Loosdrecht in Aufruhr: Gewalt und Proteste wegen Asylpolitik


Feuer vor der Asylunterkunft: Loosdrecht wird zum Symbol für den Kampf gegen die niederländische Migrationspolitik

In einem Provinznest schlägt die Wut gegen Asylbewerber in offene Gewalt um. Die Krawallanten verweisen auf Wohnungsnot und Kriminalität. Doch die Statistik zeichnet ein anderes Bild.

11.08.2026, 05.30 Uhr

7 Leseminuten


Die Bilder gingen um die Welt: Krawallmacher warfen am 12. Mai Pyrotechnik gegen eine Asylunterkunft im niederländischen Loosdrecht und setzten Hecken in Flammen.

Die Bilder gingen um die Welt: Krawallmacher warfen am 12. Mai Pyrotechnik gegen eine Asylunterkunft im niederländischen Loosdrecht und setzten Hecken in Flammen.

Georgios Kostomitsopoulos / NurPhoto / Getty

Die Abenddämmerung setzt langsam ein, der Verkehr rollt gemächlich. Neben einer Strassenkreuzung im niederländischen Loosdrecht steht ein halbes Dutzend Männer im Kreis, daneben sitzen drei Frauen auf einer Picknickdecke und essen Chips. Sie haben sich versammelt, um gegen die Unterbringung von Asylsuchenden im Dorf zu demonstrieren. Alles scheint ruhig – bis plötzlich ein Velofahrer der Gruppe etwas zuruft und den Mittelfinger zeigt. Die Männer rennen zu ihrem Auto und nehmen mit quietschenden Reifen die Verfolgung auf.

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Die Szene an einem Mittwochabend Ende Juli zeigt im Kleinen auf, was die Niederlande – und einen beträchtlichen Teil Europas – seit Jahren beschäftigt: der «richtige» Umgang mit der Asylmigration. Wer darf ins Land kommen? Wo sollen die Personen unterkommen, wenn sie einmal da sind?

Die Bewohner von Loosdrecht, einem Ortsteil der Gemeinde Wijdemeren eine halbe Autostunde von Amsterdam entfernt, mussten sich schneller mit diesen Fragen auseinandersetzen, als ihnen lieb war.

Messerstechereien vor dem Aufnahmezentrum

Bürgermeister Mark Verheijen erinnert sich noch genau an den Tag, der das Leben im beschaulichen Dorf fortan prägen sollte: Am 13. April teilte ihm die nationale Asylbehörde mit, dass man bis Anfang November 110 männliche Asylbewerber im ersten Stockwerk des Gemeindehauses unterbringen möchte. Dieses stand leer, weil Wijdemeren bald mit der Nachbargemeinde fusioniert. «Nein sagen konnten wir nicht – aus rechtlichen wie moralischen Überlegungen», sagt Verheijen.

Vonseiten der Regierung war der Druck hoch. Das Erstaufnahmezentrum in Ter Apel, wo alle ankommenden Schutzsuchenden registriert werden, ist heillos überlastet. Die Lage dort ist derart angespannt, dass derzeit Dutzende Personen den Tag vor dem Zentrum verbringen müssen. Nachdem bei Messerstechereien, die von einer kleinen Gruppe von Bewerbern ohne realistische Chance auf Asyl ausgingen, zwei Personen verletzt worden waren, mussten die Helfer vom Roten Kreuz im Juli die Ausgabe von Mahlzeiten einstellen. Die Sicherheit der Mitarbeitenden war nicht mehr gewährleistet. Nun sucht die Asylbehörde deshalb händeringend nach Notunterkünften im ganzen Land.

Weil es die Sicherheit seiner Mitarbeitenden nicht mehr gewährleisten konnte, stoppte das Rote Kreuz am 11. Juli seine Dienstleistungen im Erstaufnahmezentrum in Ter Apel.

