertrag mit dem Pflegedienst abschließen etwa, vor allem über die Zusammensetzung der WG entscheiden. „Im Grunde halten wir die Fäden in der Hand“, sagt Dirk Gretzschel. Kann das Statthaus, die Demenz-WG, Modell für andere sein?
Vielleicht. Bei herausragendem Betreuungsumfeld kostet ein Platz in der WG etwa so viel wie in einem durchschnittlichen deutschen Altersheim, sagt Katja Bär, Breuer-Vorständin. Fügt aber hinzu: „In den vergangenen Jahren haben wir etwa 60 potenzielle WGs beraten.“ Entstanden ist am Ende eine. „Das liegt an der strukturellen Herausforderung. Wer eine Person mit Demenz betreut, gleichzeitig eine Unterkunft sucht und einen Dienstleister anwerben muss – der kämpft mit einer Mehrfachbelastung.“
Geschichten rund ums Wohnen in Offenbach
Zu Hause ist es doch am schönsten, oder? Nirgendwo verbringen wir mehr Zeit als in den eigenen vier Wänden. Und die Orte, an denen wir leben, egal ob Reihenhaus, Einzimmerapartment oder Studi-WG – sie bergen unsere Geschichten. Erzählen von Ankunft, Altwerden, prägenden Mitmenschen. Gleichzeitig bezeugen sie einen Wandel: Denn Wohnen in Offenbach ist anders als früher. Immer mehr Menschen leben allein. Mieten und Kaufpreise steigen rasant. Der Platz in der Stadt schwindet. Die Offenbach-Post möchte versuchen, zu kartieren, was passiert. Und fragt künftig einmal im Monat: Offenbach, wie wohnst Du? Wenn Sie selber Ihre (Wohn-)Geschichte erzählen möchten, melden Sie sich gerne per E-Mail an [email protected]. Die Redaktion wählt die spannendsten Geschichten aus.
Demenz in Deutschland: Warum mehr Aufklärung nötig ist
Mag also sein, dass Offenbachs Demenz-WG vorerst ein besonders schöner Einzelfall bleibt. Einen vorbildlichen Impuls gibt das Projekt auf jeden Fall. Knapp zwei Millionen Menschen in Deutschland leben mit Demenz, zeigen Zahlen der Alzheimer Gesellschaft. Jedes Jahr gibt es etwa 400.000 Neuerkrankungen. Breuer-Vorständin Bär, sagt: „Den Umgang mit Demenz empfinde ich teilweise als verkrampft. In Deutschland sprechen wir überhaupt erst seit den 2010er-Jahren verstärkt über das Thema.“
Dirk Gretzschel fügt hinzu: „Früher dachte ich immer, Menschen mit Demenz sind vergesslich. Über die Demenz-WG habe ich erst verstanden, wie groß das Symptomspektrum ist.“ Demente verlieren ihre Orientierung, werden anders, als sie einmal waren – verändern ihre Persönlichkeit. An der Geleitsstraße hilft man sich einfach gegenseitig: Betroffene und Angehörige, um den besten Umgang mit der neuen Lebenssituation zu finden.
Wer Interesse an der Arbeit der selbstverwalteten Demenz-WG hat, kann sich per Email an [email protected] wenden. Oder darf im hauseigenen Café vorbeischauen, von Montag bis Freitag gibt es warme Küche zwischen 12 und 14 Uhr. Sollte man zufällig auf Rotraut Gretzschel treffen, gäbe es Gesprächsthemen: die Botanik. Und ihre Lieblingsstadt Dresden. (von Julius Fastnacht)