"La vie en rose": Frankreich erklärt in 100 Chansons


Musikalische Länderkunde

"La vie en rose": Frankreich erklärt in 100 Chansons

Die Idee war so naheliegend, dass sie bisher niemand realisierte. Jetzt ist "Frankreich in 100 Chansons" aber erschienen – ein Lese- und Hörvergnügen für Frankophile

Stefan Brändle

Eine Person in schwarzer Kleidung trägt eine goldene Halskette mit einem kreuzförmigen Anhänger. Der Hintergrund ist dunkel.
Exzellenz und Tragik in Person und Stimme: Edith Piaf steht wie keine zweite für die französische Chanson-Tradition.

Was kann man schon von einem Buch erwarten, dessen Autorenliste mit dem Buchstaben Z beginnt? Christoph Sator würde antworten: "Pourquoi pas?" Der ehemalige Frankreich-Korrespondent der deutschen Presseagentur geht eben à la française vor, das heißt mit Esprit statt Logik. La vie en rose, wie sein handliches Taschenbuch im Haupttitel heißt, beginnt mit Zaz und ihrem Renner je veux.

Während wir noch lesen, raunt uns das Innenohr schon zu: sofort reinhören! Sachte, gehen wir zuerst die Liste durch. Da geht es Schlag auf Schlag: Je t’aime…moi non plus, das hocherotische Duo von Serge Gainsbourg und Jane Birkin. Darauf folgt, wunderbar nostalgisch, Le Sud von Nino Ferrer aus dem Jahr 1975, als die Welt noch in Ordnung war. Damals fuhren die Franzosen und anderen Europäer im Sommer auf der Autoroute du Soleil Richtung Süden und trällerten im Stau eingängige Melodien. Le Sud eben, oder La vie en rose. 20 Kilometer weiter folgten dann J’aime les Filles von Jacques Dutronc, oder Oh Champs-Elysées von Joe Dassin.

Bestandene Semester stimmen am Steuer noch heute den Klassiker La Bohème von Charles Aznavour an, dann mit zunehmender Leidenschaft Ne me quitte pas von Jacques Brel. Derweil können die Teenies auf dem Hintersitz nicht genug kriegen von Djadja (von Aya Nakamura) oder Aïcha (von Khaled). Ohrwürmer wie Papaoutai (Stromae) fahren mit, begleitet von Eintagsfliegen wie Etienne, in dem Guesch Patti ziemlich eindeutig einen jungen Bürokollegen vernaschen will, wie uns Sator aufklärt.

Für uns jüngere Boomer legen Les Rita Mitsuo dann mit Marcia Baila los. Die Empörung über den Tod der argentinischen Sängerin Marcia, die in Paris mit 32 Jahren an Brustkrebs starb, lässt sich nur auf Französisch herausschreien: "Mais c’est la mort qui t’a assassinée!" – "Es ist der Tod, der dich umgebracht hat!"

Atempause, wir tanken neue Energie. Denn Christoph Sator listet nicht nur hundert Chansons auf, er erzählt auch zu jedem Lied die Entstehungsgeschichte. Wir erfahren, dass Je t’aime…moi non plus zuerst mit Brigitte Bardot aufgenommen worden war. Bis sich ihr offizieller Liebhaber Gunter Sachs querlegte. Der Vatikan setzte das sehr explizite Gestöhne sogar auf den Index.

Anders die Sator-Liste. Wir lesen, dass Edith Piaf La vie en rose 1945 zuerst "le truc en rose" (Die Sache in Rosa) nennen wollte, was ihr eine Freundin zum Glück ausredete. Oder wie die große Chanson-Sängerin Barbara zur Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg in Göttingen auftrat. Dummerweise stand auf der Bühne nur ein biederes Klavier. Die zierliche Französin mit den großen schwarzen Augen trat in den Streik, doch zum Schuss renkte sich alles ein: Ein Dutzend Studenten wuchteten einen Flügel auf die Bühne, und Barbara stimmte Göttingen an, eines der schönsten Chansons überhaupt. " Gewiss, dort gibt es keine Seine… », sang sie später mit ihrem charmanten Französischakzent sogar auf Deutsch. Und jedesmal endete der Auftritt in dicken Tränen.

Weniger berührend die Episode Bertrand Cantat : Der Rocksänger saß vier Jahre lang im Knast, weil er seine Lebenspartnerin Marie Trintignant – die Tochter des gleichnamigen Schauspielers – erschlagen hatte. Eine tragische Geschichte, die Frankreich aufwühlte. Sators Bucheintrag zu Patrick Bruel bleibt dagegen unvollständig: Vor wenigen Woch erst ist das frühere Teenageridol Gegenstand einer Strafermittlung wegen Vergewaltigung.

Bis zum bitteren Ende erzählt Sator dafür den tragischen Fall von Claude François, der an einem Stromschlag viel zu früh starb. Wenn wir den Refrain von Comme d’habitude bis heute im Ohr haben, dann hat das einen bestimmten Grund: Das Lied wurde für Frank Sinatra in My Way übertragen. Und angepasst: Das französische Original erzählt von einer nicht sehr glücklichen Liebe, bei der es sogar im Bett wie gewöhnlich ist – eben comme d’habitude; Auf Englisch wird daraus, wie der heute in Rom stationierte dpa-Mann Sator schreibt, der "stolze Blick zurück eines Mannes, der trotz allem seinen Weg gemacht hat ".

Jetzt wollen wir aber reinhören, und egal, ob wir schon an der Côte d’Azur angekommen sind oder nicht. Das trifft sich gut: Der im Buch mitgelieferte QR-Code liefert einen bequemen Spotify-Link zu den hundert Melodien. Hundert Melodien, die uns alle bekannt vorkommen, auch wenn wir ihre Namen und die der Sänger vielleicht vergessen haben.

Einige Klassiker wie Aznavour, Brassens, Barbara, Gainsbourg oder Brel kommen bei Sator auf Mehrfachnennungen. Völlig zurecht. Natürlich macht jedermann und jede Frau in der Liste fehlende Favoriten aus – wir etwa Bernard Lavilliers oder Les mots bleus von Christophe. Doch Sator hatte die Qual der Wahl. Mit gutem Recht erwähnt er auch Nichtfranzosen wie Stéphane Eicher oder das blinde Sängerpaar Amadou&Mariam aus Mali.

Noch neuere Rapper aus dem Umfeld des ungeheuer kreativen "french R&B" sind zu jung, um noch Eingang in die Liste zu finden. Werenoi etwa, der 2025 im Alter von 31 Jahren tragisch verstarb, nachdem er mit seinem Hit Laboratoire eingeschlagen hatte. Oder die Kongolesin Theodora, die im Februar gleich vier "Victoires", französische Musik-Oscars, eingeheimst hat. Wobei man diese Songs weniger auf dem Weg in den Sommerurlaub hört, sondern eher am Abend im vollgepferchten Pariser Vorstadtzug Richtung Banlieue-Wohntürme. Stark ist die Musik allemal. Plant Christoph Sator vielleicht schon eine Auflistung von "Frankreich in 100 Rapsongs"? (Stephan Brändle, 21.7.2026)

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