Weil es die Sicherheit seiner Mitarbeitenden nicht mehr gewährleisten konnte, stoppte das Rote Kreuz am 11. Juli seine Dienstleistungen im Erstaufnahmezentrum in Ter Apel.

Marcel J. de Jong / EPA

Loosdrecht musste jedenfalls schnell handeln – zu schnell, wie mittlerweile selbst die Gemeindeverwaltung zugibt. Am 17. April entschied sie, der Bitte der nationalen Behörden nachzukommen. Bereits fünf Tage später hätten die ersten Asylsuchenden ankommen sollen. Auf der Website wurde eine entsprechende Meldung publiziert. Am 18. April lud die Gemeinde die direkten Nachbarn zum Gespräch, zwei Tage später einen weiteren Kreis von Anwohnern. Aber eine Gemeindeversammlung, um auf die Befürchtungen der Lokalbevölkerung einzugehen, gab es nie.

«Das war ein Fehler. Wir hätten uns mehr Zeit nehmen sollen. Doch die Uhr tickte», sagt Verheijen. Der Bürgermeister bat später in einem Video um Entschuldigung für die missratene Kommunikation.

Wohnungen für Asylbewerber statt für Lokale

Inzwischen hatte sich in der Bevölkerung längst herumgesprochen, dass bald Asylbewerber ankommen würden. Dass sie ausgerechnet im Gemeindehaus schlafen sollten, hatte eine eigene Symbolik. Es könne doch nicht sein, dass Ausländer im Zentrum der politischen Macht gratis Kost und Logis erhielten, während sich viele Niederländer kaum noch eine eigene Wohnung leisten könnten, sagt eine Anwohnerin. Sie möchte – wie praktisch alle Gesprächspartner in Loosdrecht – anonym bleiben.

Fast jeden Abend versammelten sich fortan Dutzende bis Hunderte Protestierende auf der Strasse vor dem Gemeindehaus. Sie zündeten Knallpetarden, skandierten Parolen, warfen Steine und schwenkten die Fahnen der neugegründeten Vereinigung Defend Loosdrecht. Dass diese in Name und Aufmachung stark der rechtsextremen, wohl nachrichtendienstlich beobachteten Gruppe Defend Netherlands gleiche, sei reiner Zufall, sagt ein Vertreter von Defend Loosdrecht. Es gebe zwischen den beiden Gruppierungen keine direkten Verbindungen, beteuert er.

Am 24. April konnten die Demonstranten einen Teilerfolg feiern. Aufgeschreckt durch die massive Mobilisierung beschloss der Gemeinderat von Wijdemeren, nur 70 statt 110 Männer unterzubringen. Zudem wurde die Inbetriebnahme der Notunterkunft verschoben. Man wolle sich Zeit nehmen, um die Lage zu beruhigen und wieder mit der Bevölkerung in Kontakt zu treten, schrieb die Gemeinde in einem Communiqué. Doch dies blieb Wunschdenken. Fast ohne Unterbruch gingen die Proteste weiter. Die Polizei nahm mehr als ein Dutzend Personen fest, die Gemeinde erliess mehrfach eine Notverordnung. Einem Crescendo gleich schlitterte Loosdrecht in den Abend des 12. Mai, an dem die Lage eskalieren sollte.

Wollten die Chaoten das Gebäude niederbrennen?

Die ersten Asylbewerber hatten an jenem Tag die temporäre Notunterkunft im Gemeindehaus bezogen, pro Zimmer bis zu sechs Männer. Draussen, vor dem massiven Gittertor, versammelten sich derweil erneut Hunderte Personen, einige von ihnen schwarz gekleidet und vermummt. Kamerateams aus dem ganzen Land filmten, wie die Krawallanten Pyrotechnik gegen das Gebäude und Polizisten schleuderten.

Zuerst legten die Protestierenden Feuer, danach hinderten sie die Feuerwehr am Löscheinsatz.

