Auto-Test: Klein, putzig und rein elektrisch – nur ein Detail verhagelt dem Nissan Micra die Bilanz
Elektrische Charmeoffensive mit kleinen Schönheitsfehlern: Meine Woche mit dem Nissan Micra
Stand: 20.09.2026, 06:19 Uhr
So klein, so putzig: Der Nissan Micra scheint ein idealer Stromer für die Stadt zu sein. Doch: Ist das im Alltag wirklich so? Meine Asphalt-Analyse.
München – Viele Autos sehen heutzutage aus, als suchten sie Streit. Gerade dicke SUVs sind von ihren Designern häufig extrem auf Krawall gebürstet: überdimensionierter Kühlergrill, messerscharf geschnittene Scheinwerfer, massive Stoßfänger mit tiefen Lufteinlässen. Rauscht auf der Autobahn ein solches Blechmonster im Rückspiegel heran, zieht sich bei manchem Autofahrer unfreiwillig der Magen zusammen. Wie schön, dass es auch anders geht.
Fahrzeug-Design mit Charme – und vor allem mit einem freundlichen Gesicht. Modelle, die Menschen am Straßenrand lächeln lassen. So ein netter Geselle ist der neue Nissan Micra. Er ist der technische Bruder des Renault 5 E-Tech. Die beiden basieren auf derselben Plattform. Und sie werden auch im selben Werk in Douai in Frankreich gebaut.
Elektrische Charmeoffensive mit kleinen Schönheitsfehlern: Meine Woche mit dem Nissan Micra
Dass der Micra ein verkappter Renault 5 E-Tech ist, haben die Designer vor allem beim Exterieur geschickt verschleiert. Mit seiner Kulleraugen-Front und den kreisförmigen Heckleuchten wirkt der Nissan Micra (Länge/Breite/Höhe: 3974/1774/1490 mm) eigenständig. Wer genau hinschaut, erkennt in den Scheinwerfern vorn das Nissan-Logo. Nur die seitliche Silhouette verrät dann die enge Verwandtschaft zwischen den beiden.
Mir stand als Testwagen die Version mit 110 kW/150 PS und einem maximalen Drehmoment von 245 Nm zur Verfügung – in der Farbe Rebel Red. Angetrieben werden – wie auch bei der schwächeren Variante mit 90 kW/122 PS – ausschließlich die Vorderräder. An Bord war auch der größere Akku mit 52 kWh, die kleinere Version hat eine 40-kWh-Batterie. Stellt sich die Frage: Wie schlägt sich der sympathische Elektro-Zwerg im Alltag? Hier schon mal mein Emoji-Fazit: 🥹 🤗 🫣 (die Auflösung gibt es am Ende).
Die Asphalt-Analyse – mein monatlicher Autotest
Jeden Monat teste ich ein Fahrzeug eine Woche lang im Alltag und beantworte dabei fünf grundlegende Fragen, die sich wohl jeder Autofahrer stellen würde. Statt technischer Details im Überfluss gibt es ehrliche Eindrücke: Was funktioniert gut, was nervt wirklich? Meine Asphalt-Analyse zeigt Ihnen, wie sich das Auto anfühlt – nicht nur, wie es auf dem Papier aussieht.
Folge 1 (Januar 2026): Tesla Model X Plaid
Folge 2 (Februar 2026): Ford Capri
Folge 3 (März 2026): Renault Rafale
Folge 4 (April 2026): GWM Wey 03
Folge 5 (Mai 2026): Togg T10X
Folge 6 (Juni 2026): Dacia Bigster
Folge 7 (Juli 2026): BMW iX3
Folge 8 (August 2026): Xpeng P7+
Folge 9 (September 2026): Nissan Micra
Die ersten 5 Minuten mit dem Nissan Micra: Finde ich mich gleich zurecht?
