Leerstand, Geierfonds und nun eine Tote: Warum in Spanien der Wohnungsmarkt brennt
Kampf um Wohnraum
Leerstand, Geierfonds und nun eine Tote: Warum in Spanien der Wohnungsmarkt brennt
3,8 Millionen Wohnungen in Spanien stehen leer, während in Städten wie Madrid Familien einen Großteil ihres Einkommens für Wohnraum aufwenden müssen. Wie kam es dazu?
Reiner Wandler
Eingreifen in den Markt oder nicht – das ist der Konflikt, der Spaniens Politik beschäftigt, seit die massiven Proteste für bezahlbaren, würdigen Wohnraum vor etwas mehr als zwei Wochen begonnen haben. Die politische Reaktion darauf: absolut ungenügend. Die Linkskoalition unter Pedro Sánchez, die über keine eigene Parlamentsmehrheit verfügt, wollte in aller Eile Zwangsräumungen für die kommenden Jahre aussetzen, die Mieten deckeln und den Immobilienfonds weitere Zukäufe untersagen. Die konservative Partido Popular (PP), die rechtsextreme VOX und die katalanische Junts stimmten dagegen und brachten das neue Gesetz zu Fall. Neuwahlen am 29. November sollen über den weiteren Kurs entscheiden.
Die PP will stattdessen eine Million Wohnungen bauen. Der Markt würde den Rest schon regeln, so der Plan. Doch das tut dieser ganz offensichtlich nicht. Denn bereits jetzt stehen laut statistischem Amt 3,8 Millionen Wohnungen – 14,4 Prozent des Wohnungsbestands – leer. Es sind oft reine Spekulationsobjekte. Der Markt ist in vielen Städten völlig überhitzt. Schuld sind Spekulation und Tourismus sowie „Geierfonds“, wie die Spanier spekulative Immobilienfonds nennen. Sie kaufen ganze Wohnblocks und wandeln sie um. Vier- bis fünfmal so viel Geld wie mit einer normalen Familie ist mit Touristen zu machen. Alleine in Madrid gibt es mehr als 16.000 Wohnungen für Touristen; über 90 Prozent davon haben keine Lizenz. Dennoch schreitet die konservative Stadtverwaltung nicht ein.
25.000 Zwangsräumungen pro Jahr
In der Madrider Innenstadt kostet der Quadratmeter über 25 Euro Miete pro Monat – Tendenz ständig steigend. Das führt dazu, dass so mancher Mieter passen muss. 25.000 Mietwohnungen werden pro Jahr in Spanien zwangsgeräumt.
Eine der Zwangsgeräumten war Maricarmen. Die Bilder, wie sie auf einer Krankentrage nach einem harten Polizeieinsatz gegen Nachbarn und Mitglieder der Mieterinnengewerkschaft aus der Wohnung geschafft wurde, empörten das ganze Land. Die 87-jährige gehbehinderte Rentnerin hatte 70 Jahre lang dort gelebt. Ein Immobilienfonds, der die Wohnung gekauft hatte, wollte von ihr über 2600 Euro monatlich. Sie zahlte bis dahin 500. Maricarmen verstarb vergangenen Mittwoch, genau zwei Wochen nach der Zwangsräumung im Krankenhaus.
In Spanien sind Mietverträge grundsätzlich befristet, auf maximal sieben Jahre. Nach dem Ablauf des Vertrages kann die Miete erhöht werden. Viele müssen ständig umziehen, da sie einfach nicht mithalten können oder wollen. In Madrid stiegen die Mieten seit 2019 um 70 Prozent, der Kaufpreis um 60 Prozent – und das bei einer durchschnittlichen Lohnsteigerung von 14 Prozent. In anderen Ballungsgebieten sieht es nicht viel besser aus.
Spanien ist seit den letzten beiden Jahrzehnten der Franco-Diktatur ein Land, in dem mehr gekauft als gemietet wird. „Aus Proletariern Eigentümer machen“, hieß es, als die spanischen Eliten das Baugeschäft entdeckten, von dem viele bis heute leben. Nur rund 26 Prozent der Bevölkerung leben zur Miete.
Das war lange eine vorübergehende Option für junge Leute und für die, die es einfach nicht geschafft haben, etwas zu kaufen. Mittlerweile hat sich das geändert. Denn nicht jeder kann oder will sich auf bis zu 40 Jahre für eine Eigentumswohnung verschulden, zumal die Löhne in Spanien niedrig sind. Der Mindestlohn beläuft sich auf monatlich 1221 Euro brutto.
Misere trifft Junge
Vor allem junge Menschen sind von der Wohnungsmisere betroffen. Im Schnitt ziehen sie erst im Alter von 30,5 Jahren von zu Hause aus. 1975 bis 1979 zogen 65 Prozent in eine Eigentumswohnung. Selbst kurz vor der Eurokrise, 2007, waren es noch 58 Prozent. Jetzt sind es nur noch 30 Prozent. Viele mieten. Meist nicht einmal eine Wohnung, sondern nur ein Zimmer, das bis zu 600 Euro selbst in Außenbezirken in Städten wie Madrid kosten kann.
2023 erließ die Regierung Sánchez ein Gesetz, mit dem in Stadtteilen, in denen die Miete mehr als 30 Prozent das Haushaltseinkommen ausmacht, die Miete gedeckelt werden kann. Dort, wo dies angewandt wird, sinken die Durchschnittsmieten tatsächlich. Allerdings fällt Wohnungs- und Mietpolitik in die Zuständigkeit der Regionen und Gemeinden. Wo die PP mit oder ohne VOX regiert, weigert sie sich, in den Markt einzugreifen. In Madrid geben die Familien um die 70 Prozent des Haushaltseinkommens für Miete aus.
„Madrid zum Leben, nicht zum Investieren“, rufen sie bei den Wohnungsprotesten deshalb immer wieder. „Ich versichere Ihnen – und ich übertreibe nicht –, dass Sie sich genau zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort befinden“, begrüßte die Präsidentin der Madrider Regionalregierung Isabel Díaz Ayuso internationale Immobilienfonds auf einer Konvention unlängst in Madrid. (Reiner Wandler aus Madrid, 10.10.2026)
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