Experten warnen vor Risiken bei Nahrungsergänzungsmitteln – auch das BfR ist alamiert
Stand: 26.09.2026, 22:45 Uhr
Kommentare
Bei Botanicals warnen Experten vor Risiken – 2025 kamen 30.000 ungeprüft auf den Markt. Nur in zwei Ausnahmen lohnen sich Nahrungsergänzungsmittel laut BfR.
Münster – Vor erheblichen Qualitäts- und Sicherheitsproblemen bei Nahrungsergänzungsmitteln mit sogenannten Botanicals warnt eine Gruppe von Wissenschaftlern, Ärzten und Verbraucherschützern. In einem Brief an die Bundesministerien für Landwirtschaft und Ernährung sowie für Wirtschaft fordern die Experten, die aus ihrer Sicht ungeregelte Situation bei pflanzlichen, algen-, pilz- oder flechtenbasierten Inhaltsstoffen im Sinne des Verbraucherschutzes zu beenden.

Es bestehe dringender Handlungsbedarf, schreiben die Autoren in dem Brief, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Die Gesundheit der Verbraucher sei in Gefahr. Vor dem Markteintritt müssen Hersteller ihre Produkte lediglich beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) registrieren – eine behördliche Prüfung ist nicht vorgesehen. Die Gruppe verweist auf toxikologische Risiken und kritisiert, dass in der Schweiz sowie in EU-Staaten wie Frankreich oder Belgien deutlich schärfere Dokumentationspflichten gelten.
30.000 Nahrungsergänzungsmittel ohne Prüfung: Forscher fordern strengere Kontrollen
Vom Gesetzgeber fordern die Experten, dass Hersteller bereits bei der Anmeldung korrekte, verständliche Informationen liefern müssen. Zudem solle es eine kontinuierliche Prüfung von Rohstoffen und Fertigprodukten mit anerkannten Analysemethoden geben, und irreführende Gesundheitsversprechen müssten besser kontrolliert werden.
Einer der Unterzeichner ist Andreas Hensel, Präsident der Gesellschaft für Phytotherapie und Leiter des Instituts für Pharmazeutische Biologie und Phytochemie an der Universität Münster. Im vergangenen Jahr seien mehr als 30.000 Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland angemeldet worden, sagte der Professor. Weil die gesetzlichen Vorgaben bei der Anmeldung so unzureichend seien, folge anschließend oft ein Streit zwischen den Landesuntersuchungsämtern, die auf Probleme hinweisen, und den Anwälten der Firmen, die auf eigene, abweichende Analyseverfahren verweisen. „Damit kannst du dich immer herausreden“, sagt Hensel. Verbraucher würden Risiken ausgesetzt, die sie selbst nicht erkennen könnten.
BfR bestätigt: Datenlage zu Botanicals ist lückenhaft
Auch das BfR weist seit Längerem auf die begrenzte Datenlage bei Botanicals hin: Nahrungsergänzungsmittel aus Pflanzen-, Algen-, Pilz- oder Flechtenextrakten seien mittlerweile weltweit leicht über das Internet zugänglich, Daten zur gesundheitlichen Sicherheit vieler enthaltener bioaktiver Substanzen aber nur begrenzt verfügbar.
Das erschwere sowohl die Risikobewertung einzelner Wirkstoffe als auch die Ableitung sicherer Verzehrmengen. Anders als Arzneimittel müssen Nahrungsergänzungsmittel nach geltendem EU-Lebensmittelrecht vor dem Inverkehrbringen nicht behördlich geprüft und zugelassen werden – ein Punkt, den auch die Verfasser des Warnbriefs kritisieren.
Von Vitamin D bis Maca: Wo das BfR bereits vor Risiken gewarnt hat
In der Vergangenheit hat das BfR einzelne Stoffe nachträglich bewertet, etwa 2007 macahaltige Präparate, bei denen mögliche Gesundheitsrisiken festgestellt wurden. Erst im September 2025 veröffentlichte das Institut zudem eine Stellungnahme zu hochdosierten Vitamin-D-Präparaten und warnte vor sogenannten Bolusdosen: Diese sollten, insbesondere in Kombination mit Vitamin K, nur auf ärztliche Anweisung und unter ärztlicher Kontrolle eingenommen werden.
Das BfR betont zudem, dass Nahrungsergänzungsmittel für die meisten Menschen in Deutschland ohnehin überflüssig seien, da die übliche Ernährung mit wenigen Ausnahmen – etwa Folsäure bei Kinderwunsch und früher Schwangerschaft – ausreichend Mikronährstoffe liefere. Problematisch sei außerdem, dass sich viele Verbraucher über soziale Medien informierten: Laut einer BfR-Umfrage nehmen Menschen, die ihre Informationen über Instagram, YouTube oder TikTok beziehen, tendenziell mehr verschiedene Präparate ein und bewerten diese positiver – obwohl dort nicht immer fachlich korrekte Informationen zu finden seien. Immer wieder kommt es sogar zu Todesfällen mit überdosierten Nahrungsergänzungsmitteln. Quellen: dpa, bfr.bund.de (bk)