Friedberg bis Vatikan: Imam trifft Papst und Präsidenten für den Frieden


Stand: 22.08.2026, 12:00 Uhr

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Marwan Gill aus Friedberg, seit 9 Jahren Imam in Buenos Aires

Marwan Gill in einem Café in der Friedberger Kaiserstraße. Hier hat er 2006 das Fußball-Sommermärchen und das weltoffene Deutschland gefeiert. Seitdem hat sich die Welt verändert, in Friedberg und Argentinien, wo er lebt. © Nici Merz

Der Friedberger Marwan Gill lebt seit neun Jahren als Imam in Buenos Aires. Als Botschafter des Friedens trifft er Minister, Präsidenten und Päpste.

Friedberg – „In meiner kleinen Welt ist viel passiert“, sagt Marwan Gill. Das sieht man schon an seinem Kalender. In diesem Jahr war der 36-Jährige bereits in Paraguay, Brasilien, Uruguay, Chile, Portugal und Kasachstan, im Namen der Völkerverständigung. Aufgewachsen in Friedberg, lebt er seit 2017 als Imam („spiritueller Leiter“) einer islamischen Ahmadiyya-Gemeinde in Buenos Aires. Während eines Heimaturlaubs in Friedberg erzählt Gill im WZ-Interview, warum er sich weltweit für ein friedliches Miteinander einsetzt, was er mit Präsidenten und Päpsten bespricht und welche Werte ihn dabei leiten.

Marwan Gill, Sie haben vor einigen Wochen den deutschen Außenminister Johann Wadephul in Argentinien getroffen. Wie kam es dazu?

Der deutsche Botschafter in Argentinien hatte mich eingeladen, Herrn Wadephul über meine Arbeit für den interreligiösen Dialog zu berichten. Zum Beispiel habe ich mal ein gemeinsames Essen von Rabbinern, Pfarrern, Priestern und Imamen in der deutschen Botschaft in Buenos Aires organisiert. Außerdem bin ich ja ein deutscher Imam.

Worüber haben Sie mit Herrn Wadephul gesprochen?

Herr Wadephul sagte, um Brücken zwischen Südamerika und Europa zu bauen, müsse man als Mannschaft spielen, auch ein Fußballer wie Messi sei auf seine Mitspieler angewiesen. Ich sagte ihm, um Frieden in der Welt zu schaffen, brauchen wir auch eine Mannschaft. Politiker schaffen das nicht allein, religiöse Vertreter auch nicht.

Wie wurde aus dem Imam einer kleinen Gemeinde in Buenos Aires ein gefragter Gesprächspartner von Ministern, Präsidenten und Religionsführern?

Das hätte ich mir niemals vorstellen können, als ich mein Abi auf der Augustinerschule in Friedberg gemacht habe. Die jüdische Gemeinde in Buenos Aires hatte mich zu einer Gedenkfeier für die Opfer der Terroranschläge von 1992 und 1994 eingeladen, bei denen über einhundert Menschen getötet worden waren. Ich war der erste Imam, der den Mut dazu hatte, die Einladung anzunehmen. Ich habe mich gegen Gewalt und Terrorismus ausgesprochen. Dadurch sind viele auf mich aufmerksam geworden.

Unter anderem Papst Franziskus. Welchen Eindruck hatten Sie von ihm?

Menschlich hat er mich sehr beeindruckt. Was Franziskus über den Frieden und das friedliche Miteinander aller Menschen gelehrt hat, habe ich auch in seiner Person gesehen. Als erster Papst hat er muslimische Länder wie Irak, Indonesien, Bahrain und die Arabischen Emirate besucht, hat das religiöse Miteinander aktiv befördert. Im Vatikan habe ich mich jedes Mal zu Hause gefühlt.

Marwan Gill mit Papst Franziksus

Marwan Gill mit Papst Franziskus in Rom (l.) und dem deutschen Außenminister Johann Wadephul in Argentinien. © Vatikan

Franziskus hat Sie dreimal in den Vatikan eingeladen.

