Sultan Süleyman und sein Vermächtnis: Herrscher einer vergessenen Welt


Europas Adlige staunten über die Pracht des Sultans. Doch schon bald wich das Staunen der Furcht

Mit fünfundzwanzig wurde er Herrscher über ein Weltreich: Süleyman der Prächtige herrschte glanzvoll und machtbewusst. Die Erinnerung an ihn ist lebendiger denn je.

Ursula Kastler20.09.2026, 05.30 Uhr

6 Leseminuten


Monument des Goldenen Zeitalters: Die Süleymaniye-Moschee in Istanbul.

Monument des Goldenen Zeitalters: Die Süleymaniye-Moschee in Istanbul.

Istanbul weiss sich zu inszenieren. Wenn der Muezzin die Morgendämmerung herbeiruft, wölbt sich der Himmel über dem Goldenen Horn manchmal in allen Schattierungen von Rosa. Die Sonne zerreisst den Dunstschleier, und dann steht sie da und beherrscht die Stadt: die Süleymaniye Camii.

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Auf dem dritten der sieben Hügel liess Sultan Süleyman im 16. Jahrhundert die Moschee erbauen, die an ihn erinnert. Bis heute nährt sie die Sehnsucht nach einem Goldenen Zeitalter. In jener Metropole, die auf zwei Kontinenten zwischen den Monumenten einer glorreichen Vergangenheit und den Wolkenkratzern der Moderne Gegenwart und Zukunft sucht.

Der Herrscher aus dem Haus Osman ruht seit 460 Jahren auf dem Gelände der Moschee. Seine Geschichte bewegt noch immer. Das Historiendrama «Das prachtvolle Jahrhundert» über Süleyman und seine Gefährtin Hürrem Sultan ist eine der erfolgreichsten türkischen Fernsehproduktionen.

Der Papst lässt beten

An Glanz fehlte es am osmanischen Hof nicht. Der Westen nannte Süleyman deshalb «den Prächtigen». Doch das Staunen verwandelte sich bald in Furcht. Der christliche Adel Europas hatte mit einem unerfahrenen Herrscher gerechnet. Als der Sultan 1520 fünfundzwanzigjährig an die Macht kam, blickte man auf einen Mann, der bestens vorbereitet, klug und machtbewusst ein halbes Weltreich übernahm und sich anschickte, es zu vergrössern.

Auf Schloss Ambras in Innsbruck hängt das Porträt Süleymans. In taktvollem Abstand zum Bild des Habsburgers Karl V., der sein grösster Widersacher im Kampf um die Vormachtstellung in Europa werden sollte. Das Bild des Sultans entstand vermutlich nach Vorlagen in der Werkstatt Tizians. Einer der venezianischen Botschafter berichtete: «Er ist gross, aber dünn, mit einem zarten Teint. Die Nase ist etwas zu lang. Er hat einen Schatten von Schnurrbart und einen kurzen Bart. Seine Erscheinung ist angenehm, obwohl er ein bisschen blass ist.» Ihn zu unterschätzen, war ein Fehler.

«Ich bin der Sultan der Sultane, Spender der Kronen an die Monarchen des gesamten Erdkreises»: Süleyman der Prächtige in einer zeitgenössischen Darstellung.

«Ich bin der Sultan der Sultane, Spender der Kronen an die Monarchen des gesamten Erdkreises»: Süleyman der Prächtige in einer zeitgenössischen Darstellung.

Süleyman befand sich in komfortabler Lage: Urgrossvater Mehmed II. hatte den kümmerlichen Rest des byzantinischen Reiches hinweggefegt, das 1453 nur noch aus Konstantinopel bestand. Der katholische Westen rührte für das orthodoxe Ostrom keinen Finger. Der Papst liess beten. Die Venezianer erneuerten eilends ihre Handelsverträge.

Beim Amtsantritt Süleymans umfasste das Herrschaftsgebiet der Osmanen, die einst als nomadisches Turkvolk aus Zentralasien gekommen waren, grosse Teile der Balkanhalbinsel, Anatolien, Ägypten, Syrien, Mesopotamien sowie die heiligen Stätten des Islam, Mekka und Medina. Zu Wasser kontrollierten die Eroberer das Schwarze Meer, die Ägäis und die Küste der Levante. Steuern, Zölle und Tributzahlungen der Vasallen lieferten Jahr für Jahr Hunderte Tonnen Silber in die Truhen. Vater Selim hatte vorsorglich nach Sitte des Hauses alle anderen männlichen Nachkommen erdrosseln lassen. Der Weg für das politische Talent war frei.

Wo der Antichrist sitzt

Der christliche Westen kam ihm entgegen. Drei Machthaber, jung wie Süleyman, waren mit sich und gegeneinander beschäftigt. Heinrich VIII. von England wollte einen Thronfolger. Dafür wechselte er die Ehefrauen aus, was nicht katholischen Gepflogenheiten entsprach. Also gründete der Tudor seine eigene Staatskirche. Franz I. Valois fand, dass Frankreich mehr Gewicht haben sollte und fühlte sich zwischen den riesigen habsburgischen Territorien von Spanien und den Burgundischen Niederlanden eingeklemmt.

