Hermann Hesse neu gelesen: Klutes Buch räumt mit dem Jugendautor-Klischee auf


Stand: 06.10.2026, 14:13 Uhr

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Hermann Hesse, ca. 1946.

Hermann Hesse, der Künstler in späteren Jahren. © IMAGO/Pressens Bild/TT

Hilmar Klute zeigt auf 200 Seiten, dass Hermann Hesse kein Autor nur für Jugendliche ist. Seine Widersprüche sind für Klute nicht Schwäche, sondern das Zentrum des Werks.

Ist Hermann Hesse etwa der Dichter der Stunde? Selten hat uns eine Zeit so sehr gedrängt, das Altbekannte und Geliebte aufzugeben wie die heutige. Verunsichert blicken wir auf die Kräfte, die uns fortzutreiben scheinen. Gibt es da jemanden, der uns Trost spenden könnte? Wie heißt es in seinem Gedicht „Stufen“: „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, / An keinem wie an einer Heimat hängen.“ Mit einer gewissen Leichtigkeit können wir das Neue annehmen, wenn wir unsere bisherigen Stationen nicht zu sehr verabsolutiert haben. Denn Hesses Gedicht lehrt bekanntlich auch: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“

Hermann Hesse, der Künstler in jüngeren Jahren.

Hermann Hesse, der Künstler in jüngeren Jahren. © imago stock&people via www.imago-images.de

Das Festhalten unterliegt ohnedies einer Illusion, findet Hilmar Klute. „Alles ist ständig in Bewegung, alles befindet sich in einem immerwährenden Aufbruch“, schreibt er in seinem Buch über Hermann Hesse, den er in der Tat für den Dichter des Aufbruchs hält. Klute lernte Hesse wie so viele andere in seiner Jugend kennen. In einer Zeit der Verzweiflung. Die Schule natürlich, sie nagte auch an dem heutigen Autor der „Süddeutschen Zeitung“. Er sei ein schlechter Schüler gewesen, erzählt er in seinem Hesse-Buch. Und obwohl er nicht einmal ein Leser der anspruchsvolleren Literatur für junge Menschen gewesen sei, etwa der Werke Erich Kästners, waren es die Romane von Hesse, die ihn aus seinem von Trübsinn geprägten Schlummer erwachen ließen.

Das Buch

Hilmar Klute: Hermann Hesse oder Der Aufbruch ins Leben. C. H. Beck. 222 S., 25 Euro.

Sein Buch über den Schriftsteller trägt den Titel „Hermann Hesse oder Der Aufbruch im Leben“. Hesse ist ein Erwecker vieler junger Menschen gewesen. Das weiß man. Aber ist er auch ein Schriftsteller für die, die bereits ein wenig mehr in die Jahre gekommen sind? Das Urteil lautete lange: nein. Klutes Buch ist auf mehr als 200 Seiten eine Art Widerlegung dieser Ansicht. Hesse ist nicht nur ein Autor für die junge Generation. Er ist ein Dichter für uns alle, für all die unterschiedlichen Phasen in unserem Leben, die Krisen und die anderen Zeiten. Er ist es, weil er uns das Leben in einer besonderen Unmittelbarkeit lehrt.

Er zeigt uns, das demonstriert Klute auf sehr einfühlsame Weise, dass wir die Welt durch Bücher, durch Literatur besser verstehen können. Dass wir die anderen immer auch als Teil von uns selbst verstehen sollten.

Hesse selbst hat zahlreiche Bücher geschrieben, Romane, Erzählungen, Gedichte und zahlreiche Prosaschriften. Und es sind viele Bücher über ihn geschrieben worden. Aber wohl keines davon ist so sehr von unmittelbarer Nähe getragen wie das von Hilmar Klute. Er beschreibt, wie ihn die Werke Hesses auf seinen Lebenswegen begleitet haben, wie sie ihn veränderten und ihm halfen, Krisen zu überstehen und sich selbst vielleicht ein wenig besser zu verstehen.

Aber das Buch streift nicht nur die persönliche Beziehung des Autors zu Hesse. Es stellt den Lesern auch einen Hermann Hesse vor, der plötzlich wieder viel lebendiger erscheint, dessen Werke dringlicher wirken.

Hesse war ein Mensch, der selbst Raum um Raum durchschritt, ohne dass ihm einer dauerhaft zur Heimat wurde. Das war sein Lebensweg. Ob alle damit glücklich werden, diesen Weg zu gehen, sei dahingestellt. Aber er lehrt die Menschen etwas. Gibt ihnen Mut. Klute gesteht, dass in vielen seiner Lebensanfänge kein Zauber erkennbar gewesen sei. Aber es geht um das Aufmuntern und das Aufrichten, gerade dann, wenn etwas herzlich schiefgegangen ist. Wohlan denn, Herz gesunde!, ist das, was Hesse seinen Leserinnen und Lesern mitgibt.

Hermann Hesse bei seiner Lieblingstätigkeit im Garten.

Hermann Hesse bei seiner Lieblingstätigkeit im Garten. © IMAGO/United Archives / SvenSimonArk

Der Mensch soll sein eigenes Leben führen

Klute erinnert an Hesses Lebensstationen. An das Unglück, das er in der Schule erlitt, obwohl er doch eigentlich „ein Genie“ gewesen sei. Das Unglück hatte auch Klute in der Schule ereilt, ein anderes als das von Hesse, doch niemand habe ihn so gut abgeholt in seiner Situation wie dieser. Wobei abgeholt das falsche Wort ist. Hesse trifft etwas in seinen Lesern. Er versteht sie. Und nicht nur die Jugendlichen oder die Kinder, deren Ängste und Unsicherheiten Hesse immer wieder thematisierte. Es sind auch die Alten, die in besondere Lebenssituationen gekommen sind, die in den Werken eine Rolle spielen.

