Erster Weltraumgipfel in Paris: Europas Kampf um einen Platz im All


Hochfliegende Pläne

Erster Weltraumgipfel in Paris: Europas Kampf um einen Platz im All

Frankreichs Präsident Macron will Europa gegenüber der US-Allmacht stärken. Die Platzhirsche SpaceX und Blue Origin sagten ihre Teilnahme am International Space Summit kurzfristig ab

Karin Krichmayr

Halle im Grand Palais mit gläserner Decke, in der Mitte ein Nachbau einer Rakete, flankiert von Pequet und Macron
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (rechts) und Esa-Astronaut Thomas Pesquet während des International Space Summit im Pariser Grand Palais.

Geopolitische Machtfragen sind längst nicht mehr auf die Erde beschränkt: Angesichts der wachsenden Bedeutung von Satelliten für Kommunikation, Sicherheit, Katastrophenschutz und vieles mehr gilt es, Ansprüche im All abzustecken. Mit dem ersten internationalen Space Summit in Paris, initiiert von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, will Europa Flagge zeigen und die europäische Gemeinschaft auf Kurs bringen. Langfristiges Ziel ist es, sich zumindest ein Stück weit aus der weltraumtechnologischen Abhängigkeit von den USA herauszukatapultieren und sich damit einen Platz im All – und nicht zuletzt am globalen Raumfahrtmarkt – zu sichern.

Dazu versammelten sich am Mittwoch und Donnerstag unter deutsch-französischem Vorsitz hochrangige Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Industrie und Forschung im Pariser Grand Palais. Kurzfristig abgesagt haben allerdings die US-Weltraumplatzhirsche, SpaceX von Elon Musk und Blue Origin von Amazon-Gründer Jeff Bezos – angeblich auf Drängen von US-Präsident Donald Trump, der eine Unterstützung europäischer Politik nicht gern sieht. Auch der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz ließ sich entschuldigen.

Nichtsdestotrotz kündigte Macron am Donnerstag Investitionen in Höhe von rund 20 Milliarden Euro an, Abkommen für rund 50 neue Projekte sollen auf dem Weltraumgipfel unterschrieben und internationale Kooperationen forciert werden. Gemeinsam mit Griechenlands Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis stellte Macron zudem die nächste Esa-Astronautenmission zur Internationalen Raumstation ISS vor. Der Grieche Adrianos Golemis soll Teil einer für 2027 geplanten privaten Mission des kommerziellen US-Raumfahrtunternehmens Vast sein.

Passagiere oder Piloten

"Werden wir Passagiere sein – oder Piloten?", fragte Josef Aschbacher, der aus Österreich stammende Generaldirektor der europäischen Raumfahrtbehörde Esa, in seiner Rede zur Zukunft Europas im All am Mittwochabend. "Die Vereinigten Staaten streben bis 2030 1000 Starts und Wiedereintritte pro Jahr an – das bedeutet drei bis vier pro Tag –, während sie gleichzeitig ein beeindruckendes kommerzielles Ökosystem aufbauen und sich auf einen dauerhaften Mondbetrieb vorbereiten. China treibt die Entwicklung wiederverwendbarer Trägerraketen rasch voran und plant eine Mondlandung bis 2030", führte Aschbacher aus. "Die Kluft zwischen Europa und den führenden Weltraummächten vergrößert sich – sowohl finanziell als auch technologisch."

Europa müsse sich als "unverzichtbarer Partner" positionieren. Der Esa-Chef fordert dafür Investitionen von rund einer Milliarde Euro pro Jahr über das nächste Jahrzehnt. Dabei müssten vor allem drei Ziele verfolgt werden: Erstens, den Zugang Europas zu niedrigen Erdumlaufbahnen (low earth orbit, LEO) auch in der Post-ISS-Ära zu sichern; zweitens, die Präsenz Europas auf und um den Mond zu stärken. Drittens sollen Erdorbit und Mond den Weg für komplexe Missionen zum Mars ebnen.

Ein Mann im Anzug und mit Brille spricht bei einer Konferenz. Im Hintergrund ist ein Bild der Erde sowie Text mit der Aufschrift „International Space Summit“ und „Sommet International sur l’Espace“ zu sehen.
"Die Kluft zwischen Europa und den führenden Weltraummächten vergrößert sich – sowohl finanziell als auch technologisch", sagte Esa-Generaldirektor Josef Aschbacher am International Space Summit.

Bei den Investitionen müsste auch die Privatwirtschaft mehr Verantwortung übernehmen, sagte Aschbacher. Ein Teil der Finanzmittel könnte aus Venture Capital, also Risikokapital, kommen. Die USA würden rund fünfmal so viel Geld in die Raumfahrt wie Europa stecken, betonte Aschbacher. Auch die Abhängigkeit kostet: Allein die Flüge für europäische Astronautinnen und Astronauten würden Europa fünf Milliarden Euro über zehn Jahre hinweg kosten.

Neue Trägerraketen am Start

Für Aufbruchstimmung sorgte das deutsch-französische Start-up The Exploration Company (TEC), das im Vorfeld des Weltraumgipfels bekanntgab, 450 Millionen Dollar (gut 387 Mio. Euro) bei wagemutigen Investoren eingeworben zu haben. Das erst 2021 gegründete Raumfahrtunternehmen will bis 2033 eine Trägerrakete mit bis zu 60 Tonnen Nutzlast entwickeln. Zum Vergleich: Der derzeitige Spitzenreiter Ariane 6 kann etwas mehr als 20 Tonnen befördern.

