Milena Moser über das Lernen


Oder was dabei herauskommt, wenn ein Künstler einen Freizeitkurs besucht. Wenn dieser Künstler Victor ist, nur Gutes.

Publiziert: 06:00 Uhr

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Aktualisiert: 04.09.2026 um 10:48 Uhr

Darum gehts

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Milena MoserSchriftstellerin

Als Victor ein junger Mann war, lebte er in einem karg möblierten Zimmer in Mexiko-Stadt. Weil er sich keine Vorhänge leisten konnte, klebte er bunte Seidenpapierreste auf die Fensterscheiben. Er beobachtete, wie das Licht durchs Fenster fiel, die übereinandergelegten Farbschichten aufbrach und vermischte. Daraus entstand die Scherenschnitttechnik, die er bis heute für seine Altäre verwendet: Er klebt die verschiedenen Farben übereinander und beleuchtet sie. Für eine Installation klebte er diese Scherenschnitte direkt auf die raumhohen Fenster der Symphony Hall. Statt eines Scheinwerfers war es nun die unberechenbare Sonne, die für den Farbzauber sorgte.

Was, dachte Victor, was, wenn ich die Scherenschnitte aus Buntglas herstellen und direkt ins Fenster einfügen könnte?

Glasfusing und eingeschüchterte Kursleiterin

Kaum hatte er sich das vorgestellt, wurde auch schon ein Kurs in der Nähe angeboten. Das habe ich bei ihm schon öfter beobachtet: Er denkt sich etwas aus, und wenig später präsentiert ihm das Leben etwas ziemlich Ähnliches. In diesem Fall einen Hobbykurs zum Thema Glasfusing, was offenbar auch auf Deutsch so heisst. Man schneidet Glasscherben zurecht, arrangiert sie in einem Rahmen und lässt sie im Brennofen zu einem Bild zusammenschmelzen.

Die Kursleiterin war zuerst ein wenig eingeschüchtert, als sie den etablierten Künstler in der Gruppe erkannte. Ich hätte ihr gleich sagen können, dass ihre Sorge unbegründet ist: Victor ist zwar voll und ganz von seiner Arbeit beseelt und glaubt an sie, aber er trägt das kaum nach aussen. Vielleicht gerade weil er seit seiner Kindheit unverrückbar und selbstverständlich weiss, dass er ein Künstler ist, muss er es nicht ständig betonen. Und er respektiert alle, die mit Ernst und Leidenschaft etwas versuchen, auch wenn es zum ersten Mal ist und auch wenn es dann nicht gelingt.

Anfängergeist

Im Buddhismus nennt man das den Anfängergeist. Zu vergessen, was man gelernt hat, und wieder bei null anzufangen, gilt da als Idealfall, nicht als Schande.

Ich denke an meine Freundin Paula, mit der ich neulich über die Angst vor dem Tod beziehungsweise vor dem Sterben diskutiert habe. Das sind ganz alltägliche Gesprächsthemen bei uns am Tisch – ich sag ja, die Fähigkeit, Smalltalk zu machen, ist mir irgendwann abhandengekommen.

Paula ereiferte sich: «Ich will nicht sterben!», rief sie und haute mit der flachen Hand auf den Tisch. «Ich weigere mich! Ich weiss doch noch gar nichts, ich will noch so viel lernen, unendlich viel!»

Paula ist 78. In diesem Moment verliebte ich mich ein wenig in sie, in ihren unstillbaren Wissensdrang. Das ist auch eine Form der Lebenslust, verstand ich. Das ist der Motor, der sie jung hält, auch wenn sie nicht jung aussieht. Vielleicht ist es auch mit ein Grund, warum Victor all seine düsteren Prognosen überlebt: weil er noch so viel lernen, so viel ausprobieren will. «Ich bin noch nicht fertig», hält er den Ärzten entgegen.

Lernen für Longevity

Victor und Paula sind keine Vorzeigemodelle für Anti-Aging, Longevity oder wie die Schlagworte alle heissen. Sie sind nicht fit und sportlich und gesund schon gar nicht. Aber sie sprühen vor Lebensfreude. Sie sind jung, weil sie noch nicht fertig sind. Weil sie noch nicht ausgelernt haben.

Victor fügte seine Glasscherben zu einer Katze zusammen, was niemanden erstaunt. Es war schwieriger als erwartet, ganz zufrieden ist er nicht, doch das dämpft seine Begeisterung nicht im Geringsten. Am Ende des Nachmittags umarmt er die Kursleiterin und ruft: «Du hast mir eine neue Superkraft verliehen!»