Landsitz-Chef fürchtet Einrichtungssterben wegen neuem Pflegegesetz
Stand: 22.08.2026, 12:00 Uhr
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Die Bundesregierung will die Tariftreue in der Pflege für vier Jahre aussetzen. Manuel Matthias Langer vom Landsitz Elfershausen warnt vor zahlreichen Schließungen und Insolvenzen.
Elfershausen – Bereits die Reform der gesetzlichen Krankenkassen zur Stabilisierung der Beiträge (GKV-Reform) hat bundesweit und in der Region für viel Empörung gesorgt. Und nun steht die nächste Gesetzesänderung im Raum. Die Bundesregierung will das Pflege-Neuordnungsgesetz beschließen. Damit sollen laut Bundesgesundheitsministerium die Finanzen der Pflegeversicherung stabilisiert und die Versorgung verbessert werden. Angehörige sollen entlastet, Leistungsansprüche vereinfacht und der Zugang gebündelt werden.
Kein gutes Haar an diesem Vorhaben und der GKV-Reform lässt Manuel Matthias Langer, Geschäftsführer der Wohnpflegeeinrichtung Landsitz Elfershausen. Beide Vorhaben verschlimmern die Situation in der Pflege nur noch weiter, meint er. Wir sprachen mit dem 31-Jährigen im Interview über die Reformen und welche Änderungen er für deutlich sinnvoller gehalten hätte.
Herr Langer, was stört Sie an den Reformen?
Dass die Axt wieder dort angesetzt wird, wo es schon schmerzhaft ist. Bei denen, die zum Beispiel ihre Angehörigen zu Hause pflegen. Die werden es immer schwerer haben. Aber auch an denen, die die Pflege noch aufrechterhalten, wie unsere ambulanten Pflegedienste, Pflegeeinrichtungen und auch unsere Krankenhäuser. Mal wieder wird nicht bei der Pharmaindustrie angesetzt, die große Gewinnmargen hat. Da macht man wieder den Kniefall und lässt sich mit einem Weggang drohen.
Machen wir das an konkreten Beispielen fest: Wie werden Pflegeeinrichtungen wie der Landsitz Elfershausen durch das Pflege-Neuordnungsgesetz benachteiligt?
Konkret mit der Tariftreue. Für 2022 hatte man spätestens alle Unternehmen dazu verpflichtet, sich der Tariftreue zu verpflichten. Heißt: Man lehnt sich an einen Tarif an, ist Vollanwender eines Tarifs oder man zahlt nach tarifähnlichen Strukturen. Das war auch der richtige Weg, um die Pflege lohntechnisch attraktiver zu machen. Wir sehen es jetzt an den Ausbildungszahlen, dass sich deutlich mehr Menschen wieder für eine Ausbildung in der Pflege interessieren.
Aber?
Jetzt kommt der große Knall. Man will das wieder aushebeln, indem man die Tariftreue für vier Jahre aussetzen möchte.
Was erhofft sich die Regierung von dem Schritt?
Weil die Tarife steigen und die Personalkosten im Gesundheitswesen die höchsten Ausgaben sind, möchte man versuchen, Einsparungen vorzunehmen. Das geschieht aber auf Kosten derer, die das System noch hochhalten. Wir hatten beispielsweise im vergangenen Jahr die Tariferhöhung um 5,8 Prozent. Mit der neuen Gesetzesänderung würde das bedeuten, dass bei einer weiteren Gehaltsanpassung nach Tarif, folgendes Szenario eintreten würde: Man würde mit seinem Kostenträger verhandeln und zum Beispiel eine dreiprozentige Steigerung übermitteln. Weil der Kostenträger aber nicht mehr an die Tariftreue gebunden ist, kann er sagen, dass er nur 1,5 Prozent finanziert. Für die andere Hälfte müsste die Einrichtung selbst aufkommen.
Können sich das Einrichtungen wie der Landsitz leisten?
