Heimische Städte wachsen bald nicht mehr


Simulation

Laut einer exklusiven Simulation des Complexity Science Hub (CSH) für ORF Wissen werden die fünf größten heimischen Städte nur noch wenige Jahre wachsen. Spätestens ab Mitte des Jahrhunderts werde die Bevölkerung in den Städten zurückgehen. Hauptgrund ist die schwache Geburtenrate.

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Für ihre Simulationen verglich das Team des Wiener CSH und der ETH Zürich städtische Bevölkerungsentwicklungen weltweit. Mithilfe von Satellitenbildern, Bevölkerungsentwicklungen sowie Annahmen über Migrationsströme entwarfen sie daraus Wachstumsprognosen für Städte weltweit, die vor kurzem als Studie veröffentlicht wurden.

Das Ergebnis: Bis zum Jahr 2100 dürften der Simulation zufolge deutlich weniger Menschen in Großstädten leben als in den meisten bisherigen Prognosen angenommen wird. „Andere Studien unterschätzen, dass große Städte in den frühen Entwicklungsphasen eines Landes schneller wachsen, später aber langsamer“, erklärt Erstautor Andrea Musso im ORF-Wissen-Interview.

Abgebildet in Zahlen ergibt Mussos Berechnung, dass im Jahr 2100 rund 38 Prozent der Weltbevölkerung in Großstädten über eine Million Einwohnerinnen und Einwohnern leben werden, vier Prozent bzw. 500 Millionen Menschen weniger als in herkömmlichen Modellen. Aktuell leben rund 24 Prozent der Weltbevölkerung in Großstädten mit über einer Million Einwohner.

Großsstädte wachsen weltweit langsamer

Man dürfe nicht erwarten, dass sich aktuelle Wachstumsraten in der Zukunft weiter fortsetzen werden, erklärt Musso. Städte in urbanisierten, wohlhabenden Ländern würden künftig deutlich langsamer wachsen. Je stärker ein Land bereits urbanisiert sei, desto langsamer würden seine Städte wachsen.

Dieser Trend zeigt sich auch in von Musso exklusiv für ORF Wissen angefertigten Bevölkerungssimulationen österreichischer Städte. Berücksichtigt wurde dabei die tatsächliche Größe des Einzugsgebiets der Städte, nicht die politische Verwaltungsgrenze. Die Metropolregion von Wien, Österreichs einziger Großstadt, reicht in dieser Simulation bis Bratislava.

2100: Wien nur noch 1,8 Mio. Einwohner

Während die gesamte Metropolregion von Wien heute 3,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner hat, wird sie im Laufe der 2030er Jahre auf 3,7 Millionen Menschen anwachsen, erklärt Musso, und danach sukzessive abnehmen. Für das Jahr 2100 rechnet Musso nur noch mit 3,3 Millionen Menschen in der Metropolregion Wien. Innerhalb der Stadtgrenze würden dann statt aktuell 2,04 Millionen (2026) nur noch 1,8 Millionen Menschen leben.

Wien entspreche mit dieser Prognose dem typischen Muster von Städten in hochentwickelten, urbanisierten Gesellschaften, sagt Musso. Zunächst könnten die Großstädte noch mit besseren Jobchancen Bevölkerung vom Land anziehen, mit steigender Urbanisierung werde der Effekt allerdings immer kleiner. Einerseits weil weniger Landbevölkerung übrig ist, andererseits weil sich die Lebensbedingungen in den Städten tendenziell mit zunehmender Größe verschlechtern.

„Die Lebenserhaltungskosten werden höher, die Mieten steigen und man muss weitere Strecken pendeln“, führt Musso aus, „diese Faktoren führen dazu, dass Groß- und Kleinstädte ähnlich attraktiv zum Leben werden.“

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Graz wächst bis 2045

Umgelegt auf Österreich sieht Musso Anzeichen für diese Entwicklung etwa in Graz, der am stärksten wachsenden Stadt Österreichs „Das suggeriert, dass Menschen vielleicht Graz gegenüber Wien präferieren, weil dort die Wohnungspreise geringer sind und die Fahrwege kürzer. Vielleicht sind die Löhne etwas niedriger, aber im Gesamtbild lebt es sich damit für einige besser“, sagt Musso.

Seiner Simulation zufolge wächst Graz deshalb noch etwas länger als Wien und wird seinen Peak erst zwischen 2045 und 2050 erreichen. Dann allerdings schrumpft auch Graz.

Geburtenrückgang als Haupttreiber

Ein nachhaltiges Wachstum sieht Musso allerdings für keine der österreichischen Städte, denn die Geburtenrate ist österreichweit wie in vielen wohlhabenden Ländern niedrig. Werden nicht mehr Menschen geboren, sinkt die Zahl der Menschen auch in den Städten.

Eine Trendumkehr könnten lediglich größere Migrationsbewegungen schaffen, wie sie zuletzt der Krieg in der Ukraine ausgelöst hatte. Durch den Zuzug von Vertriebenen knackte Wien etwa die symbolische Zwei-Millionen-Marke. Migrationsbewegungen, für die es aus der Vergangenheit Anzeichen gibt, wären bereits in der Simulation einberechnet, plötzliche Migrationsmomente wie der Krieg in der Ukraine könne man jedoch nicht vorhersehen.

„Wenn die reichen Staaten ihre Migrationspolitik nicht von Grund auf verändern, werden die Bevölkerungen dieser Länder nicht besonders groß werden, weil Migration zuerst einmal den Geburtenrückgang wettmachen muss“, sagt Musso.

Musso: „Keine massive Infrastruktur mehr bauen“

Ähnlich sehen die Wachstumsprognosen deshalb auch für Innsbruck, Salzburg und Linz aus. Innsbruck hat aufgrund der Einkesselung in den Alpen sein Ausbreitungsmaximum bereits erreicht, sagt Musso, ähnlich wie Salzburg. Linz dürfte seinen Bevölkerungsstand einige Jahre halten bevor ein moderater Rückgang bevorsteht.

„Stadtplaner sollten nicht zu optimistisch auf Wachstum setzen und massive Infrastruktur planen, die man später nicht mehr rechtfertigen könnte“, rät er, „stattdessen sollte man sich mehr darauf konzentrieren, die bestehenden Räume qualitativ zu verbessern.“ Denn schon in wenigen Jahren, werde man viele leere Wohnungen in den Städten sehen.