Ja, das erste Mal nach dem Beginn des Gaza-Kriegs, weil ich in Argentinien zusammen mit einem jüdischen Freund die Radiosendung „Salam Shalom“ moderiert habe, in der es um die Wichtigkeit des interreligiösen Dialogs ging. Salam heißt Friede auf Arabisch, Shalom auf Hebräisch. Franziskus hat uns angeregt, ein Buch über den Frieden zwischen Juden und Muslimen zu schreiben. Bei unserem nächsten Besuch haben wir ihm das Buch dann vorgestellt. Mit Franziskus waren wir uns einig, dass es im Moment nicht einfach ist, über Versöhnung zu sprechen. In Kriegszeiten ziehen sich alle in ihren „Bunker“ zurück, viele Juden und Muslime haben sich abgekapselt. Der Papst meinte: Jetzt ist der Augenblick, ihr müsst stark bleiben und eure Werte vertreten.

Welche Werte meint Franziskus? Wofür stehen Sie als Imam beziehungsweise als Mensch?

Als Ahmadiyya-Gemeinde verteidigen wir die Heiligkeit jedes Menschenlebens, ohne Unterschied, ob es sich um Atheisten, Agnostiker, Juden, Christen oder Muslime handelt. Der Heilige Koran sagt: Wenn man einen unschuldigen Menschen tötet, wiegt das so schwer, als habe man die ganze Menschheit getötet.

Das sehen nicht alle Muslime so, Stichwort Dschihad.

Junge Muslime werden oft manipuliert und irregeleitet, basierend auf ihrer Unwissenheit, ohne die Quellen zu studieren. Der Begriff „Dschihad“ meint das Streben nach einem moralischen Leben, an keiner Stelle im Koran fällt der Begriff im Kontext mit Waffen und Gewalt. Kein Muslim kann sich daran vorbeimogeln, es gibt keine Ausrede. Durch Waffen kann man nur zerstören, kein friedliches Zusammenleben erschaffen. Ich möchte dem friedlichen Islam eine Stimme geben.

Der argentinische Kongress hat Sie als „Botschafter des Friedens“ ausgezeichnet. Was treibt Sie an, im Namen des Friedens um die Welt zu reisen?

Das Nichtdasein von Kriegen ist nicht dasselbe wie Frieden. Es ist das eine, sich gegenseitig zu tolerieren, etwas anderes, sich aktiv für ein friedliches Miteinander starkzumachen. Daher setze ich mich gegen jegliche Hasskampagne ein, egal ob sie sich gegen Christen, Juden oder Muslime richtet. Man kann unterschiedlich denken, andere Meinungen haben oder Ideologien vertreten, aber das darf keine Ausrede sein, um Mauern hochzuziehen. Meine Aufgabe sehe ich darin, diese Botschaft aus dem religiösen Gebiet heraus in das gesellschaftliche und politische Spektrum zu schicken.

Als religiöse Vertreter sind wir dazu da, Versöhnung herbeizurufen und Lösungen zu finden.

Wie relevant ist es im Jahr 2026, für Frieden und Toleranz zu werben?

Ich kann mich noch gut an die WM 2006 erinnern, das Sommermärchen, die weltoffene Stimmung hier auf der Kaiserstraße, diese Euphorie. Deutschland öffnete sich, wurde bunter. Und jetzt? Es gibt immer mehr Stimmen, die in die Zeit der Kreuzzüge zurückkehren wollen, nach dem Motto: westlich-christliche Länder auf der einen, die islamische Welt auf der anderen Seite. Ich bin mit der UN und dem „Nie wieder“ als Modell aufgewachsen: nie wieder Menschenrechtsverletzungen, nie wieder Weltkriege und Genozide. Heutzutage sieht man, wie das alles kurz vor dem Auseinanderbrechen ist. Man nehme nur das Beispiel Trump, der sagt: Ganz Lateinamerika gehört zu uns, das ist unser Gebiet, China soll sich da raushalten.

Trump haben Sie noch nicht persönlich getroffen?

Nein, zum Glück nicht.

Dafür den argentinischen Präsidenten Javier Milei.

