Affen begreifen Geometrie auf ähnliche Weise wie Menschen


Geschenk der Evolution

Affen begreifen Geometrie auf ähnliche Weise wie Menschen

Auch Affen können geometrische Formen abstrahieren, legt eine neue Studie nahe. Das könnte für die Ausbildung von Kindern relevant sein

Reinhard Kleindl

Ein Pavian sitzt vor einem Bildschirm hinter einem Drahtgitter und berührt den Bildschirm mit einer Hand, während er eine Aufgabe zur Formzuordnung durchführt.
Durch erfolgreiches Zuordnen von Formen auf einem Bildschirm konnten sich Affen kleine Snacks verdienen.

Wie entstand das, was uns menschlich macht? Der Moment, als sich die evolutionären Wege der Vorfahren von Affen und Menschen trennten, beflügelt unsere Fantasie und wurde etwa im Science-Fiction-Klassiker 2001: A Space Odyssey unvergesslich in Szene gesetzt. Lange Zeit schienen offensichtliche Unterschiede zwischen Affen und Menschen ausreichend Erklärungen dafür zu liefern, warum Erstere zwar an Intelligenz die meisten anderen Tiere in den Schatten stellen, es aber dem Menschen mit seinen kognitiven Fähigkeiten vorbehalten blieb, den Planeten zu beherrschen.

Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte zeigte sich zunehmend, dass diese Grenze fließend ist und viele für typisch menschlich gehaltene Eigenschaften auch bei Affen zu finden sind, etwa der Gebrauch von Werkzeugen. Eine neue Studie im Fachjournal PNAS geht nun noch einen Schritt weiter in diese Richtung.

Zeichen von Intelligenz

"Geometrisches Vorstellungsvermögen gilt als wichtiges Kennzeichen der menschlichen Intelligenz", schreibt das Forschungsteam in der Studie. Auf der Ebene der visuellen Wahrnehmung sei alles noch sehr ähnlich: Im sogenannten inferotemporalen Kortex seien dieselben Strukturen vorhanden und auch mit den Augen wahrgenommene Formen würden dort fast identisch repräsentiert. Auch Eigenschaften wie Symmetrie würden bei Menschen und Affen wie Makaken gleichermaßen bereits im inferotemporalen Kortex extrahiert.

Menschen und Affen sind also mit vergleichbaren visuellen Werkzeugen ausgestattet. Ihre Fähigkeiten sind dennoch unterschiedlich: Menschen seien beim Erkennen von geometrischen Formen mit "euklidischen" Eigenschaften wie Parallelität oder Symmetrie klar im Vorteil und hätten komplexere geometrische Vorstellungen als andere Primaten. Vor allem bei rotierten Formen tun sich Affen schwerer. "Eine gängige Erklärung für diese Besonderheit des Menschen lautet, dass Menschen sich auf diskrete, symbolische Merkmale stützen, um geometrische Formen zu kodieren, während andere Primaten sich ausschließlich auf kontinuierliche Wahrnehmungsmerkmale stützen", heißt es weiter in der Studie.

Tests mit Affen und Menschen

Diese Idee wollte ein Forschungsteam US-amerikanischer Hochschulen prüfen. Man führte mit acht Affen und rund 150 Menschen Tests des geometrischen Verständnisses durch. Vier der Affen waren Rhesus-Makaken, vier waren Anubispaviane. Die Affen sollten auf einem Bildschirm zweidimensionale geometrische Formen – Dreiecke, Vierecke und andere – richtig zuordnen und erhielten bei erfolgreicher Lösung Snacks.

Das Zuordnen solcher Formen mag einfach klingen, gibt Studienautorin Jessica Cantlon von der Carnegie Mellon University zu. "Es ist aber tatsächlich ziemlich schwierig, da die Objekte keine charakteristischen Merkmale aufweisen und es keine wesentlichen Unterschiede in Farbe, Größe oder Form gibt." Auch für Menschen seien diese Tests nicht immer einfach.

Forscher*innen beobachten zwei Olivpaviane (Papio anubis) in einem Gehege. Einer der Paviane führt eine Aufgabe zur Formzuordnung an einem Bildschirm durch.
Hier führen Anubispaviane den Test durch.

Kinder und Indigene

Die Tests wurden auch mit einigen Dutzend noch nicht schulpflichtigen Kindern, die sich mit abstrakten Formen noch schwerer tun als Erwachsene, sowie mit erwachsenen Indigenen vom Volk der Tsimane’ in Bolivien durchgeführt. Letztere leben dort von Landwirtschaft und gelegentlichem Jagen und Fischen. Bedeutsam für die Studie ist, dass sie keine etwa in den USA übliche Ausbildung genießen.

"Dadurch konnten wir Alter und kulturelle Erfahrungen gewissermaßen voneinander trennen", sagt Cantlon. "Denn wenn man versucht, etwas bei Kindern zu untersuchen, ist es manchmal schwierig zu unterscheiden, ob ihre Fähigkeiten entwicklungsbedingt sind oder ob sie durch Bildung oder Erfahrung erworben wurden."

Ähnliches Verständnis

Die Ergebnisse wurden daraufhin anhand verschiedener Modelle eingeordnet. Eines basierte auf der Annahme, dass Affen die Formen ohne Fähigkeit zur symbolischen Abstraktion erkennen müssen, ein anderes gestand ihnen diese Fähigkeit zu. Es stellte sich heraus, dass alle drei Gruppen dieselbe Herangehensweise zeigen, mit unterschiedlichen Stärken, die bei Erwachsenen am deutlichsten ausgeprägt waren.

"Was uns überrascht hat, war nicht nur, dass Affen diese Aufgabe bewältigen konnten", sagt Jessica Cantlon. "Es war vielmehr, dass Affen, Kinder und Erwachsene offenbar auf im Grunde genommen dieselbe Weise über geometrische Zusammenhänge nachdenken. Das deutet darauf hin, dass diese Intuitionen Teil der grundlegenden Architektur des Primatengeistes sind."

Das ist auch relevant für die Ausbildung von Kindern, betont die Forscherin. "Geometrische Intuition ist etwas, das Menschen schließlich in Mathematik und Naturwissenschaften umsetzen", erinnert Cantlon. "Wenn wir also verstehen wollen, wie Kinder Geometrie lernen, müssen wir verstehen, was sie bereits mitbringen, bevor der formale Unterricht beginnt." Die neue Untersuchung legt laut Cantlon nahe, dass Kinder tief verwurzelte, evolutionär alte Intuition über Form und Raum besitzen. "Die Bildung kann auf diesen Intuitionen aufbauen, anstatt Geometrie als etwas zu behandeln, das von Grund auf neu vermittelt werden muss." (Reinhard Kleindl, 20.7.2026)

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