Presse unter Druck: Pakistan erschwert Berichterstattung aus Kaschmir


Im pakistanischen Teil von Kaschmir gibt es seit Wochen Proteste, nun schränkt die Regierung die Pressefreiheit ein

Ausländische Medien müssen künftig eine spezielle Genehmigung beantragen, wenn sie ausserhalb der grossen Städte arbeiten wollen. Die Regierung erschwert damit praktisch jegliche unabhängige Berichterstattung aus Kaschmir.

11.08.2026, 05.30 Uhr

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Seit Anfang Juni organisiert ein Aktionsbündnis Proteste im pakistanisch kontrollierten Teil von Kaschmir. Dabei kam es wiederholt zu gewaltsamen Zusammenstössen.

Seit Anfang Juni organisiert ein Aktionsbündnis Proteste im pakistanisch kontrollierten Teil von Kaschmir. Dabei kam es wiederholt zu gewaltsamen Zusammenstössen.

M.D. Mughal / AP

Wenn es im indischen Teil von Kaschmir Unruhen gibt, wird darüber in Pakistan lang und breit berichtet. Seitdem es jedoch im pakistanisch kontrollierten Teil der Region zu Protesten und Gewalt kommt, reagiert die Regierung in Islamabad äusserst sensibel auf kritische Berichterstattung. Zunächst blockierte sie das Internet, um die Vernetzung der Demonstranten zu erschweren und zu verhindern, dass Nachrichten an die Öffentlichkeit gelangten. Nun ist sie noch einen Schritt weitergegangen und hat den Zugang für ausländische Medien stark eingeschränkt.

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Kaschmir erlebt seit Anfang Juni eine Protestwelle. Treibende Kraft dabei ist das Joint Awami Action Committee (JAAC), ein Zusammenschluss lokaler Geschäftsleute, Studenten, Politiker und Aktivisten der Zivilgesellschaft. Immer wieder kommt es bei den Protesten zu gewaltsamen Zusammenstössen. Über sechzig Demonstranten und Angehörige der Sicherheitskräfte sollen dabei getötet worden sein. Pakistanische Medien berichteten jedoch nur selektiv darüber.

Ausländische Medien wie der katarische Sender al-Jazeera, der britische Rundfunk BBC und die «New York Times» schickten dagegen wiederholt Reporter in die Region. Was sie über die Proteste und die Gewalt gegen die Demonstranten berichteten, missfiel der Regierung. Sie warf al-Jazeera effekthascherische Berichterstattung vor und schränkte den Zugang zur Website des Senders ein. Mit den neuen Regeln unterbindet sie nun de facto jede unabhängige Berichterstattung aus Kaschmir.

Keine Berichterstattung ohne Extragenehmigung

Gemäss einer Anweisung des Informationsministeriums von Anfang August müssen künftig sämtliche Mitarbeiter ausländischer Medien eine Genehmigung beantragen, wenn sie ausserhalb der Grossstädte Islamabad, Lahore und Karachi arbeiten wollen. Schon früher benötigten ausländische Reporter, die nicht in Pakistan akkreditiert sind, dafür ein sogenanntes No Objection Certificate (NOC). Nun brauchen auch in Pakistan dauerhaft akkreditierte Korrespondenten und deren pakistanische Mitarbeiter eine solche Genehmigung.

Ausländische Medien sind damit fortan auf das Wohlwollen der Regierung angewiesen, wenn sie aus einer Unruheregion wie Kaschmir berichten wollen. Alle in Kaschmir befindlichen Reporter wurden zudem angewiesen, die Region sofort zu verlassen. Bei pakistanischen Journalisten sowie im Ausland trafen die neuen Regeln auf scharfe Kritik. Das Committee to Protect Journalists (CPJ) in New York forderte die Regierung auf, die Anweisung sofort zurückzunehmen.

Pakistan liegt auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reportern ohne Grenzen auf Platz 153 von 180. Zwar gibt es in Pakistan eine Vielzahl an Zeitungen, Fernsehsendern und Radiostationen auf Urdu, Englisch und in anderen Sprachen, doch ist es um ihre Unabhängigkeit nicht gut bestellt. Zensur und Selbstzensur sind weit verbreitet. In den letzten Jahren, da die Regierung verstärkt unter den Einfluss des Militärs geraten ist, hat sie die Gesetze zur Regulierung der Medien noch weiter verschärft.

Die Einwohner von Kaschmir wollen mehr Autonomie

Der Grund für die Proteste in Kaschmir waren zunächst die steigenden Lebenshaltungskosten. Schnell kamen aber Forderungen nach mehr politischer Autonomie dazu. Azad Jammu and Kashmir, wie der seit dem Krieg mit Indien 1947 von Pakistan verwaltete Teil der Region offiziell heisst, verfügt zwar über einen Sonderstatus innerhalb Pakistans. So hat er einen eigenen Präsidenten, einen Premierminister, ein Parlament, ein Oberstes Gericht und sogar eine eigene Flagge. Die wahre Macht liegt aber weiterhin in der Hauptstadt Islamabad.

Seit 2019 gibt es in der Region eine Bewegung für mehr Selbstbestimmung. Dem Aktionsbündnis JAAC, das 2023 aus dieser Bewegung hervorging, gelang es mit seinen Protesten, wirtschaftliche Zugeständnisse wie eine Senkung der Strompreise zu erreichen. Dieses Jahr gingen seine Forderungen aber noch weiter. So verlangte es, dass eine Bestimmung gestrichen wird, die 12 der 53 Sitze im Lokalparlament für Einwohner Kaschmirs ausserhalb der Region reserviert.

Die Regelung war eingeführt worden, um Kaschmiri, die 1947 aus dem indischen Teil Kaschmirs nach Pakistan geflohen waren, eine Stimme zu geben. Das JAAC kritisiert aber, dass damit Wähler, die gar nicht in der Region leben, übergrossen Einfluss auf seine Politik erhielten. Als sich die Proteste Anfang Juni zuspitzten, verbot die Regierung das JAAC mithilfe der strengen Anti-Terror-Gesetzen des Landes. Zahlreiche Aktivisten des Protestbündnisses wurden in der Folge festgenommen.

Die lokale Wahl findet in mehreren Etappen statt

An der Wahl zum Lokalparlament hat die Regierung aber festgehalten. Wegen der Unruhen fand sie anders als in früheren Jahren jedoch in mehreren Phasen statt, auch gab es kaum öffentliche Wahlkampfveranstaltungen. Die dritte und eigentlich letzte Wahlrunde wurde am Montag in der Poonch Division abgehalten. Wegen der Sicherheitsprobleme verschob die Wahlkommission den Urnengang in mehreren Bezirken aber kurzfristig auf einen späteren Zeitpunkt.

Das JAAC hat zum Boykott der Wahl aufgerufen. Die Regierung wirft dem Aktionsbündnis vor, den friedlichen Ablauf der Wahl zu hintertreiben. Laut der Wahlkommission beträgt die Beteiligung knapp 50 Prozent – weniger als beim letzten Urnengang 2021. Bis jetzt liegt die Pakistan Muslim League Nawaz von Premierminister Shehbaz Sharif vorn. Auch nach dem Ende der Wahl ist eine rasche Beruhigung nicht absehbar. Sollte es zu neuen Protesten und Gewalt kommen, dürfte die Öffentlichkeit aber davon noch weniger erfahren als zuvor.

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