Ewiger Liebeskummer: "Man raubt sich die Chance auf eine neue Liebe"
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Ewiger Liebeskummer: "Man raubt sich die Chance auf eine neue Liebe"
Gibt es diese eine Person, über die man einfach nicht hinwegkommt? Die Psychologin Birgit Maurer erklärt, was das mit uns selbst zu tun hat
Davina Brunnbauer
"The one that got away" sagt man im Englischen zu der einen großen Liebe, mit der es dann doch nichts geworden ist. Man hätte so gut harmoniert, hat vielleicht besondere Momente miteinander verbracht und diese natürliche Verbindung gehabt, die man nur mit ganz wenigen Menschen fühlt. Und obwohl alles scheinbar perfekt war, ist man mit der Person aus unterschiedlichsten Gründen nicht zusammengeblieben oder sogar nie zusammengekommen. Danach fällt es vielen schwer, jemanden zu finden, der oder die mit dieser Vorstellung mithalten kann. So sehr, dass manche noch jahrelang an diesen einen Menschen denken und an Liebeskummer leiden.
Doch gibt es wirklich diese eine Person, die uns womöglich unser ganzes Leben lang verfolgt? Und hat es einen Grund, warum wir sie nicht loslassen können?
Die klinische Psychologin und Psychotherapeutin Birgit Maurer ist in ihrer auf Liebeskummer spezialisierten Praxis regelmäßig mit solchen Fällen konfrontiert. Betroffene beschreiben ihr die scheinbar perfekte Beziehung, mit der sonst nichts mithalten kann. Maurer antwortet dann meist Folgendes: "Wenn die Beziehung perfekt gewesen wäre, dann würden Sie jetzt nicht bei mir sitzen." Denn auch, wenn es gute, vielleicht sogar externe Gründe für eine Trennung gab, ist die Realität nun mal so, dass man das Leben nicht mehr teilt. Und oft ist der Blick in die Vergangenheit auch nicht realistisch – wir verklären die Erinnerung.
Verklärte Erinnerung
Das ist grundsätzlich keine Überraschung, denn unser Gehirn erinnert sich nach einer Trennung bevorzugt an das Schöne. "Dabei handelt es sich um einen Schutzmechanismus, um sich selbst zu trösten." Deswegen denkt man eher an den schönen Urlaub, das gemeinsame Lachen im Alltag, Nähe und Intimität, als an die genauso vorhandenen unschönen und traurigen Seiten. Bei vielen entsteht dabei der Eindruck, sie hätten etwas Einzigartiges verloren.
Manchmal ist das besonders intensiv bei kurzen Beziehungen oder Menschen, mit denen es gar nie zu einer Beziehung gekommen ist. Was auf den ersten Eindruck paradox klingt – man kennt die Person in diesem Fall ja kaum –, erklärt Maurer mit einer Mischung aus Biologie und Projektion. Während der Verliebtheit in der ersten Phase schüttet das Gehirn Botenstoffe aus, die euphorisieren. "Das ist wie ein psychotischer Glückszustand." Endet der Kontakt plötzlich, fühlt sich das beinahe wie ein Entzug an. "Gerade Intimität und Sexualität binden unglaublich", sagt Maurer. Gleichzeitig bleibt viel Raum für Fantasie. Wer den anderen nie richtig kennengelernt hat, kann ihn oder sie leichter idealisieren. Betroffene betrauern dann gar nicht so sehr die Verbindung, sondern das, was aus ihr hätte werden können.
Besonders schwer fällt das Loslassen, wenn eine Beziehung ohne Erklärung beendet wird. Ghosting und abrupte Kontaktabbrüche lassen das Gehirn mit offenen Fragen zurück. "Gedankenschleifen können den Liebeskummer deutlich verlängern", sagt Maurer. "Unser Gehirn braucht einen Abschluss, um zu verstehen."
Alte Wunden
Manche sagen in dieser Situation: Wenn ich diese Person nicht bekomme, will ich niemanden. Für die Psychologin ist das ein Anzeichen dafür, dass ein anderes Problem dahintersteckt, etwa Bindungsunwilligkeit oder ein Problem mit Nähe und Distanz. Eine Trennung kann zudem eigene, alte Wunden wieder aufreißen, etwa negative Glaubenssätze aus der Kindheit oder andere Unsicherheiten und Kränkungen. Viele haben auch Angst vor dem Alleinsein oder definieren ihren Selbstwert stark über eine Partnerschaft. Aus therapeutischer Sicht ist es demnach wichtiger zu fragen, warum einen die Trennung so sehr aus der Bahn wirft, und nicht, warum diese eine Person nicht will.
Oft wird auch Begehrlichkeit mit Liebe verwechselt, sagt Maurer. "Dann steht die Leidenschaft, die erotische Sensation, im Mittelpunkt. Aber große Gefühle machen noch keine Beziehung. Beziehung ist eine Entscheidung."
Das Karussell der Illusionen
Diese erhoffte, klare Entscheidung für die Beziehung das Gegenüber aber scheinbar. Und das fällt vielen schwer zu akzeptieren. "Man projiziert dann lieber die eigenen Gefühle auf das Gegenüber und landet im Karussell der Illusionen", sagt Maurer. Dadurch, dass man die große Liebe durch die eigene Fantasie am Leben erhält, verhindert man vor allem eines: das Loslassen und Verabschieden, und damit den Weg in die Freiheit. Und: "Die Wunschvorstellung des verlorenen Partners raubt uns die Chance auf eine neue Liebe."
Doch klar ist: "Man kann niemanden dazu zwingen, eine Beziehung zu führen oder weiterzuführen." Will man den Liebeskummer beenden, muss man sich von der Vorstellung verabschieden, mit genau diesem Menschen ein gemeinsames Leben zu führen, so schmerzhaft das ist. Dafür sollte man auch selbst in die Verantwortung gehen. "Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, eine Beziehung wirklich zu reflektieren", sagt Maurer. "Dazu gehört auch, zu überprüfen, ob meine Projektion wirklich der Realität entsprochen hat."
Das Gute beim Liebeskummer ist, auch, wenn man es sich mittendrin nicht vorstellen kann: Irgendwann ist er vorbei. "Nach einem halben Jahr bis Jahr stellt sich bei den meisten Menschen eine Besserung ein", sagt Maurer. Das wirksamste Gegenmittel sind dabei die Akzeptanz der Situation und Selbstfürsorge. "Viele Menschen suchen im Partner das, was ihnen fehlt, etwa Bestätigung, Sicherheit oder das Gefühl, liebenswert zu sein", sagt die Psychologin. "Aber wer all das von einer Beziehung abhängig macht, verliert bei einer Trennung viel mehr als nur eine Person."
Ihren Klientinnen und Klienten rät Maurer deshalb, sich zu fragen, was sie wirklich brauchen und wie sie selbst ihre Bedürfnisse erfüllen können – und nicht, was Familie, Freunde oder die Gesellschaft von ihnen erwarten. Hobbys und Ablenkung können gelegentlich eine wertvolle Leidenspause schaffen, ohne die Arbeit an sich selbst unter den Tisch zu kehren. Und dann wird langsam auch die Bedeutung dieser einen Person, um die sich scheinbar alles dreht, kleiner. (Davina Brunnbauer, 4.8.2026)
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