Nyx, eine von TEC entwickelte wiederverwendbare Raumkapsel, soll schon bald fertig sein. Nach jetzigem Plan soll die Kapsel – noch ohne Astronauten an Bord – 2028 erstmals an die Internationale Raumstation ISS andocken.

Frischen Wind in die europäische Space-Branche brachte zuletzt das bayerische Start-up Isar Aerospace. Deren Spectrum-Rakete startete vergangene Woche vom norwegischen Weltraumbahnhof Andoya erfolgreich zu ihrem zweiten Testflug und brachte fünf Satelliten ins All – nachdem der erste Test im März 2025 noch schiefgegangen war. Ziel sei es, jährlich 40 Trägerraketen zu bauen. Noch ist die Rakete, die eine vergleichsweise kleine Nutzlast von einer Tonne hat, aber nicht serienreif. Bis Ende 2027 werde das Unternehmen Raketen aus Norwegen starten, in der Planung seien fünf weitere Starts von dem firmeneigenen Startplatz. Anfang 2028 solle auch eine weitere Launch-Site in Kanada dazukommen.

Eine Rakete startet bei Nacht vom Weltraumbahnhof Andøya in Norwegen. Ein leuchtender Lichtstreifen zeigt den Weg der Rakete vor dem klaren Nachthimmel. Im Vordergrund sind das Meer und eine felsige Küste sichtbar.
Am Abend des 5. September hob die Spectrum-Rakete des deutschen Unternehmens Isar Aerospace von Andoya in Norwegen aus ab – erstmals mit Erfolg.

Konkurrenz zu Musks Starlink

Derzeit sind die einzigen serienreifen europäischen Trägerraketen die Ariane 6 für schwere und die Vega-C für leichtere Nutzlasten. Doch diese werden nur in kleinen Stückzahlen hergestellt. Die Nachfrage nach Raketen und Startplätzen ist weltweit enorm: Sowohl Privatunternehmen als auch Regierungen stehen Schlange, um in den nächsten Jahren viele tausend zivile und militärische Satelliten in Umlaufbahnen befördern zu lassen. Die meisten Aufträge gehen nach wie vor an SpaceX. Zum Vergleich: Insgesamt kommen die USA allein in diesem Jahr auf 116 orbitale Raketenstarts, China auf 61, Europa auf gerade sechs.

Mehr Autonomie soll auch das neue europäische Satellitennetzwerk namens IRIS2 bringen, ein Pendant zu Elon Musks 11.000 Satelliten starken Starlink-Konstellation. Zweck ist unter anderem die Ermöglichung sicherer Kommunikation über das All – unabdinglich insbesondere für Militär und Geheimdienste. Bis die Pläne, 350 Satelliten ins All zu bringen, umgesetzt sind, wird es allerdings bis mindestens 2030 dauern. Derzeit verhandeln Mobilfunkanbieter über eine Allianz, um bei der anstehenden Versteigerung europäischer Satellitenfrequenzen Starlink die Stirn bieten zu können. Zwei chinesische Mega-Konstellationen für Internet- und Kommunikationsdienste befinden sich dagegen schon jetzt im Aufbau.

Um Satelliten im All zu platzieren, drängt sich auch Amazon vor – und das kommt auch Europa zugute. Am Donnerstag kündigte das Unternehmen, das ebenso Starlink Konkurrenz machen will, an, sechs zusätzliche Kommunikationssatelliten mit europäischen Ariane-Raketen in den Erdorbit zu befördern. Damit steige die Gesamtzahl der Missionen für Amazon Leo auf 24 bis 2031. Die ersten Starts seien für 2029 geplant. Amazon greift praktisch gezwungenermaßen auf europäische Raketen zurück: Alternative US-Anbieter abgesehen von SpaceX verfügen schlicht nicht über ausreichende Startkapazitäten.

Macrons Vision

Auch wenn einige Kraftakte nötig sein werden, um Europa zu einem globalen Player im Weltraum zu machen, gibt es positive Nachrichten. Schon jetzt befinden sich die Investitionen in die europäische Raumfahrt im Höhenflug. Im vergangenen November billigte die Esa ein Rekordbudget von rund 22,3 Milliarden Euro für den Finanzierungszeitraum 2026 bis 2028. Unbestritten ist auch Europas führende Rolle bei der Erdbeobachtung und Navigation mit den Satellitenkonstellationen Copernicus und Galileo. Gerade die Klima- und Wetterdaten, die Copernicus liefert, sind heute relevanter denn je.

Auf dem Space Summit legte Macron seine weitere Vision dar: "In zwei Jahren möchte ich erleben, wie die erste europäische Frachtkapsel, Nyx, an der Internationalen Raumstation andockt; in fünf Jahren möchte ich erleben, wie die erste europäische Mondlandefähre, Argonaut, auf der Mondoberfläche landet." Binnen zehn Jahren könnten eigene bemannte Raumflüge vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana starten.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verwies auf die sicherheitspolitische Komponente: "Die Fähigkeit, den Weltraum zu nutzen und dort zu agieren, untermauert nicht nur unseren Wohlstand, sondern bestimmt zunehmend auch unsere Sicherheit und Unabhängigkeit. Nirgendwo wird dies deutlicher als in der Ukraine." Von der Leyen warb auch für Investitionen "in großem Maßstab" – und dafür, die Kräfte in Europa zu bündeln. (Karin Krichmayr, 10.9.2026)

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