„Befürchten wir Gewalt? Ja“: Frankreich drohen Massenproteste – Zehntausende gehen auf die Straßen


„Haben die Schnauze voll“: Frankreich drohen Massenproteste – Premier befürchtet neue Gewalt

Stand: 17.10.2026, 13:57 Uhr

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Schulproteste in Frankreich

Zu landesweiten Protesten am Samstag in Frankreich werden zehntausende Teilnehmer erwartet (Archivbild) © Lou Benoist/AFP/dpa

In Frankreich formiert sich massiver Widerstand: Schüler, Studierende und Gelbwesten demonstrieren gegen Teuerung, Sparpolitik und umstrittene Polizeieinsätze.

Paris – Update, 13:55 Uhr: Beim frankreichweiten Protesttag gegen hohe Lebenshaltungskosten ist es zu ersten Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. In Paris, Lyon und Straßburg ging die Polizei mit Tränengas und Schlagstöcken gegen Protestierende vor, wie das Innenministerium in Paris mitteilte.

In Marseille versuchten Demonstranten demnach, in eine Polizeiwache einzudringen, und plünderten Geschäfte. Rund 100 Menschen wurden nach Angaben der Pariser Polizeipräfektur festgenommen, weil sie Waffen und andere verbotene Gegenstände dabeihatten. Präsident Emmanuel Macron hatte die Menschen am Vorabend ermahnt, friedlich zu protestieren. 

Das Innenministerium verzeichnete am Mittag landesweit 140 Protestaktionen mit 32.800 Beteiligten. Landesweit seien bislang 166 Menschen festgenommen worden. Am frühen Nachmittag waren in Paris und vielen anderen Städten Demonstrationszüge geplant. Frankreichweit wurde mit bis zu 170.000 Protestierenden gerechnet, davon zwischen 30.000 und 60.000 allein in Paris.

Erstmeldung: In Frankreich brodeln seit Tagen landesweite Proteste gegen hohe Lebenshaltungskosten, auch am Wochenende werden weitere Demonstrationen erwartet. Die Behörden befürchten Blockaden, Ausschreitungen und Gewalt und haben ein hartes Durchgreifen der Polizei angekündigt. Erste Aktionen haben bereits begonnen. In Rennes hätten Demonstranten am frühen Morgen Blockaden aus Mülltonnen und Paletten um ein Einkaufszentrum errichtet, berichtet die Nachrichtenagentur AFP.

Anders als sonst kamen die Aufrufe nicht von den großen Gewerkschaften, sondern aus den sozialen Medien. Das Motto lautet „On en a marre!“ (Wir haben die Schnauze voll!). Schüler, Studenten und Gelbwesten wollen gemeinsam auf die Straße gehen. „Befürchten wir Gewalt? Ja“, sagt Premierminister Sébastien Lecornu laut Welt.

Frankreich im Ausnahmezustand: Schülerproteste und Sparhaushalt als Auslöser

Ausgangspunkt der jüngsten Welle sind Schülerproteste. Nach Angaben des Guardian befindet sich Frankreich in der vierten Woche der größten Jugendprotestbewegung seit Jahrzehnten, Hunderte Gymnasien wurden blockiert. Die Schüler fordern Ersatz für fehlende Lehrkräfte und die Sanierung maroder Gebäude. Hinzu kommen teure Energie, Lebensmittel und Benzin, niedrige Gehälter sowie Probleme der Landwirtschaft nach einem Dürresommer. Laut Welt begannen die Schülerproteste zeitgleich mit der Veröffentlichung der Haushaltssparpläne. Im Parlament haben inzwischen die Beratungen über einen Sparhaushalt begonnen.

Die Regierung hat für Menschen mit geringem Einkommen Tankhilfen und Zuschüsse zur Energierechnung gezahlt oder zugesichert. Landwirte sollen Hilfen erhalten, und für Schüler, die über Unterrichtsausfall klagen, wurden 3.000 Vertretungskräfte organisiert. Präsident Emmanuel Macron betonte, der Krieg im Nahen Osten und andere Konflikte lägen nicht in der Hand Frankreichs. Lecornu sagte, viele Probleme der Menschen seien nicht hausgemacht. Die Regierung könne nicht – wie früher oft geschehen – auf jede Krise mit Milliardenhilfen reagieren, denn Frankreich ist hoch verschuldet.

