Managerin wurde mit 59 Jahren im Silicon Valley entlassen – heute arbeitet sie in der Antarktis


Stand: 05.10.2026, 15:59 Uhr

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McMurdo-Station

Die McMurdo-Station befindet sich in der Antarktis. (Archivfoto) © Wirestock / Imago Images

May Lee verlor ihren Job im Silicon Valley und hätte sich einfach eine neue Stelle suchen können. Stattdessen entschied sie sich für eine Arbeit in der Antarktis.

Ein Jobverlust kurz vor dem 60. Geburtstag – für viele wäre das ein Schock, vielleicht sogar das Ende einer langen Karriere. May Lee sah es anders. Die frühere Marketing- und Kommunikationsmanagerin beim Technologiekonzern HP ließ Büro, Schreibtisch und Unternehmensalltag hinter sich und entschied sich im Jahr 2025 für einen radikalen Neustart: Sie fuhr zur McMurdo-Station, der größten amerikanischen Forschungs- und Logistikbasis in der Antarktis, und begann einen neuen Job.

Dort arbeitete sie als sogenannte saisonale Technikerin im Versorgungsbereich – eine Arbeit, die kaum weiter von ihrer früheren Karriere entfernt sein könnte. Statt Marketingstrategien standen nun Lagerhaltung, Frachtgut und Schneeräumen auf dem Tagesplan. Gegenüber dem Nachrichtenportal Business Insider beschrieb sie ihren Alltag als überraschend erfüllt – trotz oder vielleicht gerade wegen der ungewöhnlichen Umstände.

Der Wecker klingelt um 6:30 Uhr

Lees Job im Silicon Valley hatte zuvor sehr flexible Arbeitszeiten erfordert, teilweise nachts. Dies kommt ihr nun offenbar zu Gute. Der Tagesablauf in der Antarktis ist laut Bericht aber deutlich durchstrukturierter. Ihr Arbeitstag beginnt um 6:30 Uhr, die reguläre Schicht läuft von 7:30 bis 17:30 Uhr, Montag bis Samstag. Das ist der feste Rahmen für die meisten Beschäftigten der Station. Verkehrsstress gibt es keinen – man geht zu Fuß. An manchen Tagen lässt May Lee sogar das Frühstück ausfallen, wenn sie ein paar Minuten länger schlafen möchte.

Ihre Hauptaufgabe besteht darin, Materialien, Vorräte und Inventar zu verwalten. Zu Beginn der Saison im Oktober kann der Schnee bis zu einem halben Meter hoch liegen – bevor das Lager überhaupt genutzt werden kann, muss erst der Weg freigeschaufelt werden. Dann folgen Absprachen mit dem Vorgesetzten, die Bearbeitung von Anfragen und der Abgleich mit der internen Datenbank. Die McMurdo-Station, die auf der Ross-Insel errichtet wurde und heute mehr als 85 Gebäude umfasst, wird ganzjährig vom „United States Antarctic Program“ betrieben.

C-17-Transportmaschinen und begehrte „Freshies"

Ein zentraler Teil der Arbeit dreht sich um die Versorgungsflüge. Zu Saisonbeginn, wenn das Eis noch ausreichend tragfähig ist, landen große C-17-Transportmaschinen auf der Station und bringen Waren und Ausrüstung. May Lee entlädt die Fracht, bewegt Paletten mit dem Gabelstapler und erfasst alles sorgfältig in der Datenbank. Mit steigenden Temperaturen werden die Flüge seltener und die Logistik aufwändiger.

McMurdo-Station: Infrastruktur am Ende der Welt

Die McMurdo-Station versorgt ihre Bewohner mit Trinkwasser aus dem Ozean, das eine Umkehrosmose-Anlage aufbereitet und in Tanks mit einem Fassungsvermögen von bis zu 750 Kubikmetern speichert. Eine stationseigene Kläranlage reinigt im Sommer bis zu 200 Kubikmeter Abwasser täglich, im Winter sinkt der Bedarf auf ein Fünftel. Zur Grundversorgung betreibt die Station ein Treibhaus für den Anbau von Frischgemüse sowie eine eigene Zeitung, einen Fernsehsender und eine überkonfessionelle Kapelle. (Quelle: Wikipedia)

Besonders begehrt sind dann die sogenannten „Freshies" – frische Produkte wie Obst und Gemüse. Zu Beginn der Saison noch reichlich vorhanden, werden sie im Laufe der Wochen zu kleinen Luxusgütern. Die Mensa der Station, mit Buffet, Pizza und Burgern, bildet das Herzstück des Gemeinschaftslebens – sie erinnert eher an einen Universitätscampus als an eine Basis am Rand der Welt.

Nach der Schicht: Bibliothek, Radio und Nachtclubs ohne Dunkelheit

Wenn die Schicht um 17:30 Uhr endet, beginnt für viele auf der McMurdo-Station erst das eigentliche Gemeinschaftsleben. Überstunden werden ausdrücklich nicht gefördert, stattdessen trifft man sich beim Abendessen und plant gemeinsame Aktivitäten. Der eingeschränkte Internetzugang tut sein Übriges: Die Menschen kommen zusammen, statt in ihre Bildschirme zu starren. May Lee engagiert sich ehrenamtlich in der Bibliothek der Station und moderiert außerdem eine Radiosendung – mit Musik aus den Achtzigern.

Andere Stationsbewohner gründeten vorübergehende Bands, um beim Icestock aufzutreten, dem Neujahresfestival der McMurdo-Station. Besonders samstagabends sind die Nachtclubs der Basis gut besucht. Das Besondere daran: Im antarktischen Sommer herrscht rund um die Uhr Tageslicht. Man kann nach dem Tanzen um zwei Uhr morgens vor die Tür treten – und hat trotzdem das Gefühl, die Nacht hätte nie begonnen.

Sonntag ist der einzige freie Tag

Sonntag ist in McMurdo der einzige freie Tag. Für May Lee bedeutet das vor allem Schlaf – sie steht nie vor dem Mittag auf und schafft es gerade noch zum Brunch, der als eines der Höhepunkte der Woche gilt. Den Rest des Tages nutzt sie, um ihr Radioprogramm vorzubereiten oder abends an wissenschaftlichen Vorträgen teilzunehmen, die in der Hauptmensa stattfinden. Das ist ein weiterer prägender Aspekt des Lebens in McMurdo: der ständige Kontakt mit Forschenden und Technikerinnen und Technikern, die an einem der weltweit entlegensten Orte zur Wissenschaft beitragen.

Was die Geschichte von May Lee May Lee Antarktis so besonders macht, ist die Frage, die sie aufwirft: Wann ist es zu spät für einen Neuanfang? Mit 59 Jahren hätte sie sich um eine Stelle bemühen können, die ihrer bisherigen Karriere ähnelt. Stattdessen akzeptierte sie körperliche Arbeit, strenge Zeiten, Isolation und arktische Kälte – und fand dort einen Alltag, der ihr offenbar mehr gibt als erwartet.

Zuletzt gab es allerdings auch beunruhigende Berichte über die McMurdo-Station in der Antarktis: Die Nachrichtenagentur AP recherchierte, dass viele Frauen vor Ort sexueller Belästigung ausgesetzt seien. (Quellen: Business Insider, Il Messaggero, Archiv)