Nein. Wenn die Tariftreue ausgesetzt wird und die Einrichtungen mit diesen defizitären Refinanzierungen allein gelassen werden, führt das zu zahlreichen Schließungen und Insolvenzen der Einrichtungen. Wir werden ein Einrichtungssterben erleben, wie wir es lange nicht gesehen haben. Und das bedeutet für die Versorgung der Menschen weniger Einrichtungen, die zur Verfügung stehen werden, und Angehörige, die in ganz Deutschland untergebracht werden müssen. Der Nachteil: lange Fahrtwege für Angehörige oder auch Wartelisten.
Oder vermehrt Pflege zu Hause …
Genau. Oder eben zu Hause. Das macht mir große Sorgen, wohin das noch führen soll und wie Einrichtungen das finanzieren sollen. Wir haben das finanzielle Polster nicht.
Wo hätte man Ihrer Meinung nach stattdessen ansetzen müssen?
Die Entbürokratisierung in der Pflege, was schon seit Langem versprochen wurde. Man hätte auch mal überprüfen können, welche Dokumentationen und auch personelle Ressourcen notwendig sind und damit Geld kosten. Viele Pflegekräfte sitzen wegen der Dokumentation länger am PC und haben damit weniger Zeit für die Pflegebedürftigen.
Ein Gedankenspiel: Sie sind jetzt Gesundheitsminister. Was würden Sie umsetzen wollen? Welche Reformen wären notwendig, um das Gesundheitssystem wieder auf Vordermann zu bringen?
Meines Erachtens brauchen wir nicht 98 Krankenkassen mit Leistungen, die nahezu ähnlich sind. Diese Krankenkassen, die mit Top-Manager-Gehältern und mit einem großen Verwaltungsapparat ausgestattet sind, kosten uns Milliarden. Das würde ich knallhart reduzieren. Und ich würde sogar noch weitergehen. Ich würde es nicht auf zehn Krankenkassen reduzieren, sondern wie es andere Länder haben, auf eine gesetzliche Krankenkasse. Gerne noch mit drei, vier Privatanbietern für andere Leistungen. Da könnten wir massiv einsparen.
Und weiter?
Wir benötigen eine stärkere Kontrolle unseres Gesundheitssystems. Wie oft werden Operationen vorgenommen, die gar nicht medizinisch indiziert sind, weil Krankenhäuser unter massivem Kostendruck stehen? Man sieht das an den Quartalszahlen. Wenn diese nicht passen – gerade zum Ende des Jahres – werden Hüften ohne Ende eingebaut oder Wirbelsäulenoperationen vorgenommen, wie in einem großen Enthüllungsbericht in ARD und ZDF schon einmal zu sehen war. Das muss auf den Prüfstand gestellt werden. Wir müssen weg von der Gewinnoptimierung der Krankenhäuser. Das ist nicht der Auftrag eines Krankenhauses oder eines Gesundheitssystems.
Dann würde ich sogar noch weiter gehen. Ich finde, es braucht auch nicht eine so hohe Krankenhausdichte. Stattdessen benötigen wir auf dem Land mehr medizinische Versorgungszentren. Also Orte, wo man Ärzte unter einem Dach hat, die für eine ländliche Region eine Versorgung bieten können. Bei Krankenhäusern sollten wir mehr auf fachspezifische Einrichtungen setzen.
Stichwort Pharmabranche: Was könnte man da noch machen?
Ich halte es für sehr skurril, wenn man sich die hohen Medikamentenpreise in Deutschland anschaut. Natürlich muss man lange forschen und steckt viel Geld in ein Medikament, bevor es überhaupt auf den Markt kommt. Aber am Ende des Tages muss man sich auch fragen: Wofür dient die Pharmaindustrie? Um Aktionäre und Geschäftsführer reich zu machen oder um Menschen – und das sollte immer das primäre Ziel des Gesundheitswesens sein – gesund zu machen. Damit würden sie der Wirtschaft wieder schneller zur Verfügung stehen. Wenn mehr Menschen in der Wirtschaft arbeiten, ihr Gehalt bekommen, ihre Steuern zahlen und wieder investieren, hilft uns das weitaus mehr.
