Hallo, was lesen Sie, Erdem Tunakan?
Album-Kolumne
Hallo, was lesen Sie, Erdem Tunakan?
Erdem Tunakan, 59, ist DJ, Musiker und Produzent
Kolumne
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Manfred Rebhandl
Er war Mod, als er im Wien der 1980er-Jahre aufwuchs. "Die Szene war groß. Wenn wir ins U4 gingen, musste man sich mit der Vespa einen Parkplatz suchen." Wer auf sich hielt, flog übers Weekend nach London, wo es in den 80ies genau so war, wie ein junger Wiener es haben wollte. This kid was alright.
1985 begann er im legendären Atrium Club am Schwarzenberg aufzulegen. Die Platten waren damals in den Clubs selbst vorrätig, die DJs öffneten mit einem Schlüssel das Kasterl und griffen darauf zurück. Als er bei Dum Dum Records landete, hat er das System selbst bedient: "Wenn Clubmaterial reinkam, wurden die Importe auf die Fächer der Clubs verteilt." Für Bücher gab es so ein System nicht, darum musste er zum Morawa, um sich dort mit Sci-Fi-Material zu versorgen. "Asimov und so. Da gab es in den 1950er-Jahren einige, die eine sehr gute Vision von unserer Gegenwart entwarfen." Vor allem Ray Bradbury, den er wie keinen anderen verehrt, und der Fahrenheit 451 geschrieben hat, das er wie kein anderes Buch schätzt. "Wenn man es liest, erkennt man mehr oder weniger das heutige Amerika. Da werden auch wieder Bücher verbrannt."
Als Teenager dachte er: "Das haben die Nazis gemacht, das wäre heute unvorstellbar!" Sein Vater, "ein Freimaurer", hat ihn, was Geschichte anging, früh vorangetrieben. "Und wir waren mit der Schule in Mauthausen." Auch Message Control wäre Thema des Buches, man erkenne verblüffende Parallelen zu heute. Fireman Guy Montag fällt irgendwann auf, dass in den Medien kaum über den Krieg berichtet wird, in den sein Land gerade verwickelt ist. Das dürfte den Russen bekannt vorkommen.
Er selbst kann Ungerechtigkeit und Unterdrückung nicht ertragen, "da bring ich mich immer wieder selbst in gefährliche Situationen". Während der Gezi-Park-Proteste in Istanbul pöbelte er Cops an, "was eine schlechte Idee war. Nur weil ich Ausländer war, haben sie mir nicht die Fresse eingeschlagen." Istanbul liebt er trotzdem. Die Stadtwohnung, die sie haben, und das Häuschen auf der Prinzeninsel Burgaz, wo er stundenlang aufs Meer schauen kann. Oder lesen. (Manfred Rebhandl, 12.9.2026)
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