Warum Japan im Pisa-Ranking dominiert – und was wir lernen können


Spitze unter OECD-Ländern Eine Frage der Disziplin? Warum Japan die Pisa-Studie dominiert

Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften: Unter den OECD-Ländern belegt Japan den ersten Platz – in sämtlichen Kategorien.

Neu ist die Erkenntnis nicht. Im aktuellen Pisa-Ranking wird sie aber weiter untermauert: Denn dort schwingen ostasiatische Länder erneut obenaus. So sind China, Singapur, Japan und Südkorea führend, wenn es um die naturwissenschaftlichen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler geht.

Im Vergleich mit den 38-OECD-Staaten belegt Japan sogar in allen Bereichen den Spitzenplatz. Die Schweiz steht zwar im internationalen Vergleich gut da, kämpft aber mit rückläufigen Leistungen im Lesen und Rechnen.

Aber was genau macht Japan anders? Der Journalist Martin Fritz lebt seit vielen Jahren in Tokio. Das dortige Schulsystem erlebt er als sehr geordnet und lehrerzentriert: «Sprich, es gibt sehr viel Frontalunterricht. Das erleben auch meine Kinder so.»

Mehr Disziplin, weniger Ablenkung

Generell sei die Stimmung im Klassenzimmer sehr diszipliniert und ruhig. So beklagen in der Pisa-Studie nur sieben Prozent der japanischen Kinder Lärm oder Unordnung während des Unterrichts. In den anderen OECD-Ländern liegt dieser Wert weit höher. Auch Schulschwänzen ist in Japan weit weniger verbreitet, Mobbing kommt ebenfalls seltener vor.

All das wirkt sich laut der OECD positiv auf das Lernklima aus. In japanischen Medien wird ein weiterer Grund genannt, warum die dortigen Teenager womöglich besser abschneiden: Sie verbringen weniger Zeit auf sozialen Netzwerken als ihre Altersgenossen in westlichen Ländern.

Nahaufnahme von zwei Personen in Jacken, die Smartphones halten.
Legende:

Pro Tag verbringen die japanischen 15-Jährigen eine halbe Stunde weniger auf Instagram und Co. Offenbar begünstigt weniger digitale Ablenkung das bildungsmässige Leistungsvermögen.

Getty Images/Tomohiro Ohsumi

Und: Sie setzen im Vergleich mit den westlichen OECD-Ländern weniger KI-Chatbots ein, um Schulaufgaben zu lösen. Fritz sagt es so: «Japanische 15-Jährige lesen, rechnen und schreiben vermehrt noch selber.»

Allerdings zeigt sich seit der Erhebung von 2022 auch in Japan der gleiche Trend wie in Europa: Die Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler sinken – so etwa bei der Lesekompetenz.

«Jedoch blieben die Werte in der Mathematik und den Naturwissenschaften relativ stabil», sagt Fritz. «Japans Spitzenplatz ergibt sich also auch daraus, dass andere Industrieländer stärker verloren haben.»

Weniger «neugierig», dafür zielstrebig

Während die japanische Regierung die Stärken des eigenen Bildungssystems hervorhebt, reagieren andere kritischer. So monieren manche Medien, dass Eigeninitiative und Neugier bei der nachrückenden Generation nachgelassen hätten.

Ein Befund, den die Pisa-Studie stützt: Japanische Jugendliche bezeichnen sich selbst als weniger neugierig als im OECD-Durchschnitt. «Die eigene Lernmotivation scheint in Japan weniger ausgeprägt zu sein», schliesst Fritz. «Aber man akzeptiert die Notwendigkeit, für die Schule zu lernen.»

Drei Schüler in Schuluniformen sitzen an einem Tisch im Klassenzimmer.
Legende:

Dagegen halten nur sechs Prozent die Schule für Zeitverschwendung – im Schnitt der OECD-Länder sind es deutlich mehr.

Getty Images/Anadolu/David Mareuil (Symbolbild)

Oft wird auch angeführt, dass der Druck auf japanische Schülerinnen und Schüler weitaus höher sei als in Europa. So würden viele Eltern darauf hinarbeiten, dass es ihr Kind an eine Universität schafft – und dafür viel Geld aufwenden.

An Privatschulen werden die Jugendlichen gezielt für die Aufnahme an der Universität fit gemacht – ein Vorteil gegenüber ihren Altersgenossen, die öffentliche Schulen besuchen. Fritz relativiert allerdings: «In Südkorea ist der Lerndruck beispielsweise noch einmal deutlich höher als in Japan.»