Hesse, der von sich sagte, dass er nur äußerst schlecht Geschichten erfinden könne, ließ seine Erfahrungen zu Literatur werden. Das ist vielleicht der entscheidende Punkt, durch den er das Leben der Anderen treffen kann. Hesse ist nicht der Autor einer Lehre vom richtigen Leben, sondern der Autor der Möglichkeit, anders zu leben. Deshalb sind seine Widersprüche für Klute keine Schwächen, sondern das Zentrum seines Werks.

Hesses Literatur schreibt nicht vor, wie man leben soll. Vielmehr fordert sie den Einzelnen auf, seinen eigenen Weg zu finden. Genau deshalb können bei Hesse Askese und Hedonismus, Kloster und Tanzsaal, Sexualität und Spiritualität gleichzeitig zu möglichen Lebensformen werden. Der Mensch soll nicht Hesse nachahmen, sondern lernen, sein eigenes Leben zu führen.

Auch das eigene Leben kann immer wieder neu erzählt werden. Klute macht daraus eine besonders schöne Grundidee Hesses: Biografie ist kein unveränderliches Schicksal. Hesse schreibt immer neue „Lebensläufe“, verschiebt Zeiten und Identitäten und erfindet Versionen seiner selbst. Schreiben bedeutet, der vermeintlichen Zwangsläufigkeit von Herkunft und Lebensgeschichte zu entkommen.

Er glaubt an keine politischen Heilslehren

Klute erinnert daran, dass Hesse aus einer Missionarsfamilie stammte. Sein „Siddhartha“ ist bereits von einer tiefen, ihm seit Kindertagen durch sein Elternhaus vermittelten Kenntnis Indiens und seiner Religionen geprägt. Der Roman erzählt vom Weg eines jungen Brahmanensohnes, der auf seiner Suche auch dem Buddha Gautama begegnet, dessen Lehre aber nicht einfach übernimmt. Hesse war ein Schriftsteller, für den das Wort auch eine Konsequenz haben musste, so Klute. Mehr noch geht es um den „Steppenwolf“, für den Hesse vor allem den Literatur-Nobelpreis erhielt, in dem ein gewisser Harry Haller Mensch und Wolf zugleich ist. In der Figur stecke viel Hesse, so Klute.

Da Hesse schon lange in die Schweiz gezogen war, bevor die Nationalsozialisten in Deutschland ihre Diktatur errichteten, wurde er zu einem Anlaufpunkt für viele Schriftsteller und Intellektuelle in Not. Hesse versuchte zu helfen, konnte es aber nicht immer. Er musste erleben, wie viele Menschen, die er gekannt hatte oder die seiner Frau Ninon nahestanden, von den Nazis ermordet wurden.

Immer wieder erinnerte er die Deutschen daran, dass sie nicht behaupten könnten, von allem nichts gewusst zu haben. Hitlers mörderische Absichten, schrieb Hesse nach dem Krieg, seien spätestens seit dessen Putschversuch von 1923 erkennbar gewesen.

Sein politischer Widerstand entspringt keiner Ideologie, sondern seinem radikalen Individualismus und Humanismus. Hesse glaubt nicht an Parteien oder politische Heilslehren. Sein Ausgangspunkt ist vielmehr der einzelne Mensch, seine Würde und seine Verantwortung. Deshalb verbindet sich bei ihm Hoffnung stets mit Skepsis.

Hesse war ein Gegner Hitlers, er verweigerte Anpassungen seiner Texte an antisemitische Vorgaben und misstraute nach 1945 der schnellen moralischen Selbstentlastung der Deutschen. Auch das Bild des weltabgewandten Hesse ist falsch, belehrt uns Klute. Hesse will zwar mit dem politischen Betrieb wenig zu tun haben, mischt sich aber in entscheidenden historischen Situationen ein. Im Ersten Weltkrieg steht er mit Stefan Zweig und Romain Rolland gegen Nationalismus und Kriegsbegeisterung. Im Alter kritisiert er die personellen Kontinuitäten ehemaliger Nazis in der Bundesrepublik. Sein Individualismus ist daher keine politische Gleichgültigkeit, so Klute.

Sein Buch ist keine klassische Hesse-Biografie, sondern ein sehr persönlicher Versuch, Hesse als Schriftsteller neu lesbar zu machen – gegen das Klischee vom esoterischen Jugendautor, aber auch ohne ihn zum unangreifbaren Klassiker zu erklären. Klute schreibt aus der Perspektive eines Lesers, den Hesses Bücher seit der Jugend und durch sein ganzes Leben begleiten. Es ist das vielleicht schönste Buch dieses Literatur-Herbstes.

Seine Hesse-Lektüre läuft auf eine einfache Formel hinaus: Finde deinen eigenen Weg, finde die Bücher, die zu dir passen, bilde dir ein eigenes Urteil und lerne, mit Zweifel, Hoffnung und Widerspruch zu leben. Hesse führt den Leser also nicht aus der Welt heraus, sondern über den Umweg der Selbstprüfung wieder direkt in sie hinein. Darin liegt seine erstaunliche Aktualität. Und deshalb endet Hilmar Klute konsequent mit einer Aufforderung: lesen, zweifeln, leben – und wieder lesen.