Also muss die Pharmabranche auch ihren Teil beisteuern?
Ja. Auch diese Branche muss beschnitten werden wie alle anderen. Jeder muss seinen Anteil leisten. Wenn Nina Warken behauptet, dass die Reform schmerzhaft für alle sei, ist das gelogen. Es ist schmerzhaft für gewisse Teile der Gesellschaft, aber bei weitem nicht für alle.
Wenn Sie Nina Warken ein Abschlusszeugnis geben würden, was wäre die Note?
Ausreichend. Manche Dinge waren auch gut, aber nicht zu Ende gedacht. Sie hat zu oft Schnellschüsse gezogen.
Was erhoffen Sie sich vom neuen Gesundheitsminister Carsten Linnemann, der keine Erfahrung in dem Ressort hat? Wie groß sind Ihre Sorgen, dass es noch schlimmer kommen könnte?
Die Sorge ist groß, denn er kennt sich im Gesundheitswesen nicht aus. Er hat selbst gesagt, dass er Zeit benötige, um sich einzuarbeiten. Wir haben aber diese Zeit nicht. Die Zeiten, in denen man sich an einem Projekt versucht, sind vorbei. Wir brauchen Menschen mit Know-how an diesen Stellen, mit einer Mindestqualifikation. Ich habe große Befürchtungen, dass man die Reformen durchwinken will, ohne dass man sich damit noch mal beschäftigt. Man muss an etlichen Stellen noch nachjustieren und ich sehe die Gefahr, dass zu viel Zeit verstreicht, bis er sich eingearbeitet hat. Er ist keine gute Personalie. Und ich denke, er tut sich damit selbst keinen Gefallen. Gerade im Hinblick auf sein Zitat des vergangenen Jahres: „Schuster, bleib bei deinen Leisten.“ Das fand ich damals sehr authentisch von ihm.
Zurück zum Landsitz: Es war immer die Rede davon, dass man ums Überleben kämpfe. Hat sich die Situation stabilisiert?
Wir hatten schwierige Verhandlungen. Allein im vergangenen Jahr war es knallhart. Das hat man dann zum ersten Mal auch gespürt, dass in den Verhandlungen Geld eingespart werden muss vonseiten der Kostenträger. Da wird zum Beispiel im Detail geschaut, welche Personalien wirklich notwendig sind. Die Verhandlungen haben sich ein halbes Jahr hingezogen, während wir alle Tarifsteigerungen schon weitergegeben haben. Es ist uns aber gelungen, eine Einigung zu erzielen. Für dieses Jahr ging es schneller und wir konnten mit einer Pauschale arbeiten. Es bleibt aber hart. Ich kann nur an die Politik appellieren, dass sie sich überlegt, ob diese Reform, wie sie jetzt geplant ist, der richtige Weg ist.
Manuel Matthias Langer (31) lebt mit seiner Familie in Zierenberg. Seit 2022 ist Langer Geschäftsführer und Einrichtungsleiter des Landsitzes Elfershausen. Zudem arbeitet der 31-Jährige beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) und engagiert sich bei der katholischen Kirche. In seiner Freizeit spielt er gerne Tennis.
Das ist das Pflegeneuordnungsgesetz
Das geplante Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) soll vereinfacht gesagt die Pflegeversicherung finanziell stabilisieren und zugleich die Versorgung neu ordnen. Gleichzeitig soll das Gesetz die steigenden Pflegekosten begrenzen. Teil des Gesetzes sind unter anderem eine Reduzierung der Rentenversicherungsbeiträge für Pflegepersonen und die Reduzierung des Entlastungsbetrags im Pflegegrad 1 um die Hälfte. Der Referentenentwurf des Bundesgesundheitsministeriums liegt seit Juni vor. Heftige Kritik gibt es zum Beispiel vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste und auch vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe. Diese fordern den Bund eindringlich zum Nachbessern auf. Weitere Informationen gibt es online beim Bundesgesundheitsministerium unter zu.hna.de/Pflegeneuordnung.