Ich habe Milei vier, fünf Mal getroffen, seit er Präsident ist. Kennengelernt haben wir uns übrigens im Vatikan.

Das heißt, wenn Milei Sie sieht, erkennt er Sie?

Ja (lacht).

Milei gilt als rechtspopulistischer Politiker. In einem Video sieht man, wie Sie ihm die Hände schütteln und lebhaft auf ihn einreden. Was sagen Sie ihm da?

Milei sagt, er vertrete liberale Werte, die Freiheit. Ich sagte ihm, wir als Ahmadiyya-Gemeinde stehen auch für die Freiheit, vor allem die Religionsfreiheit. Es gibt in Argentinien große armenische, arabische, italienische und jüdische Gemeinden. Ich sagte dem Präsidenten, es wäre schön, wenn Argentinien noch stärker ein Modell für ein friedliches Miteinander, eine Art Leuchtturm, werden könnte. Da ist viel Potenzial vorhanden und mir ist wichtig, dass Integration und multikulturelle Zusammenarbeit mit Milei nicht verloren gehen.

Sie leben seit neun Jahren in Argentinien. Wie hat sich das Land seither verändert?

Da die Menschen den politischen Institutionen weniger vertrauen, geben sie den Outsidern immer mehr Freiraum. Ich habe eine Mitte-rechts-Regierung, danach eine Mitte-links-Regierung erlebt. Der Sprung zur rechtsextremen Milei-Regierung, der war schon groß. Die Partei fährt Kampagnen gegen Ausländer, es herrscht eine gewisse Islamophobie im Land, die Spaltung zwischen Rechts und Links wird immer größer. In gewissen Ideen ist Milei nah an der AfD, übernimmt ihre Botschaften und Rhetoriken manchmal eins zu eins.

Bei der Lage der Welt: Wie viel kann man als Einzelner bewirken?

Ich kann als kleiner Imam nicht die Welt verändern, aber vielleicht einige Menschen inspirieren. Auch eine kleine Kerze kann etwas Licht ins Dunkel bringen. Als religiöse Vertreter sind wir vor allem dazu da, Versöhnung herbeizurufen, Lösungen zu finden. Wenn es keine Weltorganisation wie die Vereinten Nationen mehr als Vermittler gibt, läuft die derzeitige Spirale der Konfrontation und Gewalt auf eine kollektive Zerstörung hinaus, einen Weltkrieg. Und dann sind alle Verlierer.

Manche sagen: Gerade Glaube und Religion stehen einem friedlichen Miteinander entgegen. Sind Religionen nicht eher hinderlich, um Brücken zu bauen?

Ich denke, blinder Glaube ist nicht förderlich, aber Spiritualität hilft. Da würde ich unterscheiden. Als Theologe sage ich: Der Mensch braucht gewisse Vorgaben, Regeln, in unserem tagtäglichen Miteinander, dafür ist die Religion da. Aber die Regeln sind nicht das Ziel.

Was ist das Ziel?

Dass wir spirituell und moralisch auf eine höhere Stufe kommen. Regeln sind wie Verkehrsschilder, die uns helfen, ein Ziel zu erreichen.

Abgeordneter für die religiöse Freiheit

Marwan Gill machte 2009 sein Abitur auf der Friedberger Augustinerschule und studierte islamische Theologie in London. Anschließend schickte der Kalif, das Oberhaupt der Ahmadis, den damals 27-jährigen Gill in die Millionenmetropole Buenos Aires, um dort eine Ahmadiyya-Gemeinde aufzubauen. Die Ahmadiyya-Gemeinschaft ist eine islamische Reformbewegung mit 15 Millionen Mitgliedern weltweit. Von der Mehrheit der orthodoxen Muslime wird die Ahmadiyya-Lehre als Ketzerei bezeichnet und bekämpft, ihre Anhänger teils verfolgt. Die Organisation der 35 amerikanischen Staaten (OAS) mit Sitz in Washington, D.C., hat Gill 2025 zum ehrenamtlichen „Abgeordneten für die religiöse Freiheit“ ernannt.