Kinder sind doch nicht kreativer als Erwachsene
Kindliches Selbstbewusstsein
Kinder sind doch nicht kreativer als Erwachsene
Eine neue Studie aus Graz bescheinigt Kindern weniger Versagensängste als Erwachsenen. Kreativer macht sie das aber nicht
Ein weit verbreiteter Glaube besagt, dass Kinder kreativer sind als Erwachsene und wir einen Teil unserer Kreativität beim Erwachsenwerden einbüßen – etwa durch das Schulsystem. Doch eine neue Studie im Fachjournal PLOS One zeichnet ein anderes Bild: Erwachsene sind demnach kreativer als Vorschulkinder. Wie beide ihre Tätigkeit wahrnehmen, ist aber stark unterschiedlich.
Der Frage nach der Entwicklung von Kreativität widmete sich ein Team vom Creative Cognition Lab an der Universität Graz unter der Leitung von Mathias Benedek. Man nahm gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus München, Louvain und New Haven das kreative Verhalten von Vorschulkindern und Erwachsenen anhand einer Reihe von kreativen Aufgaben unter die Lupe.
Angst vor Versagen
Die Gruppen von 92 Vorschulkindern und 70 Erwachsenen sollten sich unter anderem in drei Minuten alternative Verwendungszwecke für eine einfache Blechdose überlegen oder in acht Minuten ein Fantasietier zeichnen. Dann hatten sie noch acht Minuten Zeit, um mit Buntstiften frei auf weißem Papier zu zeichnen, was ihnen gerade einfiel. Anschließend wurden alle Teilnehmenden gebeten, ihr Selbstvertrauen, ihre Versagensangst und ihre Freude an den absolvierten Aktivitäten zu reflektieren.
Die Gutachter bewerteten die Schöpfungen, ohne zu wissen, von wem sie stammten. Wie sich zeigte, haben sie über die Aufgaben hinweg die Ideen und Werke der Erwachsenen als neuartiger, effektiver und kreativer eingestuft. In der subjektiven Beurteilung schnitten die Vorschulkinder besser ab: Sie zeigten mehr Freude an den Aufgaben, gaben eine höhere Motivation und weniger Angst an als die erwachsenen Probanden. Diese gaben messbar mehr Versagensangst und ein deutlich geringeres Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten an. Über drei Viertel der erwachsenen Teilnehmenden schätzten die Kinder fälschlicherweise als kreativer ein.
Zielgerichtet
"Erwachsenen ist es wichtiger, wie andere ihre Ideen beurteilen könnten. Sie schätzen ihre eigene Kreativität vielleicht realistischer ein, aber diese Selbstüberwachung kann auch Sorgen vor einer Bewertung mit sich bringen – und diese Sorge kann den freien Fluss von Ideen hemmen", so der Grazer Kreativitätsforscher Mathias Benedek, der an der Uni Graz das neurokognitive Zusammenspiel im Gehirn untersucht.
Er zeigte sich überrascht, "wie viel Freude die Kinder an den Aktivitäten hatten, besonders wenn es kein klares Ziel gab. Auf der anderen Seite bevorzugten Erwachsene ein klares Ziel, auf das sie hinarbeiten konnten. Ich habe mich auch gefragt, ob Erwachsene einfach effektivere Ideen haben und Kinder originellere. Aber Erwachsene produzierten auch originellere Ideen. Zum Beispiel erfanden Erwachsene höchst ungewöhnliche Fantasietiere, während viele Kinder einhornähnliche Wesen zeichneten."
Enthusiasmus bei Kindern
Dass uns Kinder dennoch kreativer vorkommen, erklärten die Forschenden mit ihrem Enthusiasmus und Selbstvertrauen in Bezug auf Kreativität. Es verhalte sich ähnlich wie beim Sport: Als "sportlich" nehmen wir oft jene Personen wahr, die sich regelmäßig bewegen, und nicht zwingend jene, die am Ende Medaillen gewinnen. Das spiegelte auch die Auswertung der Studie wider: Die teilnehmenden Kinder gaben an, sich einmal pro Tag kreativ zu betätigen, im Gegensatz zu den Erwachsenen, die ihre Kreativität einmal wöchentlich verorteten.
Kinder haben übrigens keine Vorurteile gegenüber anderen Altersgruppen. Sie halten Erwachsene und andere Kinder in etwa für gleich kreativ. Das Forschungsteam will klären, wie es zu dem angeknacksten Selbstbewusstsein bei Erwachsenen kommt. (red, APA, 21.10.2026)
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