Im Innenraum unterscheidet sich Nissan Micra kaum von seinem Bruder Renault 5 E-Tech. Er übernimmt damit auch die Schwächen bei der Bedienung. Gewöhnungsbedürftig ist vor allem der sogenannte Bedien-Satellit auf der rechten Lenkradseite. Saß man noch nie in einem Auto aus dem Renault-Universum, dürfte man lange nach dem Lautstärke-Regler suchen – denn der sitzt hier: In Form von Tasten am Ende des „Bedien-Satellit“-Hebels. Auf dessen Rückseite findet sich zusätzlich ein Rädchen, mit dem man beispielsweise bei den Liedern weiterspringen kann. Ich kenne das inzwischen – finde es aber trotzdem unglücklich gelöst. Ein simpler Drehregler in der Mittelkonsole – zu dem inzwischen auch VW beim neuen ID.Polo wieder zurückgekehrt ist – ist nach wie vor mein Favorit.

Dazu kommt die Hebel-Flut: Gleich drei Stück ragen oktopusartig auf der rechten Lenkrad-Seite heraus. Das ist mindestens einer zu viel und führt gelegentlich zu Fehlbedienungen. Besser gelöst wurde die Integration des 10,1-Zoll-Displays, das zum Fahrer geneigt ist – und es gibt „echte“ Klimatasten, die sich auch ganz gut anfassen. Insgesamt ist der Innenraum deutlich nüchterner als im Renault, ich finde, vergleichsweise fast ein wenig trostlos. Mir persönlich gefällt der Retro-Ansatz des Bruders deutlich besser. Aber natürlich spielt hier immer auch die Ausstattungsvariante eine Rolle – und der eigene Geschmack.
Das würde mein Nachbar fragen
„Vermutlich kommt man damit nicht weit. Aber lädt er denn einigermaßen schnell?“ Die Reichweite gibt Nissan mit bis zu 416 Kilometern an, den durchschnittlichen Verbrauch mit 14,7 kWh auf 100 Kilometer. Ich lag in meinem Testzeitraum mit 15,2 kWh/100 km nur minimal darüber. Das ergäbe bei 52 kWh Akkukapazität (netto) eine theoretische Reichweite von gut 340 Kilometern. Für ein Stadtauto völlig okay. Beim Laden sticht der Micra weder besonders negativ noch positiv hervor: Bis zu 11 kW sind an der AC-Wallbox möglich, bis zu 100 kW an der DC-Ladesäule. Selbst der brandneue VW ID.Polo schafft da nicht wesentlich mehr. Immer an Bord im Micra ist eine Wärmepumpe, die den Energieverbrauch reduziert. Außerdem beherrscht der Kleine die Vehicle-to-Load-Technik (V2L): Mittels entsprechendem Adapter können externe elektrische Geräte betrieben oder geladen werden – etwa ein E-Bike.
Die Beifahrer-Jury: Was sagen die Mitfahrer zum Nissan Micra?
„Kannst du bitte mal den Sitz weiter vor machen?“ In der zweiten Reihe geht es eng zu. Sehr eng. Selbst Kindern ist eine längere Fahrt hier kaum zuzumuten. Und wenn überhaupt, dann nur, wenn man die Vordersitze weit nach oben pumpt – sonst passen die Füße nicht mehr unter die Sitze. Allerdings geht dieses Konzept nur bei relativ kleinen Fahrern und Beifahrern auf – denn die Kopffreiheit ist nicht gerade üppig und auch die Sicht wird dann noch mehr eingeschränkt, als sie es ohnehin schon aufgrund der Karosseriegestaltung ist.
Der Realitätscheck: Was ist gut – und was nervt am Nissan Micra?
Antrieb/Fahrwerk: Das Leergewicht meiner Testwagen-Variante gibt der Hersteller mit 1527 bis 1556 Kilo an. Dafür sind die 110 kW/ 150 PS eine absolut ausreichende Motorisierung. Im Alltag geht es zügig voran: Den Spurt von 0 auf 100 km/h gibt Nissan mit acht Sekunden an, die „schwächere“ Version ist aber nur eine Sekunde langsamer. Egal bei welcher Variante: Schluss ist im Micra immer bei 150 km/h – bei diesem Tempo ist der kleine Stromer abgeregelt. Grundsätzlich ist das Fahrwerk eher sportlich/straff ausgelegt, allerdings ohne Gefahr einer Rückenstauchung. Ein Wendekreis von nur 10,3 Metern erleichtert das Rangieren in der Stadt. Echtes One-Pedal-Driving – also das Fahren nahezu ausschließlich mit dem Fahrpedal – ist erst in höheren Ausstattungsvarianten verfügbar.

