Bundesregierung: Wie ein Beamter die Union in die Verzweiflung treibt
Berlin. Um seine Botschaft zu setzen, musste Jochen Flasbarth am 17. Juni 2026 nicht einmal persönlich erscheinen. Mehrere Branchenverbände hatten einen Brandbrief an die Spitzen der Bundesregierung geschrieben. Ihre Sorge: Eine europäische Verordnung zu Methanemissionen könnte Unternehmen überfordern. Das CDU-geführte Wirtschaftsministerium drängte auf ein Krisentreffen.
Wirtschaftsstaatssekretär Frank Wetzel nahm persönlich teil. Umweltstaatssekretär Flasbarth blieb dem Treffen fern. Das Ministerium schickte einen Unterabteilungsleiter.
Damit war klar: Die vom Wirtschaftsressort geforderten Erleichterungen für betroffene Unternehmen würde es nicht geben. Denn ein Unterabteilungsleiter hat in solchen Runden nicht viel zu melden.
Es sind Finessen wie diese, die Unionsvertreter regelmäßig an Flasbarth verzweifeln lassen. Sie sehen ihn als zentrale Figur im Umweltministerium und wollen ihn mitunter bremsen. Flasbarth, den erfahrenen Staatssekretär, statt Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD), der erst im Mai 2025 ohne Umweltexpertise ins Amt kam.
„Flasbarth, der war doch schon immer da“
Als beamteter Staatssekretär ist Flasbarth neben den parlamentarischen Staatssekretären einer der ranghöchsten Beamten im Bundesumweltministerium. Er führt das Ministerium operativ, kennt die Akten, die Strukturen, die Netzwerke. Auf knapp neun Jahre in dieser Funktion blickt Flasbarth inzwischen zurück, unterbrochen von vier Jahren als beamteter Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. „Flasbarth, der war doch schon immer da“, heißt es mitunter.
Der heute 64-Jährige schöpft aus einem reichen Erfahrungsschatz in Umweltthemen, „Klima-Veteran“ nennt ihn die „taz“. Noch als Jugendlicher trat der gebürtige Duisburger dem früheren Deutschen Bund für Vogelschutz (DBV) bei, aus dem der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) hervorging. 1994 wurde er dessen Präsident.
Im Bundesumweltministerium begann Flasbarth 2003 als Abteilungsleiter. 2009 wurde er Präsident des Umweltbundesamtes. 2013 holte ihn Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) zurück und machte ihn zu ihrem wichtigsten Unterhändler bei den Verhandlungen zum Pariser Klimaabkommen 2015.

Flasbarth (l.) mit der früheren Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD): Lange Laufbahn. Foto: picture alliance/dpa
Seine Bewerbung 2016 für den Chefposten des Umweltprogramms der Vereinten Nationen scheiterte. Flasbarth blieb Staatssekretär, auch ab 2018 unter Hendricks’ Nachfolgerin Svenja Schulze (SPD).
Respekt für Flasbarth – und Hilflosigkeit
Das Handelsblatt hat in den vergangenen Monaten mit mehr als einem Dutzend Vertreterinnen und Vertretern von Unternehmen und Verbänden gesprochen, die in ihrer Arbeit Berührungspunkte zum Umweltministerium und zu Flasbarth haben.
Dabei geht es oft um sehr kleinteilige Winkel der Regulierung:
- die Umsetzung der EU-Industrieemissionsrichtlinie,
- das Gesetz zur Weiterentwicklung der Treibhausgasminderungsquote,
- Details des Emissionshandels,
- die Nutzung industrieller Abwärme oder
- eine Verlängerung der „Verordnung über Maßnahmen zur Vermeidung von Carbon Leakage durch den nationalen Brennstoffemissionshandel“ – ja, die gibt es wirklich.
Mit anderen Worten: Es geht um Dinge, mit denen sich in Unternehmen und Verbänden nur sehr wenige Menschen auskennen – und natürlich Flasbarth. Oder zumindest kennt er jemanden im Ministerium, der sich auskennt. Dort arbeiten Menschen, die sich seit vielen Jahren mit einer Nische befassen und auf Knopfdruck mit einer Menge Wissen brillieren können.

