St. Moritz: Hotel Lej da Staz für Millionen verkauft – Käufer ist ein Phantom
St. Moritzer Monopoly: Eine Engadiner Ikone kommt unter den Hammer – doch der neue Besitzer bleibt ein Phantom
Das Hotel Lej da Staz hat für einen zweistelligen Millionenbetrag den Besitzer gewechselt. Ein ominöser Investor hat das Kaufangebot von einheimischen Interessenten ausgestochen. Nun fürchten die Gemeinden eine weitere Bauruine.
20.09.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten

Hier treffen sich Einheimische, Wanderer und die Kaviarfraktion: der Gasthof Lej da Staz oberhalb von St. Moritz.
Kinder schwimmen im See, die Jeunesse dorée wirft sich am Ufer in Selfie-Pose, auf der Terrasse stärken sich Wanderer mit Ovomaltine und Nusstorte: Das Hotel Lej da Staz ist einer der raren Orte im Oberengadin, wo sich die Einheimischen, die Kaviarfraktion und die Normalos unter den Touristen zwanglos mischen.
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Touristiker bezeichnen das Hotel in 45 Minuten Gehdistanz zu St. Moritz und Pontresina als systemrelevant für die Region: «Glamour und Spinnerei gehören zum Oberengadin», sagt der St. Moritzer Gemeindepräsident Christian Jott Jenny. Es brauche aber auch Lokalitäten, wo sich jeder eine Bratwurst leisten könne. «Wenn die Seele und die Haltung verlorengehen, dann rebellieren die Einheimischen früher oder später – und das ist auch gut so.» Genau diese Befürchtung geht nun um: dass das Haus am Stazersee seine Seele verlieren könnte.
Engelhorn suchte nicht den Protz
Bis vor kurzem gehörte das Hotel zum Portfolio des Multimillionärs Kurt Engelhorn, eines Sprosses der deutschen Industriellendynastie. Seit dem Verkauf der familieneigenen Firma Boehringer Mannheim an Roche für 11 Milliarden Franken füllen die Erben vor allem die Klatschspalten der Zeitungen und beschäftigen die Steuerfahnder.

Der St. Moritzer Gemeindepräsident Christian Jott Jenny.
Keystone
Engelhorn setzte sich mit seinen Aktivitäten im Engadin lange wohltuend ab von anderen Superreichen. Seine Vorstellung von Luxus erschöpfte sich nicht in noch mehr Prunk und Protz, Engelhorn suchte authentische Erlebnisse in der Engadiner Bergwelt. Neben der Nobelskihütte Paradiso kaufte er auch die frühere Säumerstation «La Rösa» im Puschlav oder eben das Hotel Lej da Staz.
Doch nach einem privaten Schicksalsschlag zog er sich in den letzten Jahren aus dem Engadin zurück. Nur noch an wenigen hochkarätigen Anlässen sei er vor Ort, sagen Bekannte. Vor einer Woche nahm er etwa am Oldtimerrennen Bernina Gran Turismo teil, das seine Tochter Ana organisiert.
Anwälte führen die Verhandlungen
Das «Lej da Staz» befindet sich schon seit Jahren auf dem Markt. Die grossen Hotels wie das Palace oder das Kulm, schwerreiche Investoren mit Engadiner Bezug, sie alle prüften die Bücher – und winkten ab. Zu eingeschränkt ist die Nutzung mitten in einem Moorschutzgebiet, zu einschneidend sind die Auflagen von Bund und Kanton.
Je länger sich kein Käufer fand, desto grösser wurde in St. Moritz die Sorge, es könnte in falsche Hände geraten. Schliesslich ergriff der St. Moritzer Gastronom und Lokalpolitiker Christoph Schlatter die Initiative. Er kennt die Lokalität so gut wie kaum ein anderer, seine Laudinella-Gruppe ist seit Jahren Pächterin von Hotel und Restaurant am Stazersee.