Der Assistenz-Abschalt-Knopf: Zahlreiche Assistenzsysteme sind in modernen Autos in der EU verpflichtend – beispielsweise der Geschwindigkeitswarner, der ab einem km/h Überschreitung akustisch und optisch Alarm schlägt. Das kann auf die Dauer nervig sein, ähnlich wie der Spurhalteassistent, der in vielen Fahrzeugen überraschend (und häufig grundlos) ins Lenkrad eingreift. Zwar lassen sich diese Systeme abschalten – doch bei jedem Motorstart aktivieren sie sich erneut. Ein Abschalten in Untermenüs kann daher schnell mühsam werden. Gut: Im Nissan Micra ist der von Renault bekannte Abschalt-Knopf links vom Lenkrad an Bord. Per Touchscreen kann definiert werden, welche störenden Helfer damit abgeschaltet werden sollen – so ist man bei jedem Start mit nur einem „Doppelklick“ sämtliche unerwünschten Assistenten los.
Platz: Ein Raumwunder ist der Nissan Micra nicht. In den Kofferraum passen 326 Liter, bei umgeklappten Rücksitzlehnen sind es 1.106 Liter. Zum Vergleich: Im neuen VW ID.Polo sind es 441 Liter. Über einen Frunk verfügt der Micra nicht, genauso wenig ist eine elektrische Heckklappe erhältlich. Dafür gibt es für knapp 500 Euro Aufpreis eine Anhängerkupplung, womit der Kleine dann immerhin bis zu 500 kg ziehen darf.
Qualität: Grundsätzlich macht der Micra einen soliden Eindruck, speziell das Lenkrad fasst sich sehr wertig an. Pluspunkte sammelt der Nissan auch durch die Klimabedienleiste mit „echten“ Knöpfen. Leicht getrübt wird das Bild durch die billig wirkenden Plastik-Türgriffe innen, bei denen man auch nicht „durchgreifen“ kann. Ein echter Negativpunkt ist die Rückfahrkamera: Sie entspricht nicht dem Stand der Technik – auch nicht für ein Auto in dieser Klasse. Das Bild ist extrem unscharf und verwaschen.

Komfort: Die Lenkradheizung benötigt an kalten Tagen etwas Anlaufzeit, dafür wird’s aber schnell unangenehm heiß an den Fingern. Hier wäre eine etwas bessere Abstimmung wünschenswert. Apple CarPlay und Android Auto sind an Bord und ermöglichen Navi- und Infotainmentbedienung im gewohnten Umfeld.
Der Geldbeutel-Check: Wie schlägt sich der Nissan Micra bei den Kosten?
Los geht’s beim Nissan Micra bei 27.990 Euro für die kleinere Akku-Variante (40 kWh) und die schwächere Motorisierung mit 90 kW/122 PS Leistung. Die Version mit 52-kWh-Batterie und 110 kW/150 PS Leistung startet bei 32.990 Euro. Inklusive aller Extras kam mein Testwagen auf stolze 33.890 Euro.
Mein Fazit in drei Emojis:
- 🥹 (Rührungs-Smiley – weil sein herziges „Kulleraugen“-Design Herzen schmelzen lässt)
- 🤗 (Umarmungs-Smiley – weil es hinten so eng zugeht, dass man schon mal kuscheln muss)
- 🫣 (Ich-kann-nicht-hinschauen-Smiley – weil die Rückfahrkamera wirklich mies ist)
Der Nissan Micra ist ein idealer Kleinwagen für die Stadt – da steht er seinem Renault-Bruder in nichts nach. Die Qualität ist für ein Fahrzeug dieser Größe beachtlich – hat aber eben auch ihren Preis. Die Entscheidung zwischen den beiden ist aus meiner Sicht schlicht eine Geschmacksfrage. Der Renault 5 E-Tech ist von außen der aggressivere und innen verbreitet er gekonnt 80er-Jahre-Retro-Feeling. Der Nissan ist von außen der putzigere, innen kommt er schon recht nüchtern daher. Nicht nur, weil er nicht mit der optionalen Baguette-Halterung wie sein Bruder erhältlich ist.