"Nach allem, was passiert ist, ist es ganz gut, das Kapitel Berlin zu schließen"
Interview Ex-Füchse-Trainer Jaron Siewert
“Nach allem, was passiert ist, ist es ganz gut, das Kapitel Berlin zu schließen”
Jaron Siewert hat sehr turbulente Monate hinter sich. Im September 2025 wurde der gebürtige Berliner - im Personalbeben rund um Sportvorstand Stefan Kretzschmar - überraschend von seinen Aufgaben als Cheftrainer der Füchse Berlin entbunden. Ein Paukenschlag. Wenig später machte der 32-Jährige öffentlich, dass er zudem im Spätherbst 2025 einen zweiten Schlaganfall erlitt.
Nun will Siewert nach vorne blicken. Im August verlässt er Berlin, um seinen neuen Job bei der MT Melsungen anzutreten. Im Interview mit rbb|24 zwischen gepackten Koffern in seinem Wohnzimmer erklärt er seine Wahl für Melsungen, spricht über seinen zweiten Schlaganfall und erzählt, ob er am 1. Spieltag, wenn sein neuer Klub direkt bei den Füchsen zu Gast ist, in der Max-Schmeling-Halle sein wird.
rbb|24: Sie sind gebürtiger Berliner. Wie ist es, die Heimat zu verlassen und sich auf eine neue Gegend einzulassen?
Siewert: Es sind gemischte Gefühle. Aber nach allem, was im letzten Jahr passiert ist, ist es ganz gut, das Kapitel Berlin zu schließen – zumindest sportlich. Meine Familie bleibt ja zu großen Teilen in Berlin, sodass die Verbundenheit zur Stadt bleibt.
rbb|24: Warum Melsungen?
Siewert: Weil es ein interessantes Projekt ist. Der Verein hat noch viel Potenzial – das hat mich persönlich sehr gereizt. Wir haben viel über die Vision gesprochen, die eins zu eins zu meinen Überzeugungen passt. Deshalb passen Verein und ich hoffentlich auch gut zusammen.
rbb|24: Welche konkreten Visionen und Ziele haben Sie und Ihr neuer Klub denn in den Gesprächen festgehalten?
Siewert: Der Verein will mehr auf junge Talente setzen. Gepaart mit Weltklassespielern, die sie derzeit definitiv in ihren eigenen Reihen haben. Ein Beispiel für diesen Weg ist Luca Sigrist [20-jähriger Nationalspieler der Schweiz, Anm. d. Red.], den Melsungen jetzt aus der Schweiz geholt hat. Da werden noch einige Talente in der Zukunft folgen. Ein großer Teil meiner Aufgabe wird sein, diese jungen Spieler zu fördern und fordern. Wir wollen den Verein auf breitere Füße stellen.
rbb|24: Und welche Tabellenregion ist für Melsungen realistisch?
Siewert: Das Ziel ist, den Wettkampf um das internationale Geschäft anzunehmen. Was dabei genau herauskommt, ist Zukunftsmusik. Es fällt mir selbst noch schwer, genaue Tabellenplätze zu formulieren, aber wir wollen uns sportlich wie wirtschaftlich stetig weiterentwickeln – und langfristig kontinuierlich am internationalen Wettbewerb teilnehmen.
rbb|24: Sie ziehen zwar im August nach Melsungen, übernehmen aber erst 2027 das Traineramt. Was sind Ihre konkreten Aufgaben in der anstehenden Saison?
Siewert: Zum einen soll ich die Kaderplanung für die Saison 2027/28 vorantreiben. Zum anderen soll ich verschiedenste Kooperationsmöglichkeiten mit anderen Vereinen anstoßen – national wie international. Ich soll mich auch in der Jugendarbeit engagieren, um mir einen ersten Überblick zu verschaffen und Talente schon einmal zu fördern.
rbb|24: Haben Sie in jenen Bereichen denn schon einmal gearbeitet?