Proteste in Frankreich: Schwere Vorwürfe wegen Polizeigewalt gegen Minderjährige

Im Mittelpunkt der Kritik steht der Polizeieinsatz gegen Minderjährige. Innenminister Laurent Nuñez sagte im Senat, die Polizei habe interne Ermittlungen zu 36 Vorwürfen von Gewalt gegen Demonstranten eröffnet. Darunter seien vier Kinder, die durch Explosivwaffen „verstümmelt“ worden sein sollen. Ein 15-jähriger Jugendlicher verlor am 5. Oktober in Lens bei der Explosion einer Blendgranate die linke Hand. Sein Anwalt sagte: „Seine Verletzungen ähneln Kriegsverletzungen.“ Die Staatsanwaltschaft Béthune geht davon aus, die Granate sei vom Boden aufgehoben worden, was der Anwalt zurückweist. Nuñez bestreitet exzessive Polizeigewalt, setzte den Einsatz von Blendgranaten bei Schuldemonstrationen aber aus.

Historischer Vergleich: Gelbwesten-Proteste in Frankreich

Die Bewegung der Gilets Jaunes entstand im November 2018. Auslöser war eine geplante Ökosteuer auf Benzin und Diesel. Die im Auto vorgeschriebene gelbe Warnweste wurde zum Symbol des Protests, Straßenkreisel im ganzen Land wurden wochenlang besetzt. Getragen wurde die Bewegung vor allem von der arbeitenden Bevölkerung aus ländlichen Regionen und Vorstädten, die für den Arbeitsweg zwingend aufs Auto angewiesen ist und unter sinkender Kaufkraft litt.

Aus dem Ärger über die Spritpreise entwickelte sich rasch ein Generalprotest gegen die Politik: Gefordert wurden höhere Mindestlöhne, Steuersenkungen, die Wiedereinführung der Vermögenssteuer und mehr direkte Demokratie durch Bürgerentscheide (RIC). Die Samstagsdemonstrationen führten vorwiegend in Paris zu schweren Ausschreitungen und harten Polizeieinsätzen. Die Regierung lenkte schließlich ein: Die Treibstoffsteuer wurde gestrichen, ein Milliarden-Entlastungspaket geschnürt und eine landesweite Bürgerdebatte initiiert.

Auch die Zahl der Festnahmen wirft Fragen auf. Seit Mitte September nahm die Polizei laut Justizministerium 6773 Minderjährige in Gewahrsam. Gegen mehr als 1000 von ihnen wurde keine Anklage erhoben, 2190 müssen mit rechtlichen Schritten rechnen, knapp 2000 erhielten eine Alternative wie einen Staatsbürgerkurs. Nathalie Tehio, Präsidentin der französischen Menschenrechtsliga, sagte laut Guardian: „Es gibt eine Rekordzahl an Festnahmen … Oft sind die Rechtsakten leer. In Wirklichkeit geht es eher darum, Menschen vom Demonstrieren abzuhalten.“ Die Magistratin Audrey Bailleul sagte, es sei schwer, sich derzeit ein klares Bild zu machen. Die beiden Ministerien äußerten sich zu den Vorwürfen nicht.

Proteste in Frankreich: Politische Zerreißprobe vor den Präsidentschaftswahlen

Sieben Monate vor der Präsidentschaftswahl versuchen die Parteien, die Proteste für sich zu nutzen. Politikerinnen und Politiker des linken Lagers unterstützen die Demonstranten und kündigten ihre Teilnahme an. Die Rechtsnationalen um Marine Le Pen stören sich an der Kritik an der Polizei und werfen La France Insoumise vor, die Proteste anzufachen.

Laut Welt wollen 40 Prozent der Wahlberechtigten unter 24 Jahren für Jean-Luc Mélenchon stimmen. Die Mitte-Regierung hat im Parlament keine eigene Mehrheit. Der Meinungsforscher Jérôme Fourquet sagte: „In Frankreich herrscht eine Art Endzeitstimmung, die Leute sehen, dass überall Investitionen überfällig, aber die Kassen leer sind. Sie fühlen sich abgehängt.“ Ob sich eine neue Gelbwestenbewegung formiert, ist offen. (Quellen: dpa, AFP, Guardian, Welt) (fbu)