Leopold Ullstein: Der Mann, der die Morgenpost zum Erfolg machte
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Vor genau 200 Jahren geschahen zwei Dinge gleichzeitig, an die Sie sich ebenso wenig erinnern werden wie ich. Beide wirken bis heute in unserem Alltag fort. Im September 1826 wurden Unter den Linden in Berlin erstmals Gaslaternen entzündet – plötzlich war Berlin heller. Am 6. September 1826 wurde in Fürth Leopold Ullstein geboren. Als Verleger sollte er auf seine Weise Berlin in ein neues Licht rücken.
So wie die Gaslaternen zum Stadtbild gehören (auch wenn sie beständig weniger werden), gehört auch Ullstein dazu. In Tempelhof etwa: Das Ullsteinhaus, ein riesiger roter Backstein-Komplex, wurde in den 1920ern als Druckhaus des Ullstein-Verlags errichtet. Es bekam eine gleichnamige Straße und in den 1960ern auch einen U‑Bahnhof.
Oder die Bettinastraße in Grunewald: Eine Gedenktafel erinnert an Leopolds Sohn Hans Ullstein (1859–1935). Mit seinen vier Brüdern leitete er den vom Vater gegründeten Ullstein-Verlag, bis 1933 die Nationalsozialisten die Familie um ihren Verlag brachten und sie aus Deutschland vertrieben, weil sie jüdischer Herkunft waren. Denn zwar blieb Leopold Ullstein bis zu seinem Tod 1899 bei seinem Glauben. Seine Söhne traten jedoch angesichts des aufkommenden Antisemitismus zum Christentum über. Auch diese Geschichte gehört zu Berlin.
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Neue verlegerische Ideen und der Mut, diese umzusetzen

Das Gemälde zeigt den Verleger und Gründer der Berliner Morgenpost, Leopold Ullstein (1826–1899).© picture-alliance / dpa | db
Mein ehemaliger Kollege, der Journalist, Historiker und Buchautor Lars-Broder Keil, erinnerte nun an einem weiteren Berliner Ullstein-Ort an den 200. Geburtstag Leopold Ullsteins: im Axel-Springer-Verlag in Kreuzberg. Am Fuß des Verlagshochhauses an der Rudi-Dutschke-Straße, einst Kochstraße, schauen zwei steinerne Ullstein-Eulen nachdenklich auf die Passanten. Sie standen einst vor dem Gebäude des Ullstein-Verlags schräg gegenüber. Dieses wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Nachdem die Ullstein-Erben den Verlag nach einem beschämend langen Prozess zurückerhalten hatten, übernahm der Verleger Axel Springer diesen in den 1950er-Jahren.
Keil, seit 2019 Leiter des Unternehmensarchivs des Axel-Springer-Verlags, hat ein Büchlein zum Anlass geschrieben: „Leopold Ullstein, Liberaler und Medienrevolutionär“. Es ist erschienen in der Reihe „Jüdische Miniaturen“ im Verlag Hentrich & Hentrich. Keil hat sich tief in das Leben des Verlagsgründers gegraben. Er wollte unter anderem wissen, wann und warum Leopold Ullstein, Sohn eines Papierhändlers aus Fürth, nach Berlin wollte.
Natürlich ist diese Story „typisch Berlin“. Es geht um neue verlegerische Ideen und den Mut, diese umzusetzen. Doch davor stand ein kurioses „Behörden-Pingpong“. Um überhaupt nach Berlin zu kommen, musste Ullstein einen Ausreiseantrag in Bayern stellen. Und einen Einreiseantrag für Berlin. Denn bis zur Reichsgründung 1871 betrachteten sich die deutschen Länder als Ausland. Beide Länder verlangten, dass zunächst das andere den Antrag bewilligen müsse, bevor man selbst zustimme.
Ullstein wurde zunächst Stadtverordneter in Berlin
Im März 1856 war die Hürde genommen. Ullstein zog nach Berlin, das sich nach der Revolution 1848/49 neu erfand. Alles wuchs. Wirtschaft und Handel, Infrastruktur, die Stadtgesellschaft. Und damit auch das Bedürfnis nach Information und der Wunsch, eigene Gedanken frei zu äußern und zu verbreiten. Ullstein wurde zunächst Stadtverordneter der „Freisinnigen“. Er setzte sich, so berichtet es Keil, für Reformen ein. Ganz konkret für Bürger und ihre Rechte und für demokratische Mitbestimmung aller Klassen. So wurde er zum Kritiker Bismarcks.
1877 entschied Ullstein, Verleger zu werden. Er kaufte zunächst das „Neue Berliner Tagblatt“, eine Druckerei sowie die „Berliner Zeitung“ (heute „B.Z.“). 1894 folgte die „Berliner Illustrirte Zeitung“, die er zur bedeutendsten deutschen Wochenzeitung fortentwickelte und die als Magazin heute der Morgenpost beiliegt.
Ullsteins Neugründung, die Berliner Morgenpost, erschien erstmals am 20. September 1898. Sie solle „den Berlinern auf den Leib geschrieben werden“, so der Verleger – ein Erfolg. Im Jahr 1900 galt die Morgenpost als größte Tageszeitung Deutschlands. Gründer Ullstein starb im Jahr 1899. Die Morgenpost ging 1959 an Springer. Seit 2014 gehört sie zur Zeitungsfamilie der FUNKE Mediengruppe. Eine Zeitung für alle Berliner, nah an den Menschen: Ullsteins Ideen tragen die Morgenpost bis heute. Sie sind selbstverständlich – ein bisschen so wie das Licht der Straßenlaternen, das die Stadt erhellt.
Die Kolumne „Stadtflucht“: Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling über die Merkwürdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land.