X/@ongehoordnedtv

Eine Petarde setzte die Hecke vor dem Gemeindehaus in Brand, die Flammen loderten meterhoch und züngelten am Gebäude. Für einen Moment sah es danach aus, als würde auch dieses Feuer fangen. Die Justiz dürfte nun untersuchen, ob die verhafteten Chaoten die Absicht hatten, die Asylunterkunft niederzubrennen. Als die Feuerwehr eintraf, hinderten die Demonstranten diese an der Durchfahrt. Die Menge johlte.

Weniger lustig war es für die Asylbewerber, die im Innern des Gemeindehauses ausharren mussten. Sie wurden angewiesen, das Gebäude für eine gewisse Zeit nicht zu verlassen. Existenzielle Ängste hatte auch eine Bewohnerin eines direkt angrenzenden Hauses, die ihren Namen nicht nennen möchte. Sie habe den schlimmsten Abend ihres Lebens verbracht, weil sie das Gefühl gehabt habe, die Demonstranten wollten ihr Haus anzünden, erzählt sie. Später sei sie gar für einige Zeit ins Hotel gegangen.

Feuerbilder auf CNN

Die Bilder aus Loosdrecht gingen um die Welt. Selbst die CNN-Starreporterin Clarissa Ward berichtete über die Tumulte. Die niederländische Regierung sah sich zu einer Reaktion gezwungen. Proteste seien in einer Demokratie erlaubt, aber diese Art von Gewalt sei nicht hinnehmbar, mahnte Justizminister David van Weel auf X.

Seit April gibt es in Loosdrecht fast jeden Abend Proteste.

Seit April gibt es in Loosdrecht fast jeden Abend Proteste.

Remko de Waal / EPA

In Loosdrecht haben die Ausschreitungen zwar eine neue Dimension angenommen, doch Demonstrationen gegen Asylunterkünfte gibt es in den Niederlanden schon seit Jahren. Wendepunkt war das sogenannte Verteilgesetz von 2024, das die Gemeinden verpflichtet, eine gewisse Anzahl von Aufnahmeplätzen bereitzustellen. Gemäss einer Analyse des öffentlichrechtlichen Senders NOS gab es zwischen Januar 2025 und Mai 2026 mindestens 34 Proteste gegen Asylbewerberzentren, bei denen insgesamt 163 Personen festgenommen wurden.

Auffällig ist dabei, dass über 40 Prozent der Verhafteten nicht aus der betroffenen Gemeinde stammten. Zumindest ein Teil der Proteste ist also überregional organisiert. Besonders aktiv sind die Defend-Gruppen. Laut dem Sender NOS sind allein im letzten Jahr rund drei Dutzend lokale Ableger entstanden. Die Nationale Koordinationsstelle für Terrorismusbekämpfung und Sicherheit spricht von «regierungsfeindlichen Gruppen mit möglicherweise rechtsextremen Einflüssen, in denen Zerstörung, Beleidigung, Aufwiegelung und Gewalt gegen die Polizei akzeptiert sind». Die Gruppe Defend Loosdrecht selbst wehrt sich gegen diese Einstufung. Allerdings wurden mehrere Mitglieder bei Demonstrationen wegen nationalsozialistischer Symbolik verhaftet.

Vor der Asylunterkunft fing eine Hecke Feuer.

X/@_owenobrien_

Nicht überdurchschnittlich kriminell

Spricht man mit den Protestierenden, wird häufig die Angst vor Straftaten durch Migranten, insbesondere gegenüber jungen Frauen, genannt. An Laternenpfählen in Loosdrecht hängen Aufkleber mit Slogans wie «Unsere Mädchen fahren hier mit dem Fahrrad vorbei».

Laut den vor wenigen Wochen veröffentlichten Daten des staatlichen Forschungsinstituts des niederländischen Justiz- und Sicherheitsministeriums lassen sich die Befürchtungen allerdings kaum erhärten. Für den Zeitraum von 2019 bis 2025 untersuchte das Institut die Kriminalität von Bewohnern von Asylzentren und kam zu dem Schluss, dass «Straftaten in den Niederlanden nicht überproportional häufig von Asylbewerbern begangen werden». Der Anteil von Gewaltverbrechen, die von ihnen ausgingen, sei mit dem der niederländischen Gesamtbevölkerung vergleichbar.

