Energiewende: Wie Deutschland dem Stromnetz-Ausbau in Europa im Weg steht
Energiewende: Wie Deutschland dem Stromnetz-Ausbau in Europa im Weg steht
Die Bundesregierung hält am landesweiten, einheitlichen Strompreis fest, obwohl das System höchst ineffizient ist und Milliarden kostet. In der EU wird Deutschland als „Bremsklotz“ gesehen.
Wartungsarbeiten in einem Umspannwerk: In Deutschland mangelt es an Netzkapazitäten. Foto: Marijan Murat/dpa
Berlin. Der einheitliche Strompreis in Deutschland behindert nach Ansicht vieler Experten, dass die europäischen Strommärkte zusammenwachsen. Das sieht auch Bernd Weber, Chef des auf Energie- und Klimathemen fokussierten Thinktanks Epico, so. Dem Handelsblatt sagt er: „Das Festhalten an der einheitlichen Strompreiszone schwächt die Bereitschaft zum schnellen Netzausbau mit Deutschland und droht zum Bremsklotz für die europäische Energiemarktintegration zu werden.“
In Ländern wie etwa Schweden wächst die Sorge davor, dass zusätzliche Stromverbindungen mit Deutschland den „hohen Preisdruck“ ins eigene Land tragen. Mit anderen Worten: Die Schweden und andere Nationen befürchten, sich mit dem in Deutschland üblichen hohen Strompreisniveau zu „infizieren“.
Seit Langem steht die einheitliche Strompreiszone Deutschlands in der Kritik. Insbesondere die EU-Kommission drängt seit Jahren, mehrere Stromgebotszonen einzuführen. Nun steht das Thema seit einigen Wochen auch hierzulande wieder stärker im Fokus der energiepolitischen Debatte. Allein im vergangenen Jahr fielen Milliarden an Kosten an, damit die Netzbetreiber die Ungleichgewichte in der Stromgewinnung ausgleichen konnten.
Laut den Plänen der EU-Kommission soll ein massiver Ausbau grenzüberschreitender Netzverbindungen das Zusammenwachsen der europäischen Strommärkte vorantreiben. Aber Deutschland mit seiner einheitlichen Strompreiszone erweist sich als „Bremsklotz“. Das kritisieren inzwischen auch viele Mitgliedstaaten.
So wird das Thema in Berlin und den Bundesländern wieder stärker diskutiert. Erst jüngst hatten die Grünen Ende Juni auf ihrem kleinen Parteitag beschlossen, dass sich Deutschland vom einheitlichen Stromgroßhandelspreis verabschieden soll. Zur Begründung heißt es im entsprechenden Antrag: Regionale Preissignale machten Wind- und Sonnenstrom dort günstig, wo die Anlagen stehen.
Zuletzt hatten auch verschiedene Bundesländer im Norden und Osten – etwa Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Brandenburg – neue Überlegungen ins Spiel gebracht. Sie wollen gemeinsame Strompreiszonen mit Ländern wie Dänemark oder Polen bilden und sich vom Rest Deutschlands abkoppeln.
Aktuell gelten in ganz Deutschland für Erzeuger und Verbraucher die gleichen Börsenstrompreise. Dabei gibt es mit Blick auf Stromangebot und -nachfrage erhebliche Unterschiede. Während es im Norden wegen des großen Windstromangebots sehr häufig Stromüberschüsse gibt, übersteigt die Stromnachfrage im Süden häufig das Angebot.
Redispatch verschlingt Jahr für Jahr Milliarden
Da es zudem an Stromnetzkapazitäten mangelt, lässt sich der Ausgleich zwischen Norden und Süden nicht einfach herstellen – Netzbetreiber müssen ihn managen. So regeln sie Windparks ab, wenn die Netze den Strom nicht mehr aufnehmen können. Um zeitgleich die Stromversorgung im Süden zu gewährleisten, müssen dort hilfsweise Kraftwerke eingeschaltet werden. Sie ersetzen den Windstrom, der nicht in den Süden transportiert werden konnte. Dieses Ausgleichssystem nennt man „Redispatch“.
Das Engpassmanagement der Netzbetreiber simuliert eine einheitliche Stromgebotszone, die physikalisch mangels entsprechender Netzkapazitäten nicht existiert. Effizient ist das nicht: Allein im vergangenen Jahr verursachte das Ausgleichssystem in Deutschland Kosten in Höhe von 3,1 Milliarden Euro – über Netzentgelte werden die Stromverbraucher dafür zur Kasse gebeten.

