„Habe dieses Jahr aufgehört“: Erziehungsmethode bei Neunjährigen sorgt für Diskussionen


Stand: 10.09.2026, 18:22 Uhr

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Eine Mutter erzählt, wie sie ihren Sohn zu einem 25-Jährigen heranzieht, der sieht, was seine Partnerin alles stemmt. „Sollte ein Kind solch eine Last tragen?“

Frankfurt – „Jahrelang habe ich meinen Sohn gebeten, mir zu helfen. Dieses Jahr habe ich damit aufgehört“, schreibt die zweifache Mutter und studierte Kindesentwicklungsexpertin Katy Goodwin in einem Instagram-Beitrag. Stattdessen trage sie ihrem neunjährigen Sohn jetzt die „unsichtbare Arbeit“ auf. Sichtbare Aufgaben wie den Müll hinausbringen, Wäsche zusammenlegen oder den Hund füttern – all das sei einfach abzugeben. Ihr Sohn arbeite diese Aufgaben ab und beschwere sich auch manchmal. „Aber was ihn tatsächlich sehr verändert hat, ist die Liste mit unsichtbaren Aufgaben. Die mentale Arbeit. Die Planungsarbeit. Die Arbeit des Sich-Erinnerns“, schreibt Goodwin bei Instagram.

Portrait Junge neun Jahre alt

Eine Mutter bittet ihren neunjährigen Sohn nicht mehr darum, die Wäsche zusammenzulegen sondern trägt ihm Mental-Load-Aufgaben auf, wie zum Beispiel den Einkaufszettel zu schreiben. (Symbolbild) © Pond5 Images/IMAGO

Seit einigen Monaten lasse sie ihren Sohn vor dem Einkaufen die Einkaufsliste selbst schreiben. „Er geht durch die Küche. Öffnet die Speisekammer. Überprüft den Kühlschrank. Bemerkt, was zur Neige geht. Schreibt es auf. Es dauert bei ihm 20 Minuten. Bei mir fünf“, sagt sie. Was er dabei lerne, sei, dass der Einkauf selbst nur einen Bruchteil der Arbeit ausmache. Goodwin nennt noch weitere Mental-Load-Aufgaben, die sie ihrem Kind auferlegt: den eigenen Wochenplan samt Hobbys und Verabredungen im Blick behalten oder zu bemerken, wenn die Zahnpasta leer ist.

„Papa hatte einen harten Tag“: Erziehungsmethode bei einem Neunjährigem sorgt für Zwiespalt

Goodwin trägt ihrem Sohn auch auf, zu registrieren, wenn jemand in der Familie etwas braucht oder es einer Person nicht gut geht. „Er merkt: Papa hatte einen harten Tag. Mama ist müde. Sein jüngerer Cousin langweilt sich auf der Familienfeier“, sagt sie. „Was er lernt: Emotionales Einfühlungsvermögen gegenüber anderen Menschen ist Übungssache. Etwas, das Mama ständig und unsichtbar für die ganze Familie getan hat. Und was nun auch von ihm erwartet wird.“ Durch dieses frühe Auferlegen von mentaler Arbeit werde ihr Sohn nicht zu dem 25-Jährigen, der nicht sieht, was seine Partnerin alles stemmt, erklärt Goodwin. „Nicht, weil ich ihm Vorträge über Mental Load gehalten habe. Sondern weil ich ihn dazu gebracht habe, es selbst zu tun.“

Viele Menschen feiern die Mutter für ihre Erziehungsmethode und wollen sie bei ihren Söhnen auch anwenden. „Das kann auch für erwachsene Männer ein guter Leitfaden sein“, schreibt eine Person. Goodwins Beitrag hat am 3. September über 20.000 Likes und 7000 Kommentare gesammelt. Doch es gibt auch Kritik: „Das wirkt auf mich etwas übertrieben und zu streng. Ich mag deine Seite und halte Eigenverantwortung für wichtig, aber ein neunjähriges Kind sollte noch keine solche mentale Last tragen müssen – ich bin da etwas zwiegespalten“, schreibt eine Person.

Pädagogin: „Ein Neunjähriger kann noch nicht wie ein Erwachsener planungssicher handeln“

„Im Alter von neun Jahren ist es einem Kind in der Regel möglich, nicht nur konkrete Aufgaben zu übernehmen, sondern in bestimmtem Umfang auch zu planen und zu organisieren“, sagt die Diplom-Pädagogin und Autorin Susanne Mierau der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Aber: Die exekutiven Funktionen seien noch in der Entwicklung. „Das bedeutet, dass das Kind noch nicht wie ein Erwachsener vollständig planungssicher handeln kann. Es kann damit beginnen, benötigt aber recht wahrscheinlich noch Erinnerung und Begleitung“, sagt sie. Deswegen sei eine wichtige Frage in diesem Fall, wie viele Aufgaben das Kind insgesamt übernehmen soll und wie die Mutter damit umgehe, wenn ihr Sohn Dinge vergesse. „Sind die Erwartungen so hoch, dass das Kind geschimpft oder beschämt wird, oder wird es wohlwollend begleitet?“

„Der Grundgedanke, Jungen heute anders zu erziehen als in vergangenen Generationen, damit sie selbstverständlich Carearbeit in ihren Facetten lernen, gerade auch die unsichtbaren Anteile, ist nachvollziehbar und richtig“, sagt Mierau. Dies werde auch in ihrem neuen Buch „Genug erklärt! Warum Mütter nicht für die Erziehung von Vätern verantwortlich sind“, das im Oktober erscheint, thematisiert. Wichtig ist Mierau eine Unterscheidung in Hinblick auf einfache Organisationsaufgaben und emotionalen Aufgaben. Zu registrieren, wenn es jemandem in der Familie nicht gut gehe, sei „nicht gleichzusetzen mit Zahnpastaorganisation“. Kindern Perspektivübernahme und Einfühlungsvermögen beizubringen sei richtig. „Ein Kind kann sich auch in der Familie emotional einbringen, aber die Verantwortung für das emotionale Klima liegt bei den Erwachsenen.“

Mental Load: „Das Kind benötigt Worte dafür, um Verantwortung zu verstehen“

Gut findet Mierau, wenn in der gesamten Familie darüber gesprochen wird, wie es allen gehe. Dabei könne auch benannt werden, woran man erkennt, wenn jemand schlecht gelaunt sei. „Gespräche über die Figuren in Kinderfilmen und Büchern können hilfreich sein, um über die Gefühle anderer zu sprechen.“ Über Mental- und Emotional-Load kindgerecht zu sprechen, sei nicht verkehrt, findet Mierau. „Das Kind soll nicht nur spüren, wie es ist, Verantwortung zu übernehmen, sondern benötigt auch Worte dafür, um es zu verstehen.“ Das sollten keine Vorträge sein, aber Gespräche darüber, dass hinter einer Aufgabe, die man erledigt, oft auch viel Organisation und weitere Aufgaben stehen, seien hilfreich.

Außerdem findet sie noch einen anderen Punkt wichtig: Sollte es im Fall von Goodwin einen mit der Familie oder auch getrennt lebenden Vater geben, so trage dieser selbstverständlich auch eine Vorbildfunktion. „Es sollte nicht allein Aufgabe der Mutter sein, ihren Sohn für die nächste Generation feministisch zu erziehen. Hilfreicher und sinnvoller ist es, wenn der Vater bereits die Übernahme von Mental- und Emotional-Load selbstverständlich vorlebt“, sagt Mierau der Frankfurter Rundschau. (Quellen: eigene Recherche, Instagram)