Ausserdem hatte er ebenso wie Karl V., der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, ein Auge auf Oberitalien geworfen. Die beiden kämpften erbittert. Franz I. war jedes Mittel recht und ein ramponierter Ruf egal. Er verbündete sich mit den Osmanen. Karl V. schwebte eine Universalmonarchie vor, gestärkt durch eine geeinte katholische Christenheit. Diesen Traum liess der Reformator Martin Luther platzen.

Süleyman brach mit seinen disziplinierten und stets gut bezahlten Truppen siegesgewiss auf. 1521 fiel Belgrad, das Tor zu Mitteleuropa öffnete sich. Westlicherseits war man konsterniert. Der Papst hatte vergebens zu Kreuzzug und Einheit aufgerufen. Luther fand, der Antichrist sitze in Rom, nicht in Istanbul. 1522 fiel Rhodos, der Sitz der Rittermönche der Johanniter. Süleyman war ein gläubiger sunnitischer Muslim, aber nicht fanatisch. Der Militärorden hatte nur seinen maritimen Verkehr gestört. Der Westen verdrückte ein paar Tränen. Die Venezianer sandten Glückwünsche.

Das Innere der Süleymaniye-Moschee.

Das Innere der Süleymaniye-Moschee.

Frank Bienewald / LightRocket / Getty

Dann kam der 29. August 1526. 500 Jahre danach ist noch in den Schatzkammern des Topkapi-Palastes, der über dem Bosporus thront, ein prunkvoll verzierter «Yatagan» zu sehen. Ein kurzes Krummschwert, das Süleyman an die Schlacht bei Mohacs erinnern sollte. Der ungarische König rief damals verzweifelt um Hilfe. Heinrich liess ausrichten, der Weg sei zu weit. Franz zierte sich wegen lukrativer Handelsverträge mit den Osmanen. Karl bedauerte sehr. Es war kein Geld in der Kasse. Er musste gegen Franz kämpfen.

Tausend Gesetze

Luther sass ihm im Nacken. Bauern erhoben sich. Süleyman setzte hunderttausend Krieger seines stehenden Heeres, die Eliteeinheit der Janitscharen, dreihundert Kanonen, Ingenieure und mobile Bäckereien in Marsch. In der Vorhut vergewaltigten, mordeten und plünderten in den Dörfern die Akinci, eine Horde von beutegierigen Reitern, deren Aufgabe es war, Terror zu verbreiten. Nach ihnen ist heute eine tonnenschwere türkische Kampfdrohne benannt. Das Gemetzel war fürchterlich. Mohacs fiel. Der Westen zitterte.

Zeit für die Innenpolitik: Ein Imperium zu lenken, das von Algier bis Bagdad, von Ungarn bis Jemen, von der Krim bis zum Indischen Ozean reichte, war keine geringe Aufgabe. Süleyman, der nach sechsundvierzig Jahren Regierungszeit in der Nacht vom 6. zum 7. September 1566 starb, löste sie glänzend.

Dem Sultan als oberstem Gesetzgeber oblag es, auf der Basis der Scharia für Gerechtigkeit zu sorgen. Doch das islamische Recht war dem Pragmatiker zu wenig alltagstauglich. So arbeitete er mehr als tausend Gesetze aus, weshalb ihn die Türkei als «Kanuni», den Gesetzgeber, verehrt. Von der Besteuerung bis zum Brotpreis liess er alles regeln und kontrollieren. Die straffe, zentralisierte Verwaltung reichte bis in die Provinzen. Wer nicht loyal war, verlor seinen Kopf.

Das galt auch für die Eliten des Hofes, die Süleyman grossteils aus Christen bildete, die zum Islam konvertieren mussten. Sie wurden als Buben im Reich rekrutiert. Nur gelegentlich gaben Familien die Kinder freiwillig her. Das System hatte den Vorteil, dass diese nach Talent und Leistung eingesetzten Staatsdiener im Unterschied zum christlichen Adel weder soziale Bindungen hatten, noch eine Machtbasis für sich schaffen konnten.

Der Herrscher aller Herrscher

Die Leute des Sultans waren ihm ergeben wie Sklaven und auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. An seiner Autorität liess Süleyman nie Zweifel aufkommen: «Ich bin der Sultan der Sultane, Herrscher aller Herrscher, Spender der Kronen an die Monarchen des gesamten Erdkreises, Gottes Schatten auf der Erde», hatte er einst an Franz I. geschrieben.

Türkische Soldaten in osmanischen Janitscharen-Uniformen nehmen 2011 in Istanbul an einer Feier zum 558. Jahrestag der Eroberung der Stadt durch die Osmanen teil.

Türkische Soldaten in osmanischen Janitscharen-Uniformen nehmen 2011 in Istanbul an einer Feier zum 558. Jahrestag der Eroberung der Stadt durch die Osmanen teil.

Murad Sezer / Reuters

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Die Rückbesinnung macht es dem heutigen Staat einfacher, erneut tiefere Verbindungen zu den muslimischen Ländern der alten Territorien zu knüpfen. Sie ermöglicht es der Bevölkerung, mehr als eine Wurzel zu entdecken. Und westlichen Touristen, eine fremde Kultur zu bewundern, die viel mit ihrer eigenen zu tun hat.

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