Die Asylsuchenden werden rund doppelt so oft verdächtigt, Eigentumsdelikte – vor allem Ladendiebstähle – begangen zu haben. Bei Sexualdelikten liegt der Anteil hingegen nur leicht höher. Der Unterschied verschwindet laut dem Institut ganz, wenn man berücksichtigt, dass der Anteil an jungen Männern – die insgesamt überdurchschnittlich häufig kriminell werden – unter Asylbewerbern höher ist.

Am Tag nach den Sachbeschädigungen werden in Loosdrecht die Spuren beseitigt, so gut es geht.

Am Tag nach den Sachbeschädigungen werden in Loosdrecht die Spuren beseitigt, so gut es geht.

Robin van Lonkhuijsen / Imago

50 000 Postkarten aus Solidarität

Warum also löst die Unterbringung von einigen Dutzend Asylmigranten eine derartige Reaktion aus? Monique Kremer, die Vorsitzende des niederländischen Migrationsbeirats, führt dies darauf zurück, dass einige niederländische Politiker die Asylmigration ständig mit dem Wohnungsmangel und anderen sozialen Problemen in Verbindung bringen. Sie argumentierten, dass sich diese Schwierigkeiten auflösen würden, wenn weniger Migranten ankämen. «Da hat sich bei gewissen Leuten viel Frust angestaut. Wenn man ihre Sorgen nicht ernst nimmt, taucht die Migration immer wieder als Problem auf», sagt Kremer.

Die Überforderung des niederländischen Asylwesens hat für sie systemische Gründe. Verschiedene Regierungen hätten es über die Jahre hinweg versäumt, «Puffer» in die Asylinfrastruktur einzubauen. Kommt es, wie im ersten Quartal dieses Jahres, zu einem raschen Anstieg der Anträge, sind die Aufnahmezentren sofort überlastet – selbst wenn die Gesamtzahlen sowohl in den Niederlanden wie in Gesamteuropa in den Jahren 2022, 2023 und vor allem 2015 deutlich höher waren. Die Regierung von Rob Jetten, die seit einem halben Jahr im Amt ist, sei nun immerhin daran, strukturelle Kapazitäten zu schaffen, so Kremer.

Eine Mehrheit der niederländischen Bevölkerung sei gegenüber den Asylsuchenden allerdings nicht annähernd so kritisch eingestellt, wie es die gewaltsamen Proteste vermuten liessen, sagt Kremer. Auch die nationale Asylbehörde schreibt, dass die Ausschreitungen von Loosdrecht eine Solidaritätswelle ausgelöst hätten. Mehr als 50 000 Postkarten seien ins temporäre Asylzentrum geschickt worden, was sich «überaus positiv auf die Bewohner und die Mitarbeitenden ausgewirkt hat», so die Medienstelle.

«Ernstes Wörtchen» mit dem Radfahrer

Die Demonstranten, die sich seit nunmehr 103 Tagen (??) jeden Abend vor dem Gemeindehaus von Loosdrecht versammeln, gehören kaum zu den Absendern. Mit KI-generierten Bildern werben sie in den sozialen Netzwerken tagtäglich für die Protestaktionen in dem Dorf.

Anfangs war noch die Polizei präsent. Seit sich die Lage beruhigt hat, überwacht sie das Grüppchen über eine fest installierte Kamera. Immer wieder hupen Autos beim Vorbeifahren. Das sei fast immer unterstützend gemeint, sagt ein Vertreter von Defend Loosdrecht. Und was ist mit dem Radfahrer passiert, der ihnen den Stinkefinger gezeigt hatte? Man habe ihn schnell eingeholt und mit ihm ein ernstes Wörtchen geredet. Gewalt habe man aber selbstverständlich nicht angewendet, versichert er.

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