Jeff Bezos als Investor bei Liverpool: Die neue Ungewissheit an der Anfield Road
Premier League
Jeff Bezos als Investor bei Liverpool: Die neue Ungewissheit an der Anfield Road
Ein Konsortium steigt beim FC Liverpool ein – und könnte bald zur Gänze das Sagen haben. Sportlich sehnen sich die Reds nach Wiedergutmachung
Analyse
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Lukas Zahrer
Für einige Fans des Liverpool Football Clubs wirkt die Übernahme überfallsartig. Im Juni war es noch ruhig. Im Juli hieß es, ein Konsortium um den Amazon-Gründer Jeff Bezos führe konkrete Gespräche über den Kauf von Vereinsanteilen. Vor einer Woche kam der Vollzug: Die Klubbesitzer der Fenway Sports Group (FSG) veräußerten Anteile, ohne konkrete Details zu nennen – die Rede war von beträchtlichen 30 Prozent.
Schon wenige Tage darauf gab es Berichte, dass es sich vielmehr um 38 Prozent handeln dürfte, die den Besitzer wechselten. Und schließlich wurde noch öffentlich, dass das Bezos-Konsortium Optionen besitze, schon binnen der kommenden zwölf Monate Hauptanteilseigner zu werden. Fans fragen sich: Weht in Liverpool bald ein anderer Wind?
Klubübernahmen sind ein heikles Thema, vor allem für die, die es mit dem Objekt der Begierde halten. Die Fan-Vereinigung "Spirit of Shankly" äußerte sich skeptisch über den Deal: "Wir haben bei ähnlichen Verkäufen in anderen Vereinen erlebt, dass es zu erheblichen Veränderungen in der Führung des Klubs und im operativen Fußballbereich kam – mit Entscheidungen und einem Verhalten, das viele bei Liverpool nicht sehen möchten."
Die neuen Teilhaber haben sich unter dem Konsortium "1892 Holdings" versammelt, benannt nach dem Gründungsjahr des LFC. Angeführt wird es von Amit Bhatia, dem Schwiegersohn des indischen Stahl-Magnaten Lakshmi Mittal. Bhatia war 18 Jahre lang beim Londoner Traditionsklub Queens Park Rangers als Direktor und Mitbesitzer tätig, im Juli zog er sich dort gänzlich zurück. Nun erhält er einen Sitz im erweiterten Vorstand von Liverpool.
Zu den Teilhabern des Konsortiums zählt auch Eduardo Saverin, ein Mitgründer von Facebook. Und Milliardär Bezos ist über die Firma K5 Sports beteiligt, wo Bezos als führender Investor auftritt. Er soll keine operative Rolle beim Verein einnehmen, war zu vernehmen. Zwar investierte die Streamingplattform Prime, die von Amazon betrieben wird, in den vergangenen Jahren (außerhalb Österreichs) massiv in Livesportrechte, doch Liverpool ist Bezos’ erste Beteiligung an einem Sportteam.
Günstiger Zeitpunkt
Warum investieren immer mehr Superreiche in Vereine? Grund ist der Kern des Sports: die Ungewissheit über den Ausgang von Wettkämpfen. Während auf Finanzmärkten die Sorge herrscht, wie Portfolios unter der Evolution Künstlicher Intelligenz leiden werden, bleiben Sportereignisse an sich davon weitgehend unberührt. Zudem korrelieren Investitionen im Sport kaum mit anderen Assetklassen, Sportinvestments bringen Diversifikation. Große Marken mit vergleichbarer Strahlkraft des FC Liverpool sind rar, die Knappheit sorgt für gute Prognosen über die Wertentwicklung.
Für FSG bedeutet der Verkauf einen immensen Zahltag. Der BBC zufolge sollen mehr als 1,5 Milliarden Euro geflossen sein. 2010 hatte die US-amerikanische Investmentgruppe den Verein vor der Zahlungsunfähigkeit bewahrt, damals bezahlte sie 350 Millionen Euro für den Verein. Binnen 16 Jahren stieg der Wert auf das 15-Fache. FSG-Präsident Mike Gordon nennt den Verkauf der Anteile naturgemäß eine "Entscheidung im Sinne des langfristigen Wohls des Klubs". Die Wahrheit ist auch: FSG will ihr Investment zu Geld machen.
Denn sie hat gespürt, wie kurzlebig der Fußball ist. Unter Trainer Arne Slot holte Liverpool 2025 zum 20. Mal die englische Meisterschaft, ein Jahr später qualifizierte man sich als Liga-Fünfter nur mit Ach und Krach für die so lukrative Champions League. Nebenbei überwarf sich Starspieler Mo Salah mit Slot und mit dem Verein, der Ägypter verließ Liverpool ablösefrei und spielt jetzt für Trabzonspor in der Türkei.
Es wartet eine Saison der Unsicherheit. Bei einer Befragung von The Athletic unter Anhängern aller Premier-League-Klubs zeigte sich, dass Befürworter der Reds so pessimistisch wie kein anderes Fanlager der Liga in die neue Spielzeit gehen. Meister Arsenal gilt als Favorit auf die Titelverteidigung, die Lücke zum Verfolger Manchester City scheint beachtlich, zu Liverpool sowieso.
Gegenangriff
Liverpool geht mit dem baskischen Trainer Andoni Iraola in die neue Saison, der Bournemouth in den Europacup führte und dem Angebote aus mehreren europäischen Topligen vorlagen. Er soll sich in Gesprächen mit Bayer Leverkusen befunden haben, ehe Liverpool anklopfte.
Kapitän Virgil van Dijk fordert vor dem Saisonauftakt am Sonntag gegen Newcastle (17.30 Uhr/Sky) eine deutliche Reaktion seines Teams. "Für mich persönlich war letztes Jahr inakzeptabel. Dieses Jahr haben wir die Möglichkeit, das zu ändern. Wir alle wissen, wie hart das werden wird, aber wer sich dieser Herausforderung nicht stellen will, ist hier am falschen Ort." Er habe aber den Eindruck, dass alle Spieler bereit dafür seien.
Für Liverpool bedeutet die Veränderung in der Eigentümerstruktur eine Zäsur. Durch den Einstieg von "1892 Holdings" erhofft man sich mehr Marktanteile im asiatischen Raum, die Reichweite des Vereins soll weiter ausgebaut werden. Die Reds betreiben weltweit bereits 26 Fanshop-Filialen, das Ziel sind 40 Verkaufsstellen bis 2030. Erste Effekte der neuen Partnerschaft sollen in den kommenden Monaten spürbar werden, heißt es aus dem Klub. Aktuell ist unklar, wer den Verein nächsten Sommer wirklich führen wird. (Lukas Zahrer, 22.8.2026)
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