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Trotz dieser Nachteile wollen die Bundesländer im Süden, allen voran Bayern, an der einheitlichen Stromgebotszone festhalten. Auch die Bundesregierung will an dem Prinzip nicht rütteln. In ihrem Koalitionsvertrag haben CDU, CSU und SPD vereinbart, an der bestehenden Regelung festzuhalten.
Bayerische Wirtschaft lehnt Aufteilung ab
Aus Bayern kommt dafür Zustimmung. Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW), bekräftigt gegenüber dem Handelsblatt, dass die bayerische Wirtschaft eine Aufteilung in verschiedene Strompreiszonen strikt ablehne.
„Dadurch würde die Planbarkeit von Investitionen für Industrie, Energiewirtschaft und Netzausbau beeinträchtigt, was die Energiewende und das Erreichen der ambitionierten Klimaschutzziele tendenziell verzögert“, sagt er. Und fügt hinzu: „Zusätzlich wären höhere Strompreise in Süddeutschland zu erwarten – und damit eine massive Belastung des industriellen Rückgrats Deutschlands.“

Offshore-Windpark in der Nähe von Borkum: Im Norden Deutschlands kommt es häufiger zu einem Überangebot an Strom. Foto: Sina Schuldt/dpa
Brossardt geht davon aus, dass das letztlich den Standort Deutschland schwächen würde. Er befürchtet, dass Unternehmen an andere europäische Standorte beziehungsweise gleich in die USA oder nach Asien abwandern würden.
Zudem weist er darauf hin, dass die Umsetzung einer Aufteilung mehrere Jahre dauern und damit erst zu einem Zeitpunkt realisiert würde, zu dem ein erheblicher Teil der heutigen Netzengpässe bereits beseitigt wären.
Auch Martin Neubert, Partner bei Copenhagen Infrastructure Partners (CIP), ist skeptisch. „Die Aufteilung der einheitlichen Strompreiszone mag aus akademischer Sicht interessant sein – aus ökonomischer und industriepolitischer Sicht ist sie es jedoch ganz bestimmt nicht“, sagt er. Die Folge wären zusätzliche Investitionsrisiken, weniger Liquidität auf dem Strommarkt und höhere Strompreise in industriestarken Regionen.
Aus diesem Grund müsse die Lösung vielmehr im Ausbau von Netzen, Speichern und flexiblen Lösungen einschließlich Wasserstoff bestehen – nicht in der Aufspaltung des deutschen Strommarkts. CIP ist ein Investor und Entwickler von Projekten im Bereich erneuerbarer Energien und einer der weltweit größten Entwickler von Offshore-Windparks.
Reiche will Ungleichgewichte anders ausgleichen
Aktuell versucht Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), die bestehenden Ungleichgewichte auf andere Weise auszugleichen. Sie plant, einen „Redispatch-Vorbehalt“ einzuführen: Überall dort, wo Netze überlastet sind, sollen neue Erneuerbare-Energien-Anlagen keine Entschädigung mehr erhalten, wenn Strom nicht mehr ins Netz aufgenommen werden kann. Der Plan ist Bestandteil des „Netzpakets“ des Bundeswirtschaftsministeriums.
Die Erneuerbaren-Branche kritisiert, der Redispatch-Vorbehalt werde den Ausbau erneuerbarer Energie in weiten Teilen Deutschlands zum Erliegen bringen. Denn in den betroffenen Regionen rechne sich der Betrieb der Anlagen dann nicht mehr.

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Nun hat Reiche grundsätzlich Kompromissbereitschaft signalisiert – mehrere Alternativen sind im Gespräch. In allen Fällen soll dem Umstand Rechnung getragen werden, dass der Netzausbau dem Erneuerbaren-Ausbau hinterherhinkt.
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Katherina ReicheEpico-Chef Weber übt Kritik daran, dass der Redispatch-Vorbehalt Symptome, nicht aber die Ursache bekämpfe. Seiner Ansicht nach sei das eigentliche Problem, dass Netzengpässe im Strommarkt kaum abgebildet würden.
„Regionale Strompreissignale durch eine Aufteilung der Strompreiszone wären die effizientere Lösung“, betont er, weil sich Investitionen und Verbrauch von vornherein an den Netzrealitäten ausrichten würden und nicht nur im Nachhinein regulatorisch korrigiert würden.

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