Die Tropen sind aus infektiologischer Sicht weitaus näher als man denkt
Ja, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Gerade deshalb heißt es, die Koffer zu packen und sich in der milden Septembersonne von der brütenden Hitze im Juni, Juli und August zu erholen. Hier, auf dem Karst-Rücken oberhalb von Triest mit Blick aufs Mittelmeer bietet sich die ideale Gelegenheit dazu. Schloss Duino ist nicht weit, dort hat Rilke einst schwermütigen Elegien verfasst. Bei Pasta und Meeresfrüchten in der Trattoria braucht es nur wenig Fantasie, um sich auszumalen, dass die Sonne gerade jetzt „die letzte Süße in den schweren Wein“ jagt. So wie es der Dichter vorausgesehen hat.
Doch dann, der Vino della casa schmeckt vorzüglich, ist da dieser fiese Stich an der Schläfe. Die Hand war leider zu träge, um das Insekt rechtzeitig zu verscheuchen; vielleicht auch der Kopf zu benebelt. Und plötzlich bohrt sich dieser beunruhigende Gedanke ins Hirn: Der Schmerz durch das Stechtier war schließlich ziemlich intensiv – was, wenn der Moskito dabei exotische Leiden oder andere gemeine Krankheiten übertragen hat? Zwar liegt das Dorf mit der Trattoria im Golf von Triest am nördlichsten Punkt der Adria und damit gleichsam im Großraum von München. Doch hat es nicht kürzlich sogar am Frankfurter Flughafen einige Fälle von Malaria gegeben?
Man wird sich daran gewöhnen müssen, dass diese Diagnosen auch in Mitteleuropa gelegentlich auftauchen
Vorbei die Zeiten, als Stechmücken eine unbedingt lästige, aber weitgehend harmlose Randerscheinung unserer Sommerexistenz waren, auch wenn sie zwingend zur Urlaubsfolklore in Schweden gehörten. Früher haben die Stiche gejuckt, sich manchmal vielleicht entzündet, das war’s. Und heute? Der Begriff „Tropenkrankheiten“ sollte schleunigst aus dem allgemeinen Wortschatz und den Diagnosekatalogen gestrichen werden. Schließlich ist gelegentlich von einer „Flughafen-Malaria“ die Rede; im Umfeld des Frankfurter Airports gab es bereits den dritten Todesfall durch die Infektionskrankheit in diesem Jahr. Die genauen Umstände, etwa das Alter der Betroffenen und eventuelle Vorerkrankungen, sind allerdings unklar.
Trotz dieser tragischen Fälle ist das Risiko für eine Malaria-Erkrankung in Deutschland bisher extrem gering. Experten geben Entwarnung und bezeichnen die Gefahr allenfalls als „theoretisch“. Mit anderen Erkrankungen, die bisher nicht in unseren Breiten vorkamen oder kaum beachtet wurden, werden wir uns hingegen künftig arrangieren müssen. Durch die heißeren und zumeist feuchteren Sommer übertragen Insekten-Arten inzwischen auch zwischen Büsum und Berchtesgaden Krankheiten, die in Deutschland zuvor allenfalls als Mitbringsel von Fernreisen diagnostiziert wurden. Das West-Nil-Fieber, von heimischen Stechmücken weitergegeben, gehört ebenso dazu wie das zumeist von Zecken verbreitete Fleckfieber.
Die Asiatische Tigermücke macht ihrem Namen auch keine exklusive geografische Ehre mehr, denn sie ist längst im Süden und Südwesten Deutschlands heimisch und wird zudem auch in Berlin immer wieder gesichtet. Sie kann das Dengue-Fieber und das Chikungunya-Fieber übertragen, theoretisch auch das Zika-Virus. Bis vor Kurzem konnten medizinische Laien und die meisten Ärzte diese Namen kaum buchstabieren. Künftig wird man sich daran gewöhnen müssen, dass diese Diagnosen auch in Mitteleuropa gelegentlich auftauchen.
Wer jetzt kein Moskitonetz hat, kauft sich keines mehr, könnte man frei nach Rilke fatalistisch unken. Doch so weit ist es noch nicht, Grund zur Panik besteht nicht. Ein Mückenstich ist nicht automatisch die Eintrittspforte für einen tückischen Erreger. Und noch immer sind die Gefahren für Krankheit und Leid durch Insekten in Deutschland sehr gering. Ein Umdenken ist allerdings durchaus notwendig, denn die Tropen sind aus infektiologischer Sicht weitaus näher als man denkt.