Der Hobbyrennfahrer und Investor Kurt Engelhorn.
PD
Engelhorn liess sich in den Verhandlungen durch eine Liechtensteiner Anwaltskanzlei vertreten. Die ursprünglichen Preisvorstellungen lagen deutlich über 20 Millionen Franken, mehr als das Vierfache dessen, was Engelhorn laut Schätzungen ursprünglich bezahlt hatte. Die Familie wollte sich nicht dazu äussern, seine Anwälte reagierten nicht auf eine Anfrage.
Schliesslich fanden sich die Parteien bei rund 15 Millionen. Mit der Hilfe von zwei Schweizer Investoren, denen das Engadin am Herzen liegt, brachte Schlatter die Summe zusammen. Eine Rendite sei zwar auch bei diesem Betrag nicht zu erwarten, eine schwarze Null mit etwas Glück aber möglich, sagt Schlatter.
Sein Plan: Tagsüber sollte der Stazersee eine Ausflugsbeiz bleiben, abends sollten Events im gehobenen Bereich für die nötigen Einnahmen sorgen. Das Hotel wollte Retreats für Burnout-gefährdete Manager inklusive medizinischer Betreuung und Eisbaden anbieten. Die Geldgeber waren auch zu Investitionen bereit: Die behelfsmässigen Garderoben und WC am See sollten verschwinden und ins Hotel integriert werden. «Davon hätte ganz besonders auch der Naturschutz profitiert», sagt Schlatter. Das Konzept habe sämtliche Auflagen erfüllt und grünes Licht von den Behörden erhalten.
Doch als er vor knapp zwei Wochen den Vertrag unterschreiben wollte, beschieden ihm Engelhorns Anwälte: Das «Staz» sei bereits verkauft. Seither herrscht Katzenjammer in St. Moritz und Celerina. Die historische Chance, dass die Hotelikone in einheimischen Besitz gelangen würde, ist vertan. Und um die neuen Eigentümer bestehen Fragezeichen.
Laut mehreren Quellen handelt es sich beim Käufer mutmasslich um den österreichischen Investor Thomas Röggla. Obwohl seit Jahren im Engadin wohnhaft, ist er ein Phantom geblieben. Auch bestens vernetzte Einheimische kennen ihn kaum. Gemäss öffentlichen Baueingaben ist Röggla ein Geschäftspartner des Immobilienunternehmers Oliver Stastny, der eine Art Airbnb für Luxuswohnungen betreibt. Laut Quellen liegt die Einstiegsmiete bei 80 000 Franken pro Woche – nach oben sei die Skala offen. Naomi Campbell wurde schon in den Wohnungen von Stastnys Firma Peakside Property Management (PPM) gesichtet. Stastny reagierte nicht auf eine Anfrage.
Der Schwerpunkt von Rögglas Geschäften liegt jedoch ausserhalb der Schweiz: Er war bis 2011 grösster Aktionär der Modelagentur Elite Model Management, später baute er in Irland die Hotelkette TMR Collection auf, die heute fünfzehn Luxushotels besitzt. Zeitweilig war Röggla auch als Agrarunternehmer in Afrika tätig. 2020 übernahm er vom umstrittenen deutschen Investor Lars Windhorst die Mehrheit an einer Firma, die von Menschenrechtsorganisationen wegen Vertreibungen und Landraub kritisiert wird. 2022 gab Röggla seinen Anteil an Windhorst zurück.
Auf Anfrage wollte Röggla keine Auskunft geben über die Besitzverhältnisse bei «Lej da Staz». Er könne und dürfe dazu nichts sagen.
Das Engadin ist voller Bauruinen
Formell kontrolliert das Hotel eine Firma, bei der der St. Moritzer Anwalt Andrea-Franco Stöhr die Einzelunterschrift hat. Über seine Geldgeber gibt Stöhr keine Auskunft. Die Käuferschaft sei aber im Engadin stark verwurzelt und habe die Absicht, den Betrieb in der heutigen Form weiterzuführen, sagt Stöhr: «Die Käuferschaft mischt sich nicht ein. Das Restaurant soll für die breite Öffentlichkeit zugänglich bleiben.» Es sei auch denkbar, dass der Vertrag mit der Betreiberin Laudinella verlängert werde.
Das ist eine klare Ansage. Doch es gibt Zweifel, ob sie auch umgesetzt wird. Das Engadin ist reich an Hotels und Restaurants, die für Mondpreise den Besitzer wechselten und zu Bauruinen wurden. Oftmals lockten die Berater die Investoren mit Renditen, die sich als illusorisch herausstellen würden, sagen Insider. Dann verlieren die Geldgeber rasch das Interesse. Die Folge sind Baustellen, auf denen jahrelang nichts geschieht. Manche Investoren hätten kein wirkliches Verständnis für den Ort und hegten falsche Vorstellungen, sagt der St. Moritzer Gemeindepräsident Jenny. «Den Beratern ist das egal, sie profitieren prozentual vom höheren Kaufpreis.»
Zu den Negativbeispielen gehört die Meierei, eine Gaststätte an bester Lage unterhalb des «Lej da Staz». Seit fünf Jahren ist dort eine Baustelle, nun ist die Wiedereröffnung als Boutiquehotel mit Restaurant für 2028 geplant. Auch hier sind die Besitzverhältnisse undurchsichtig, im Handelsregister findet sich nur ein Anwalt mit Einzelunterschrift. Sein Name: Andrea-Franco Stöhr.
Ein ähnlich aufwendiger Umbau ist am Stazersee ausgeschlossen. Auch die Umwandlung des Hotels in Luxuswohnungen fällt wegen der Auflagen ausser Betracht. «Möglich ist nur der Erhalt des Status quo», sagt Andrea Fanconi, der Präsident der Standortgemeinde Celerina.
Wie die Investoren unter diesen Umständen auf eine Rendite kommen wollen, bleibt schleierhaft. Die Sorge, dass sich das Trauerspiel mit der Meierei am Stazersee wiederholen könnte, ist deshalb nicht ausgeräumt. «Eine jahrelange Baustelle an diesem Ort wäre das Schlimmste, was uns passieren könnte», sagt Fanconi.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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