Siewert: In dieser Verantwortlichkeit ist es definitiv etwas Neues für mich. Bei den Füchsen Berlin war ich ja bereits in Dinge wie Vertragsgespräche oder Scouting involviert, auch in meiner Zeit bei Essen bin ich selbst auf Spieler zugegangen.
rbb|24: Sie haben selbst öffentlich gemacht, dass Sie im vergangenen Herbst einen zweiten Schlaganfall hatten. Wie geht es Ihnen aktuell?
Siewert: Mir geht’s ganz gut. Ich habe mich davon wieder erholen können, bin wieder voller Kraft und Tatendrang. Es steht der neuen Aufgabe eigentlich nichts im Wege.
rbb|24: War Ihre Gesundheit denn Thema in den Gesprächen mit Melsungen? Der Verein muss ja wissen, ob Sie belastbar genug für diese intensive Aufgabe sind.
Siewert: Natürlich ist die Gesundheit ein Thema gewesen. Aber ich würde mich diesem Risiko nicht aussetzen, wenn ich kein grünes Licht von den Ärzten bekommen hätte. Ich wäre nicht so doof, meine Familie dem Risiko auszusetzen, dass es nochmal passieren kann. Die Schlaganfälle gehören zu mir, ich werde mein ganzes Leben mit ihnen leben und das kann ich auch. Sie hatten, so die Ärzte, nichts mit Stress oder ähnlichem zu tun. Es gibt also keinerlei Beschränkungen für meinen Job.
rbb|24: Horchen Sie denn immer wieder in sich hinein und prüfen, ob Sie sich gut fühlen? Oder können Sie völlig frei Ihren normalen Alltag leben? Wie rational können Sie das Thema angehen?
Siewert: Natürlich fragt man sich in den ersten Wochen nach dem Schlaganfall, warum ausgerechnet man selbst einen zweiten erleben musste. Diese Zeit habe ich für mich genutzt. Die Erklärung der Ärzte, die die Ursache auf ein altes Medikament eingegrenzt haben, hat mir aber auch bei der Verarbeitung geholfen. Ich mache mir keine Gedanken mehr darüber, das habe ich gelernt.
rbb|24: In den Kommentaren ihrer Instagram-Beiträge bezeichnen Sie viele als "Vorbild". Finden Sie das eigentlich gut?
Siewert: Natürlich ist es schön, dass ich Menschen als Vorbild dienen kann. Aber ich selbst betrachte mich momentan nicht so. Das kann sich ändern, sobald ich wieder wirklich ins Berufsleben eingestiegen bin, aber es ist schön, dass mich Menschen mit ähnlichen Schicksalsschlägen als Vorbild sehen.
rbb|24: Waren Sie seit Ihrem Aus bei den Füchsen wieder in der Max-Schmeling-Halle oder wird das am 1. Spieltag, wenn Melsungen zu Gast ist, der Fall sein?
Siewert: Ich war noch nicht wieder in der Halle und weiß auch noch nicht, ob ich das am 1. Spieltag sein werde. Dadurch, dass ich jetzt erstmal im Hintergrund arbeiten würde, soll dem aktuellen Trainerteam und den Spielern das Rampenlicht gehören. Da möchte ich in keinster Weise Aufmerksamkeit auf mich ziehen.
rbb|24: Haben Sie mittlerweile eine Erklärung dafür gefunden, warum es für Sie bei den Füchsen nicht weiterging?
Siewert: Die Entscheidung wurde so getroffen und liegt nun weit in der Vergangenheit. Die Füchse sind ihren Weg gegangen, ich gehe meinen. Ich habe die Entscheidung mittlerweile akzeptiert, insofern ist alles gut.
Vielen Dank für das Gespräch.
Für die vorliegende Textfassung wurde das Gespräch leicht gekürzt und redigiert.
Sendung: rbb|24, 31.07.2026, 13:15 Uhr
Audio: rbb24, 31.07.2026, Tabea Kunze
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