Katasteramt Verden feiert 150. Geburtstag: Domgymnasium lag damals vor der Stadt


Stand: 17.07.2026, 06:30 Uhr

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Historische Landkarte

Die Aller, die Chaussee nach Walsrode, und sonst nur viel freie Pläne: Der mächtige Bau des Domgymnasiums wurde ursprünglich mitten in die Landschaft gesetzt. © Kracke

Das Katasteramt Verden nahm 1876 seinen Dienst auf – als eines von 23 in Niedersachsen. Eine historische Karte aus dem Archiv zeigt: Das Domgymnasium stand damals außerhalb der Stadtgrenzen.

Verden – Marion Schwacke findet sie erstaunlich schnell, die uralten Papiere mit den seltsamen Maßeinheiten. Im Keller des Behördenhauses an der Eitzer Straße dem langen Gang nach, rechts eine der Stahltüren aufgeschlossen, links eines der Rollregale verschoben, den Blick nach halb links oben gerichtet, und schon hält sie eines der vier Bände mit der Nummer 74 in Händen. In diesem Archivsystem steht die 74 für Verden. Und gleich hinter dem ersten Einband jene Einladung, die so viel Papierkrieg auslöste. Die erste Bürokratie der Stadt war geboren. Akkurat ist das Datum niedergeschrieben, der 18. Februar 1873.

Frau in Archiv

Zielsicher nach den 150 Jahre alten Unterlagen gegriffen: Marion Schwacke im Archiv des Kastasteramtes. © Kracke

Drei weitere Jahre dauerte es, ehe die amtlichen Vorgänge sozusagen in Stein gemeißelt waren. Das Katasteramt Verden zählt zu den 23 Katasterämtern in Niedersachsen, die 1876 ihren Dienst aufnahmen. Laut damaligem Amtsblatt für Hannover war es dem Landdostreibezirk Stade zugeordnet, als Katasterkontrolleur ist der Name Meiners aufgeführt. Runde 150 Jahre ist das jetzt her. „Diese Behörden durften als erste den Titel Amt führen“, sagt Meiners aktuelle Nachfolgerin Schwacke. Zwar heißt die Dienststelle hinter den historischen roten Backsteinmauern im Volksmund weiterhin Katasteramt, längst ist sie jedoch zum Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung Niedersachsen, Regionaldirektion Sulingen-Verden mutiert.

Offen kommunizierte das seinerzeitige Amtsblatt den wahren Grund für die Gründung. Die Grundsteuer nämlich, die neu auf den Weg gebracht wurde, und von den jeweiligen Katasterämtern zu erheben war. Zuvor hatten sich die Kommunen daran versucht, so es denn solche schon gab, die Städte beispielsweise, in Verden der Stadt- und Polizeidiener Rehbock mit seinem Schreiben von 1873. Drei Tage gab er den Menschen Gelegenheit, sich zu den Daten zu äußern. Er lernte schnell: Bei Geld und Grundstein hört die Freundschaft auf. Eingaben über Eingaben erntete er, alle säuberlich verfasst und ebenso pflichtbewusst abgeheftet. Sie haben die Zeiten überdauert.

Marion Schwacke hat sich in die Geschichte eingelesen. „Das Hauptproblem damals: Es ging um ein Verzeichnis, wer überhaupt Grund hat, und wo, und wie groß es ist, und am Ende war auch noch die Bodengüte festzulegen.“ Marschflächen waren damals schon wesentlich teurer als staubiger Geestrücken. Meiners dürfte wie alle anderen Katasterkontrolleure vorhandenem Papier vertraut haben. Die sogenannten Verkoppelungskarten lagen ja noch vor, jenes Werk, mit denen die Bauern aus der Leibeigenschaft in den Besitz von Äckern, Wiesen und Wäldern hinüberglitten. „Eine erste Flurbereinigung war das damals“, sagt Schwacke.

Und da sie schon mal dabei waren, Meiners und seine 22 Kollegen landesweit, zeichneten sie gemeinschaftliche Wege ein, gemeinschaftliche Plätze, bis zu den Armenhäusern reichte die Palette. Die Grundbücher waren inzwischen erfunden, und schon konnten weitere Absprachen festgelegt werden. Die Wegerechte beispielsweise. Wer durfte wann des Nachbarn Grundstück betreten, und zu welchem Zweck? Der Kirchgang etwa wollte geregelt sein. Zum Gottesdienst nicht auch noch zeitraubende Fußmärsche um anderer Leute Weiden herum zurücklegen, dem trugen die Katasterämter durchaus Rechnung. Vielerorts sind sogenannte Kirchwege in die Grundbücher eingetragen, sie durften ausschließlich sonntags betreten werden.

Eine uralte Liegenschaftskarte fischt Schwacke aus dem Archiv. Eine städtische Ansichte aus der Zeit vor anderthalb Jahrhunderten, die viel erzählt über die Entwicklung Verdens. Anders als heute war es nicht das Häuschen mit Garten, das in Neubaugebieten die Stadtgrenzen auf Äcker und Wiesen verlegte, damals waren es städtische oder staatliche Gebäude. Auf Karte ist bereits das Domgymnasium eingezeichnet. Damals lag es vor der Stadt, von Häusern am Allerhang oder auf dem Burgberg, vom Domfriedhof noch keine Rede und kein Pinselstrich. Allenfalls die Chaussee nach Walsrode fällt in den Blick.