Carsten Schneider im Interview
„Die Hitze schadet unserer Volkswirtschaft enorm“
Oft fällt es nicht sofort auf, wenn Flasbarth und seine Leute dafür sorgen, dass eine aus Sicht der betroffenen Branchen ärgerliche Bestimmung im entlegensten Winkel eines Verordnungstextes landet. Wenn es für die andere Seite schlecht läuft, hilft in letzter Sekunde nur noch ein Notruf im Kanzleramt: Man bittet darum, die Pläne des Umweltressorts noch zu bremsen.
Eine Person, die nicht genannt werden möchte, berichtet dem Handelsblatt von einem Fall, in dem nur noch eine Nacht-und-Nebel-Aktion nach massiver Intervention im Kanzleramt verhindert habe, dass eine vom Umweltressort ersonnene Regelung Realität wurde. „Das hätte unsere Branche ruiniert“, lautet das Resümee.
„Flasbarths Stärke ist die Schwäche der anderen“, sagt ein Industrielobbyist. Da schwingt Respekt mit – und Hilflosigkeit. Verbunden werden solche Einschätzungen nicht selten mit dem Hinweis, das Kanzleramt erkenne Gefahren zu spät. Dort fehle ein Frühwarnsystem. Ein Regierungsmitglied mit SPD-Parteibuch nennt Flasbarth, ebenfalls SPD-Mitglied, den „Endgegner der Union“.
„Meister des Kleingedruckten“
Flasbarth kann seine Stärken oft unbemerkt ausspielen. Manche nennen ihn „die grüne Eminenz“ oder den „Meister des Kleingedruckten“, andere einen „freundlich auftretenden Machiavelli“. Sein Ziel ist klar: das Optimale in Sachen Klima- und Umweltschutz herauszuholen. Damit steht er oft in einem natürlichen Spannungsverhältnis zu Vertretern der Industrie.
In der Regel agiert Flasbarth im Hintergrund. Doch wenn sein Minister im Urlaub weilt und Fragen aufkommen, was die Regierung angesichts von Hitze, Dürre und Niedrigwasser in Deutschland plant, gibt er auch Interviews.
Das Klima für den Klimaschutz ist schlechter geworden. Jochen FlasbarthUmweltministerium
Im ZDF versprach er Anfang August einen nationalen Hitze-Aktionsplan für 2027, nahm aber nicht nur Bund, Länder, Städte und Kommunen in die Pflicht, sondern auch die Bürger. „Wer hat eigentlich schon mal nach seinem Nachbarn geguckt, ob der genügend trinkt?“, fragte Flasbarth. „Das ist eine gesellschaftliche Herausforderung.“
Im Bayerischen Rundfunk sagte Flasbarth Ende Juli: „Das Klima für den Klimaschutz ist schlechter geworden.“ Es gebe immer mehr, die den Klimaschutz auf der Prioritätenliste nach hinten schieben wollten. „Das ist wirklich dummes Gerede.“
Flasbarth sei für das Funktionieren und die politische Wirksamkeit des Umweltministeriums „die zentrale Person“, heißt es bei Beobachtern, die viel mit ihm zu tun haben. Gelegentlich trifft der meist um Konzilianz bemühte Flasbarth einen Ton, der geradezu industriefreundlich klingt. Dann stellt sein Haus in Aussicht, das Ministerium werde sich für Lockerungen im Emissionshandel einsetzen. Ob er bei Verhandlungen in Brüssel tatsächlich mit großem Einsatz für die Belange der Industrie kämpft, ist nicht immer klar.

Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD): Kann sich auf seinen Staatssekretär verlassen. Foto: picture alliance/dpa
Das Handelsblatt hat Flasbarth vor einigen Wochen zu einem Hintergrundgespräch getroffen. Aus solchen Gesprächen darf nicht zitiert werden. Dass man hier auf einen Staatssekretär trifft, der sich seiner Sache sehr sicher ist und der gerne darauf hinweist, dass er global vernetzt ist und seinen Einfluss geltend zu machen weiß, darf man aber erwähnen.
Diesen Eindruck teilen andere. Vor allem in internationalen Runden, in denen sonst ein Minister gefragt ist, kann Schneider auch Flasbarth schicken. Fehle der, werde häufig nach ihm gefragt, schildert jemand aus der Umweltszene: „Where is Flasbarth?“ – „Wo ist Flasbarth?“
Die Ministerinnen, denen Flasbarth diente, wussten das zu schätzen, auch der amtierende Umweltminister Schneider. Beobachter sprechen von einem „guten Gespann“– das verschaffe den Themen wenigstens etwas Aufmerksamkeit. Das Verhältnis der beiden gilt als eng und vertrauensvoll. Flasbarth mit seinem reichen Erfahrungsschatz und internationaler Anerkennung entlastet Schneider.
Der Konsenskurs
Flasbarth sei kein „verkappter Aktivist“, sondern ein ambitionierter Umweltpolitiker und loyaler Beamter, sagt ein Lobbyist aus der Umweltszene. Mit Blick auf Schneider sagte Flasbarth kürzlich: „Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, wenn wir im Augenblick nicht so einen starken Umweltminister hätten in einem sehr komplexen, sehr schwierigen Umfeld.“
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UmweltschutzManchen in der Umweltszene ist das allerdings zu zurückhaltend. Den Hinweis „Das passt gerade nicht in die Zeit“ habe er nicht nur von Schneider, sondern auch von Flasbarth gehört, sagt einer, der ihn lange kennt. „Leider.“
Flasbarth verfolge ebenso wie Schneider eine überwiegend auf Konsens ausgerichtete Umweltpolitik, die versuche, möglichst wenig anzuecken. Schneiders Ziel: zu beweisen, dass sich ohne großen Konflikt in der Regierung Umweltmaßnahmen durchsetzen lassen, auch wenn die Klimaziele dabei verfehlt würden. Schneider müsse mehr Contra geben, heißt es. Oder es müsse eben Flasbarth tun.
Erstpublikation: 12.08.2026, 17:04 Uhr.