80. Geburtstag des Schriftstellers Gert Loschütz


Wenn zur Buchmessezeit ein runder Schriftstellergeburtstag ansteht, kann man dem Jubilar nur wünschen, dass gerade keine brandneue Publikation erschienen ist, denn sonst hat er nichts von seinem Ehrentag. Nun liegt die jüngste von Gert Loschütz schon vier Jahre zurück. Aber dieser Roman namens „Ballade vom Tag, der nicht vorüber ist“ hatte allemal das Zeug, nicht nur über den Tag, sondern eben auch über Jahre hinweg in Erinnerung zu bleiben. Zumal im Zwiegespräch mit dem 2021 erschienenen Vorgänger „Besichtigung eines Unglücks“.

In diesem Buch erzählt Loschütz von einem Eisenbahnunglück im Jahr 1939 in Genthin. Handlungszeit und Schauplatz lassen gleichermaßen aufhorchen: Es sind Kriegsbeginn und Geburtsort des Autors. Die „Ballade“ spielt auch dort, aber fast zwei Jahrzehnte später; es geht um einen Jungen, der vor der Flucht aus der DDR steht. In Loschütz’ umfangreichem Schaffen spielen Zeit- und eigene Lebensgeschichte jeweils wichtige Rollen. Da er 1946 in der Sowjetischen Besatzungszone geboren wurde und als Zehnjähriger mit seinen Eltern in die Bundesrepublik übersiedelte, hatte er einen im besten Sinne fremden Blick für die deutsche Gesellschaft entwickelt. Und zwar die beider deutschen Staaten. Und die der Vorvergangenheit gleich mit.

„Die ersten Jahre im Westen“, so liest man in seiner 1998 publizierten Selbstauskunft „Quer durch Mistbeet“, „wohnten wir in einer Abbruchstraße und ein Jahr davon im schäbigsten Schuppen dort, in dem es nach Moder stank und die Ratten herumliefen; es war eine üble Zeit, voller Scham wegen der Armut, in die wir geraten waren ...“. Aus dieser Erfahrung erwuchs auch der 2018 erschienene Roman „Ein schönes Paar“, in dem Loschütz einen schon zwanzig Jahre zuvor entwickelten Stoff wiederaufnahm und den in eine der subtilsten Liebesgeschichten der jüngeren deutschen Literatur verwandelte – orientiert am Schicksal der eigenen Eltern.

Ihn interessiert, was ihm entgegengesetzt wird

Bevor all diese späten Romane entstanden, war Loschütz stark fürs Theater, den Rundfunk und die Jugendbuchliteratur engagiert. Seiner eigenen als eingeengt empfundenen Jugend in der hessischen Kleinstadt Dillenburg, die in seinen Prosaverfremdungen als Tautenburg firmiert, war er durch Wegzug zum Studium nach Westberlin entkommen, ehe er in den Siebzigerjahren als prägende Figur am vielbeachteten Kollektivversuch der Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main teilnehmen sollte. Sein Debüt als Schriftsteller war da schon erschienen, ein von Suhrkamp 1971 verlegter, Poesie und Prosa mischender Band, dem Loschütz den dialektisch verstandenen Titel „Gegenstände“ gegeben hatte.

Denn ein Gegenstand setzt einem ja auch etwas entgegen. „Die Themen haben den Autor“, hat Loschütz einmal festgestellt, „so wie man ja auch sagen kann, daß eine Krankheit den Kranken in den Fängen hat.“ Er kommt nicht los davon, und das kann man am eigenen Werk des Schriftstellers mustergültig beobachten. Im vergangenen Jahr verlieh die Stadt Lübeck ihm dafür den Günter-Grass-Preis – womit sich ein weiterer schreibbiographischer Kreis rundete, denn Loschütz hatte 1968 eine Dokumentation über die Rezeption von Grass in der Literaturkritik zusammengestellt. Fertig mit seinen Themen wird er nicht, und das ist gut so. An diesem Freitag wird er achtzig. Abseits der Messe.